40 Jahre Isolationshaft Der lange Kampf des Herman Wallace

Er soll im berüchtigten "Angola"-Gefängnis in den USA einen Wärter ermordet haben, deshalb sitzt Herman Wallace seit 40 Jahren in Einzelhaft. 23 Stunden am Tag verbringt er in einer kleinen Zelle. Eine Dokumentation blickt nun auf seinen Kampf um Freiheit.

GAT Productions

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Die Geschichte von Herman Wallace und den "Angola 3" beginnt vor mehr als 45 Jahren mit einem Banküberfall. Sie nimmt die entscheidende, tragische Wende mit dem Mord an einem Gefängniswärter. Und sie ist noch immer nicht zu Ende.

"Ich kann etwa vier Schritte nach vorn machen, dann berühre ich die Tür", sagt Herman Wallace am Telefon. "Ich bin 23 Stunden am Tag in der Zelle. Ich bin es gewohnt - und das ist das Schlimme daran."

Wallace kommt aus New Orleans und ist 70 Jahre alt, er sitzt - von wenigen Monaten abgesehen - seit 40 Jahren in Isolationshaft. Obwohl es Zweifel an seiner Schuld gibt. Amnesty International kämpft seit langem für ein Ende seiner Einzelhaft. Wallace leide unter Arthrose, Schlaflosigkeit und Gedächtnisproblemen, berichtet die Menschenrechtsorganisation. Die jahrzehntelange Isolationshaft sei ein Skandal.

Eine Dokumentation wirft nun einen neuen Blick auf dieses umstrittene Kapitel der US-Justizgeschichte. Die Arbeiten an dem Film seien schwierig gewesen, sagt Produzent Angad Bhalla zu SPIEGEL ONLINE. "Die Gefängnisleitung hat alle Anträge abgelehnt, im Gefängnis zu filmen."

"Herman's House" basiert zu einem großen Teil auf Telefonaten mit Wallace. Bhalla unterlegt die Stimme des Häftlings mit Animationen seiner Zelle. Der Film wird Ende April auf einem internationalen Filmfestival in Toronto gezeigt, in Deutschland wird er vorerst nicht zu sehen sein.

Die Dokumentation schildert die außergewöhnliche Beziehung zwischen Wallace und der New Yorker Künstlerin Jackie Sumell. "Ich bin weder eine Anwältin, noch reich oder einflussreich", sagt die 38-Jährige. "Aber ich bin eine Künstlerin, und ich wusste: Nur wenn ich ihn zum Träumen bringe, kann ich ihn aus dem Gefängnis bekommen."

Jackie Sumell steht seit 2001 in Kontakt mit Wallace. Sie stellt ihm eine Frage, die beide seither nicht mehr loslässt: "Wie sähe das Traumhaus eines Mannes aus, der seit mehr als 30 Jahren in einer drei mal zwei Meter großen Zelle sitzt?"

Groß und gefährlich - das "Angola"-Gefängnis

Herman Wallace wird 1967 wegen eines Banküberfalls im Louisiana Staatsgefängnis eingebuchtet. "Wir haben viel Mist gebaut, auf den ich heute nicht stolz bin", sagt er im Film. "Als Jugendlicher habe ich sogar Musikinstrumente aus einer Schule gestohlen."

Das Gefängnis, erbaut auf einer früheren Plantage, bekannt unter dem Namen "Angola", ist laut "New York Times" mit rund 5000 Insassen das größte Hochsicherheitsgfängnis der USA. Ende der sechziger Jahre gilt es auch als eines der gefährlichsten.

Rassentrennung, Schlägereien, sexuelle Gewalt sind an der Tagesordnung. Wallace und sein Kompagnon Albert Woodfox, heute 65, gründen eine Black-Panther-Bewegung und machen sich für bessere Haftbedingungen stark. Ein dritter Mann schließt sich an: Robert King.

Am 17. April 1972 wird ein weißer Wärter getötet, noch am selben Tag nimmt die Anstaltsleitung Wallace und Woodfox in Isolationshaft. Sie werden für den Mord verantwortlich gemacht und zu lebenslanger Haft verurteilt - ohne Chance auf Begnadigung. Robert King wird wegen einer anderen Tat in eine der winzigen Zellen verlegt. Die drei schwören bis heute, sie seien unschuldig, man habe sie als unliebsame politische Aktivisten aus dem Weg räumen wollen. Die Leidensgenossen fechten die Urteile an und werden als "Angola 3" bekannt.

Robert King kommt 2001 frei, seither kämpft er für die Begnadigung seiner Weggefährten. Wallace und Woodfox sitzen zwar mittlerweile in anderen Gefängnissen in Louisiana, doch ihre Haftbedingungen haben sich laut Amnesty International nicht verändert.

Die Männer können demnach nur einen kleinen Bereich vor ihren Gitterstäben sehen, natürliches Licht fällt nur durch ein kleines Fenster an der Rückseite der Zelle. Dreimal pro Woche dürften sie sich für eine Stunde draußen in einem umzäunten Platz bewegen - alleine. Der Zugang zu Büchern, Zeitungen und Fernsehen sei eingeschränkt. In all der Zeit sei es ihnen niemals erlaubt gewesen zu arbeiten.

Die Verurteilung von Wallace und Woodfox basiert hauptsächlich auf Aussagen anderer Häftlinge. Laut Amnesty International hat einer seine Angaben später widerrufen. Ein anderer soll von der Gefängnisleitung bestochen worden sein. DNA-Spuren, die Wallace und Woodfox entlasten könnten, seien verloren gegangen. Selbst die Witwe des ermordeten Wächters sagt 2008, sie glaube nicht, dass Wallace und Woodfox die Täter waren.

Mehr als 150 Mal haben Untersuchungsausschüsse in Louisiana seit 1972 die Einzelhaft der beiden überprüft. Mehr als 150 Mal haben sie eine Begnadigung abgelehnt. "Wo ist der Beweis dafür, dass die zwei Männer so gefährlich sind, dass sie unter diesen Bedingungen eingesperrt werden müssen?", fragt Everette Harvey Thompson von Amnesty International. "Sie haben saubere Führungsakten, sie sind alt, vier Jahrzehnte in Einzelhaft haben sie geistig und körperlich zerbrechlich gemacht."

"Eine einzigartige Freundschaft"

Als Jackie Sumell ihn nach seinem Traumhaus fragt, ist Wallace zunächst skeptisch, doch er lässt sich auf den Versuch ein. In Hunderten Briefen und Telefonaten entwickeln sie fünf Jahre lang ein Modell. Wallace träumt von Spiegeln über dem Bett und von einer Badewanne so groß wie seine Zelle.

Aus dem Projekt entsteht eine Ausstellung, die ab 2008 in fünf verschiedenen Ländern gezeigt wird. Doch damit nicht genug: Wallace bittet schließlich darum, den Traum wahr werden zu lassen. Das Haus soll gebaut werden, als Symbol, in seiner Heimatstadt. Tatsächlich zieht Sumell nach New Orleans, doch bisher kann sie die nötigen Mittel für den Bau nicht aufbringen.

Es ist Wallace, der ihr Verhältnis überraschend klar sieht: "Jeder hat eine Absicht", sagt der 70-Jährige. Er helfe Jackie bei ihrer Karriere, und Jackie helfe ihm, um auf seinen Kampf aufmerksam zu machen. "Aber darüber darf man nicht die Bindung vergessen, die wir aufgebaut haben." Es sei eine einzigartige Freundschaft, "fast schon familiär", sagt Dokumentarfilmer Bhalla.

Im Oktober 2009 lehnt das Berufungsgericht in Louisiana die jüngste Beschwerde von Wallace ab. Nun liegt der Fall bei einem Bundesgericht.

Er habe zuletzt vor zwei Wochen mit Wallace gesprochen, sagt Bhalla. Er sei nach wie vor zuversichtlich. "Je mehr er über die Unterstützung draußen erfährt, desto stärker glaube er daran, freizukommen", sagt Bhalla.

"Ich hatte einen Traum, in dem ich zum Gefängnistor gegangen bin", sagt Wallace in der Dokumentation. "Du wirst es nicht glauben: Ich bin hinausgetanzt, ich habe alle möglichen verrückten Bewegungen gemacht, die Leute haben gelacht und geklatscht bis ich durch das Tor war."



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