Fotografen vor Gericht "Fahr mal hin, Grönemeyer lässt sich immer gut verkaufen"

Zwei Fotografen werfen Herbert Grönemeyer einen tätlichen Angriff am Flughafen vor. Nun stehen sie selbst vor Gericht.

Angeklagter mit Anwältin Adrijana Blazevska-Gkiztavidis
DPA

Angeklagter mit Anwältin Adrijana Blazevska-Gkiztavidis

Von Christian Parth, Köln


Das Video füllt mittlerweile mehrere Aktenordner. Richter Achim Hengstenberg spielt den Mittschnitt nach der Mittagspause ab. Die 31 Sekunden lange Aufnahme zeigt, wie Herbert Grönemeyer am 21. Dezember 2014 am Flughafen Köln/Bonn auf zwei Paparazzi losgeht, die dort auf ihn gelauert hatten.

"Fuck off", sagt der Popstar, der in Begleitung seines Sohnes und seiner Lebensgefährtin war. "Ich hin privat hier, du Affe." Dann holt er aus, das Bild wird schwarz und wackelt, poltern ist zu hören. Grönemeyer geht rüber zu dem anderen Fotografen und schlägt mit einer Reisetasche zu. Wie hart er den Mann erwischt, ist kaum auszumachen. Der Fotograf duckt sich, Grönemeyer packt ihn an der Schulter und drückt ihn nach unten. "Herr Grönemeyer, ich hab Sie", ruft der andere Fotograf aus einigen Metern Entfernung. Er hatte den Vorfall mit einer Filmkamera aufgezeichnet. Zornig verlässt der Sänger die Szene.

Grönemeyers Wutausbruch beschäftigt die Gerichte nun schon seit Jahren. Vier Zivilverfahren wurden geführt, vier Sachverständige haben das Video in Einzelbilder zerlegt und analysiert, um eine Frage zu klären: Wer hat wann was getan und wurden die beiden Fotografen, wie sie behaupten, tatsächlich verletzt?

An diesem Montag startet nun das nächste Verfahren. In dem Strafprozess am Kölner Landgericht wird den beiden Paparazzi falsche Verdächtigung und uneidliche Falschaussage vorgeworfen. Laut Anklage hatten die beiden gegenüber der Staatsanwaltschaft in einem der Zivilverfahren behauptet, Grönemeyer habe sie grundlos körperlich angegangen und verletzt. Doch nicht nur das: Die Anklage geht davon aus, dass die beiden Fotografen nicht allein den Sänger, sondern vor allem dessen Lebensgefährtin ins Bild setzen wollten, da Fotos von ihr in der Öffentlichkeit rar sind.

Nebenbei jetzt Bestatter

Dem widersprechen die beiden Angeklagten. Sie hätten weder gewusst, dass Grönemeyer in Begleitung gereist sei, noch sei ihnen klar gewesen, wer diese Leute gewesen seien. "Fahr mal hin, Grönemeyer lässt sich immer gut verkaufen", habe der Auftraggeber ihm gesagt, erzählt der Angeklagte Kadir I.

Vor Gericht beschuldigen Kadir I. und sein Kollege Jens K. den Sänger erneut: Grönemeyer habe sie geschlagen und verletzt. Sie hätten unter anderem Prellungen, kleine Schürfwunden und Würgemale am Hals davongetragen. Jens K., der auf Krücken in den Gerichtsaal humpelt, wirft dem Sänger vor, mit einem Hieb gegen die Kamera seinen Mittelfinger verstaucht zu haben. Er leide seit dem Vorfall unter einer Herz-Kreislauf-Erkrankung und kämpfe mit psychischen Problemen. Inzwischen sei er im Alter von 39 Jahren Frührentner, schlage sich nebenbei als Bestatter und Fotograf durch.

Die Verteidigerin von Jens K. erhebt schwere Vorwürfe gegen die Staatsanwaltschaft. Die Anklage sei leichtfertig erhoben worden, ihr Mandant solle in die Rolle des bösen Paparazzos gedrängt werden. "Es wird einer Person der Öffentlichkeit mehr geglaubt als einem Journalisten", empört sie sich.

Doch in ihren Aussagen verwickeln sich die beiden Angeklagten in Widersprüche. Mal wollen sie gezielte Schläge gegen das Gesicht gesehen haben, dann wieder nicht, dann doch. Kadir I. erinnert sich erst auf Nachfrage des Richters daran, dass er nach dem Vorfall eine Woche lang unter Kopfschmerzen und Erbrechen gelitten habe. Zur Ursache der Fingerverstauchung liefert sein Kollege Jens K. unterschiedliche Versionen.

Verdutzter Blick zur Verteidigerin

Zudem behauptete Kadir I., Fotos von den Verletzungen seines Kollegen zu haben. Wo denn die Bilder seien, will der Richter wissen und wird ungehalten. Schließlich habe die Staatsanwaltschaft die Angeklagten mehrfach dazu aufgefordert, möglichst das gesamte Material zur Verfügung zu stellen. Verdutzt schaut Kadir I. seine Verteidigerin an, zuckt mit den Schultern und sagt: "Das kann ich gerade auch nicht sagen."

Grönemeyer dürfte gelassen auf den Prozess blicken. Sämtliche Zivilverfahren hat er bereits gewonnen. In den Urteilen wurde es den beiden Paparazzi und den Zeitungsverlagen, die Bilder und das Video veröffentlicht hatten, untersagt, weiterhin Teile des Materials zu verbreiten. Der Mitschnitt habe verheimlicht, dass er in Begleitung von Frau und Kind war, argumentierte Grönemeyer damals. "Das ist ja das Linke an dem Video. Der Auslöser ist nicht da", sagte er später. Er sei immer bereit, Fotos zu machen, wenn man ihn nur frage, sagte er und stellte klar: "Wenn es um meine Familie geht, dann verstehe ich natürlich keinen Spaß."

Auch das Strafverfahren gegen Grönemeyer wegen gefährlicher Körperverletzung, das die beiden Fotografen durch eine Anzeige angestrengt hatten, wurde eingestellt. Am Mittwoch ist der Popstar als Zeuge geladen.



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