Grönemeyer über Begegnung mit Fotografen "Ich dachte, er holt ein Messer raus"

Am Flughafen Köln/Bonn geriet Herbert Grönemeyer mit zwei Fotografen aneinander. Er habe seine Familie schützen wollen, sagt der Sänger nun als Zeuge vor Gericht. "Ich war extremst nervös."

Herbert Grönemeyer
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Herbert Grönemeyer

Von Christian Parth, Köln


Vor der Sicherheitsschleuse im Kölner Landgericht drängen sich Fotografen und Kameraleute um Herbert Grönemeyer. Der Sänger, mit Brille und ganz in Schwarz gekleidet, lächelt höflich. Einem Justizbeamten wird der Trubel zu viel: "Jetzt ist mal Ruhe hier", brüllt der Mann. Leicht amüsiert passiert Grönemeyer den Sicherheitscheck.

Der Sänger ist an diesem Mittwoch als Zeuge geladen. Auf der Anklagebank sitzen zwei Kölner Paparazzi, die Grönemeyer im Dezember 2014 am Flughafen Köln/Bonn gegen seinen Willen fotografierten und filmten, was einen Wutausbruch des Sängers zur Folge hatte.

Vier Zivilverfahren haben die beiden Fotografen und die Zeitungsverlage, die Bilder und Videos des Vorfalls verbreitet hatten, bereits verloren. Nun müssen sich Kadir I. und Jens K. vor der Kölner Strafkammer wegen des Vorwurfs der uneidlichen Falschaussage und der falschen Verdächtigung verantworten. Sie hatten Grönemeyer, der damals in Begleitung seiner Lebensgefährtin und heutigen Ehefrau sowie seines Sohnes war, etwa zwei Wochen nach dem Vorfall wegen gefährlicher Körperverletzung angezeigt. Beim Prozessauftakt am Montag erneuerten sie ihre Vorwürfe.

Als Grönemeyer am Zeugentisch Platz nimmt, liefert er rasch noch eine humoristische Einlage. Ob das Mikrofon funktioniert, will der Richter wissen. "Eins, zwei", sagt Grönemeyer wie beim Bühnen-Soundcheck. Aus den Lautsprechern dröhnt seine Stimme. "Ja, jetzt geht was hier."

Dann aber schwindet die gelassene Stimmung. Grönemeyer erzählt von dem Vorfall am Flughafen. "Es war wie eine Jagdszene", erinnert er sich. Der eine Fotograf habe ihn zunächst auf der Rolltreppe überholt. "Dich kenne ich doch", habe der Mann zu ihm gesagt. Der andere sei ihm und seinem Sohn bis auf die Toilette gefolgt, offenbar um sich zu vergewissern, dass er die richtige Zielperson im Visier habe.

Gefühlt "wie ein Hase in der Treibjagd"

Auf dem langen Verbindungsgang zwischen Terminal und Mietwagenschalter hätten sich die beiden schließlich postiert, einer vorne, der andere hinten. "Es gab keinen Ausweg", sagt Grönemeyer, ein "Kesseltreiben" sei das gewesen.

Sie habe Angst gehabt, sagt Grönemeyers Ehefrau, die wie der Sohn des Sängers ebenfalls als Zeugin geladen ist. "Man fühlte sich wie ein Hase in der Treibjagd."

Kadir I. habe dann eine große Tasche geöffnet und seine Kamera mit Teleobjektiv herausgezogen, der Motor für die Serienbildfunktion habe geklackert, schildert Grönemeyer die Situation. "Ich war extremst nervös", sagt er. "Ich dachte, er holt ein Messer raus."

Sein Sohn habe seine Tablettasche vor die Linse gehalten. Danach, so zeigt es auch das 31 Sekunden lange Video, das wie schon beim Prozessauftakt am Montag mehrmals auf großen Leinwänden übertragen wird, geht Grönemeyer auf Jens K. zu, sagt mehrmals "Fuck off" und "ich bin privat hier, du Affe".

Dann ist ein dumpfes Geräusch zu hören, das Bild wird kurz schwarz. Grönemeyer dreht ab und geht zu Kadir I., der anscheinend weiter draufhält, um möglicherweise auch Bilder der Partnerin des Sängers zu erhaschen. Grönemeyer schlägt mit seiner Reisetasche zu, Kadir I. duckt sich, er packt den Fotografen an der Schulter. Der beugt sich, sinkt dann zu Boden. "Warum hauen Sie mich?", fragt er. "Geh' nach Hause", entgegnet der Künstler.

Angeklagter auf dem Weg ins Gericht
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Angeklagter auf dem Weg ins Gericht

Die beiden Fotografen hatten in ihrer Anzeige behauptet, sie hätten Prellungen und Schürfwunden davongetragen, Jens K. habe eine Verstauchung des Mittelfingers erlitten. Das Verfahren gegen Grönemeyer wurde jedoch mangels Tatverdacht eingestellt. Stattdessen erhielten die Paparazzi im September 2015 ihrerseits Besuch von der Polizei. Bei einer Hausdurchsuchung wollte die Staatsanwaltschaft weiteres Beweismaterial sichern.

Jens K., der wegen des Vorfalls eigenen Angaben zufolge mit psychischen Problemen zu kämpfen hat, soll die Beamten dabei mit einem Presseausweis und einem Geldbeutel beworfen haben. Auch dafür muss er sich nun vor Gericht verantworten. Kadir I. soll während der Razzia sogar behauptet haben, Grönemeyer habe ihm und seinem Kollegen 20.000 Euro angeboten, um die Sache geräuschlos aus der Welt zu schaffen. Beweise dafür gibt es offenbar nicht. Grönemeyer dementiert das vor Gericht.

Er habe den Kameramann nicht berührt, nur die Hand vor die Linse gehalten, beteuert Grönemeyer. Er habe nur seine Familie schützen wollen, denn die sei "tabu". Er habe "entspannt" reagiert. Es sei allerdings schade, dass er Kadir I. mit der Tasche nicht härter getroffen habe. Ernsthafte Verletzungen hätte er dem Fotografen damit vermutlich ohnehin nicht zufügen können.

Bewusste Provokation?

Grönemeyers Anwalt lässt die Tasche präsentieren, die er angeblich seit dem Vorfall gleichsam als Beweisgegenstand unangetastet verwahrt haben will. Der Richter öffnet das Gepäck. Darin: Die damals aktuelle Ausgabe der "Zeit", ein paar Stifte und ein Teebeutel.

Am Montag hatte der Vorsitzende Richter die Frage aufgeworfen, ob der Ausraster Grönemeyers von den Fotografen möglicherweise bewusst provoziert worden war. Er zitierte aus einem "Leitfaden" von Hans Paul, dem damaligen Auftraggeber der beiden Fotografen. Darin beschreibt der Paparazzo am Beispiel des Schlagerbarden Guildo Horn, wie man einen Star so lange provoziert, bis er schließlich ausrastet und handgreiflich wird. Wichtig dabei sei, dass man immer zu zweit auftauche, um den Übergriff zu dokumentieren.

"Über solche linken Nummern haben wir nie gesprochen", beteuerte Kadir I.

Lukrativ war der Auftrag für die beiden wohl ohnehin nicht. Kadir I. habe 250 Euro, sein Kollege 150 Euro erhalten. Das eigentliche Geld aber habe Hans Paul kassiert, etwa 10.000 Euro schätzt Kadir I. 60 Prozent des Verkaufs hätten eigentlich an ihn fließen sollen, sagte er. Doch zu einer Auszahlung sei es nie gekommen.

Der Vorfall am Flughafen beschäftige die Familie Grönemeyer noch heute, sagte die 39 Jahre alte Frau des Sängers. Sie hatte sich damals, um unerkannt zu bleiben, die Jacke vors Gesicht gezogen und Schutz bei einem unbeteiligten Pärchen mit Kind gesucht.

"Das Privatleben ist total gestört", sagt sie vor Gericht. In der Öffentlichkeit "können wir nicht mehr als Familie laufen". Sie sei keine öffentliche Person und "ich will es auch nicht sein".

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