Hells Angels vs. Bandidos Harte Jungs auf Kuschelkurs

Wagen Deutschlands Rocker den Waffenstillstand? Nach Straßenschlachten und Mordanschlägen wollen die verfeindeten Hells Angels und Bandidos den Bandenkrieg offenbar entschärfen - denn unter der Dauerfehde leiden auch ihre Geschäfte.

Bandido in Duisburg: "Das muss aufhören"
DDP

Bandido in Duisburg: "Das muss aufhören"

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Hamburg - Die vergangenen Monate liefen nicht gut für Rocker in Deutschland. Regelmäßig lieferten Hells Angels und Bandidos der Presse Schlagzeilen, regelmäßig war zu lesen, wie sie wieder einmal mit Messern, Keulen, Macheten, Schusswaffen und sogar Handgranaten aufeinander losgegangen waren - und manchmal auch auf Unbeteiligte, wie damals bei der Schießerei in Duisburg.

Im Rückblick war der Mord auf offener Straße in der Ruhrpottstadt wohl so etwas wie ein Wendepunkt. Im Oktober 2009 hatte der Hells-Angels-Anwärter Timur A., 32, Ermittlern zufolge den Bandido Eschli E., 32, erschossen und zudem noch auf zwei Frauen gefeuert. Plötzlich wurde einigen Politikern und Polizeiführern klar, welches Konfliktpotential da außerhalb ihres Blickfelds in der lange Zeit schon abgeschriebenen Rockerszene entstanden war.

Seither zeigen die Beamten nicht nur bei den Kuttenträgern Präsenz, sie informieren die Öffentlichkeit auch fortlaufend über die Umtriebe der Outlaws. Zuletzt berichteten die Medien entsprechend im großen Stil über den beispiellosen Seitenwechsel eines ganzen Bandido-Chapters in Berlin oder über den tödlichen Schuss des Bonner Hells Angel Karl-Heinz "Kalli" B., 43, auf den Polizeioberkommissar Manuel K., 42, im rheinland-pfälzischen Anhausen.

Für große Unruhe sorgte intern außerdem die Kritik des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK) an den unter dem Label "Original 81" vertriebenen Produkten der Hells Angels. Daraufhin hatten einige Händler angekündigt, die umstrittenen Alkoholika aus ihrem Sortiment nehmen zu wollen.

Deutschlands einflussreichster Hells Angel Frank H. schäumte in einer Hannoverschen Lokalzeitung: "Wir haben uns das in fünf Jahren aufgebaut und lassen uns das nicht kaputtmachen." Gegenüber SPIEGEL TV behauptet H. nun, es verdiene ohnehin nur ein Mitglied an "Original 81", und das habe sich finanziell sehr engagiert, weshalb man ihm das Geschäft nicht verderben dürfe.

Geld und Image

Wenn es ums Geld gehe, kennten die Rocker keinen Pardon, sagt ein Ermittler. Zugleich mutmaßt er, dass gerade die Kampagne gegen "Original 81"-Artikel den Höllenengeln deutliche Umsatzeinbußen beschert haben könnte. Zwar donnern die Gesetzlosen zu bestimmten Anlässen gerne in großen Motorradkonvois durch die Innenstädte, doch zu viel Aufmerksamkeit passt ihnen nicht, wenn dann die Geschäft leiden.

Mancher Rocker bekennt inzwischen öffentlich, dass ihm die schlechte Presse der vergangenen Monate auf die Nerven geht. "Wir haben keine Lust mehr, ständig und grundsätzlich als Kriminelle dargestellt zu werden", sagt Micha von den Bandidos SPIEGEL ONLINE. "Das muss aufhören."

Und so wollen die Gangs jetzt nicht nur ihre Harleys, sondern auch ihr Image aufpolieren. Ein Kriminalist, ebenfalls seit Jahren mit der Szene befasst, sagt SPIEGEL ONLINE über die neu entflammte Verständigungsbereitschaft der Motorradclubs: "Die Rocker scheinen erkannt zu haben, dass sie sich in den fortwährenden Auseinandersetzungen aufzureiben drohten und ihnen immer weniger Gelegenheit blieb, Geld zu verdienen."

Ruhe im Rockerland

Deswegen soll nun also Ruhe einkehren ins Rockerland: Die harten Kerle reden auffallend häufig von Frieden, ein bisschen zumindest, für eine gewisse Zeit. Zu harmlos und sanftmütig freilich wollen sie aber auch nicht erscheinen. Sonst könnte sich die Konkurrenz noch zu Attacken ermutigt fühlen. Es ist ein diplomatischer Drahtseilakt, den Angels und Bandidos gerade vollführen - auch unter dem Eindruck eines möglicherweise drohenden bundesweiten Verbots.

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE trafen sich daher Abgesandte der verfeindeten Gangs am 20. März und damit unmittelbar im Vorfeld des Duisburger Mordprozesses gegen Timur A. auf einer Raststätte an der Autobahn 2 - zu Waffenstillstandsverhandlungen. Jedoch können die Gespräche nicht den gewünschten Erfolg gehabt haben, beide Parteien scheuen sich weiterhin, eine gültige Abmachung zu verkünden.

Stattdessen hagelt es Absichtserklärungen: "Beide Clubs sind interessiert, sich in naher Zukunft zu einigen", so Hells-Angels-Chef Frank H. zu SPIEGEL TV. "Wenn jeder in seiner Ecke bleibt, gibt es keine Konflikte."

Ermittler sind skeptisch

Friedensverhandlungen der deutschen Rocker gab es schon früher, zuletzt im Dezember 2008, als sich Hells Angels und Bandidos in Magdeburg trafen und besprachen - zum Friedenschluss kam es damals nicht. Auch jetzt sind Spezialermittler in einigen Landeskriminalämtern äußerst skeptisch, ob die beiden Lager sich überhaupt dauerhaft verständigen können und wollen.

Ein Abteilungsleiter für Organisierte Kriminalität merkt an, dass Scharmützel niedriger Rocker-Chargen selbst nach einem Abkommen kaum ausbleiben werden. "Wir erwarten uns in dieser Hinsicht nicht sehr viel", sagte der Beamte.

Das Landeskriminalamt Niedersachsen teilte SPIEGEL ONLINE auf Anfrage mit: "Unabhängig von einem möglichen Waffenstillstand ändert sich die polizeiliche Bewertung nicht. Wir stufen die Rockergruppierungen nach wie vor als sehr gewaltbereit ein." Die Macht- und Gebietsansprüche der Clubs würden weiterhin "im Extremfall auch mit Waffen durchgesetzt".

Und selbst wenn für einige Zeit nicht geschossen, geschlagen und zugestochen werden sollte, die Geschäfte der Kuttenträger, auch die illegalen, liefen sicherlich weiter. "Wir rechnen fest damit", so der Kieler LKA-Sprecher Stefan Jung, "dass sie weiter Straftaten begehen."

insgesamt 9 Beiträge
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Hercules Rockefeller, 12.04.2010
1. Imagewerte im Keller
Tja, da haben beide Clubs sich einen Bärendienst erwiesen, deren Images sind derart im Keller, da brauchen die mindestens zehn Jahre, um da wieder Land zu sehen. Waren sie bisher von der Allgemeinheit geduldet bzw. akzeptiert und eher positiv gesehen, weil sie ihr eigenes Ding machen und niemanden, der nicht dazugehört bedrängten, hat sich das nun gewandelt. Die Rockerclubs werden als gewalttätige Irre gesehen, die sich nicht wesentlich von primitiven Migrantengangs unterscheiden und für jeden zur Gefahr werden können. Dazu kommen dann noch die allgemeinen Nervfaktoren, wie eigenwillig durchgeführte Straßensperrungen und ähnlich pubertäres Gehabe. Hatten Rockerclubs bisher noch einen Rückhalt in der Bevölkerung, dann haben sie ihn heute eben nicht mehr. Das mag denen egal sein, es wird ihnen aber noch Probleme bereiten.
hatem1 12.04.2010
2. @hercules
Das "Image" der MC's in der Bevölkerung kann denselben völlig egal sein, weil das keinerlei praktische Auswirkungen hat. Die brauchen auch keinen "Rückhalt"- wozu auch? Im übrigen schert sich die Bevölkerung um die MC's nicht. Und hat vor denen auch keine Angst - weil kein normaler Bürer Gefahr läuft, auf der Straße von einem Rocker verprügelt, beraubt oder niedergestochen zu werden. Ganz im Gegensatz zu den von Ihnen aufgeführten "Migrantengangs". Was den MC's Probleme bereitet ist der Verfolgungsdruck der Polizei. Das stört die normalen Geschäfte. Wer sich ins Fäustchen lacht, sind die kriminellen Großfamilien.
mad man walking, 13.04.2010
3. ...
Zitat von hatem1Das "Image" der MC's in der Bevölkerung kann denselben völlig egal sein, weil das keinerlei praktische Auswirkungen hat. Die brauchen auch keinen "Rückhalt"- wozu auch? Im übrigen schert sich die Bevölkerung um die MC's nicht. Und hat vor denen auch keine Angst - weil kein normaler Bürer Gefahr läuft, auf der Straße von einem Rocker verprügelt, beraubt oder niedergestochen zu werden. Ganz im Gegensatz zu den von Ihnen aufgeführten "Migrantengangs". Was den MC's Probleme bereitet ist der Verfolgungsdruck der Polizei. Das stört die normalen Geschäfte. Wer sich ins Fäustchen lacht, sind die kriminellen Großfamilien.
Ach ja ? Die Möglichkeit bei den bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen dieser Burschen "zwischen die Fronten" zu geraten, bei der Handgranatenzündung nebenan, bei der Brandstiftung im Nachbarhaus mit in Flammen aufzugehen oder zufällig ins Schussfeld zu geraten, ist sicher deutlich unangenehmer als auf der Strasse beraubt zu werden ! Also bitte...schluss mit dem Märchen, "diese Jungs kümmern sich "nur" um "ihre" Sachen" ! (siehe Strassensperrungen u.Ä.)
konsch@erfurt 13.04.2010
4. -seufz-
Moin. Wenn ich so ein Gedöns schon lese. Bandidos und Co. auf Kuschelkurs. Seit wann besteht "Rockerland" nur aus dem Ruhrpott und Rest-NRW? Seit wann wird nur in Duisburg gegen Bandidos ermittelt/gerichtlich vorgegangen? Etc. Meine Güte. http://www.thueringer-allgemeine.de/web/zgt/thema/-/specific/Motorradclubs-476337990 Grüße aus Erfurt, Konsch
catcargerry 13.04.2010
5. "Ihre Sachen"
Zitat von mad man walkingAch ja ? Die Möglichkeit bei den bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen dieser Burschen "zwischen die Fronten" zu geraten, bei der Handgranatenzündung nebenan, bei der Brandstiftung im Nachbarhaus mit in Flammen aufzugehen oder zufällig ins Schussfeld zu geraten, ist sicher deutlich unangenehmer als auf der Strasse beraubt zu werden ! Also bitte...schluss mit dem Märchen, "diese Jungs kümmern sich "nur" um "ihre" Sachen" ! (siehe Strassensperrungen u.Ä.)
.. einmal davon abgesehen, dass "ihre Sachen", Schutzgelderpressung, Zuhälterei usw. auch nicht gerade das Programm eines wohltätigen Clubs oder gar staatstragend sind.
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