Bluttaten von Herne Mörder ohne Eigenschaften

Warum mussten ein Kind und ein junger Mann sterben? Die Banalität des Motivs für den Doppelmord von Herne schockiert selbst erfahrene Ermittler.

Von , Düsseldorf


Die Flucht eines mutmaßlichen Mörders führt schließlich in die Grillstube Thessaloniki in der Herner Bismarckstraße. "Ich bin der Gesuchte", soll Marcel Heße dort gesagt haben. Und: "Bitte rufen Sie die Polizei." Damit endet am Donnerstag um 20.15 Uhr die mehrtägige Fahndung nach dem Mann, der am Montagabend einen Nachbarsjungen und am Dienstagmorgen einen 22-Jährigen erstochen haben soll.

Nach Erkenntnissen der Polizei lockte Heße den Neunjährigen, den er seit langer Zeit kannte, unter einem Vorwand aus dem Haus und tötete ihn mit 52 Messerstichen in seinem Keller. Anschließend schickte er wohl einem Bekannten Bilder, die das tote Kind und ihn selbst blutverschmiert zeigten. Der Empfänger der Nachrichten wiederum soll die grauenhaften Aufnahmen im Internet hochgeladen haben. Schließlich informierte er die Polizei.

Heße flüchtete laut Polizei nach der Tat aus der Siedlung, in der er mit seinen Eltern gelebt hatte. Er versteckte sich zunächst in einem nahe gelegenen Waldstück. Anschließend machte er sich auf den Weg zu einem ehemaligen Mitschüler, den er flüchtig von einem Berufskolleg kannte. Die jungen Männer aßen zusammen, sie spielten Computer, gegen zwei Uhr in der Nacht gingen sie zu Bett. Als der Bekannte am nächsten Morgen im Internet sah, dass nach Heße gefahndet wurde, und ihn zur Rede stellte, tötete er wohl auch diesen. 68 Mal stach er mit einem Messer zu.

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Kindermord von Herne: Ende einer Flucht

Wieder machte Heße Bilder von seinem Opfer. Zusammen mit Nachrichten will er sie von den Geräten des Getöteten an Bekannte verschickt haben. Erneut tauchten die Nachrichten aber kurze Zeit später im Netz auf. In einem von der Polizei veröffentlichen Chat beschrieb Heße, wie er ein "120 kg Biest bekämpft" habe.

Weil die Ermittler zunächst davon ausgingen, der Täter spreche von einer Frau, suchten sie nach einem weiblichen Opfer. Doch offenbar meinte Heße den 22-Jährigen, in dessen Wohnung in der Herner Sedanstraße er untergekommen war. Dort hielt er sich wohl so lange auf, bis er sich offenbar aus eigenem Antrieb heraus am Donnerstagabend vor dem Lokal Thessaloniki der Polizei stellte.

Das öffentliche Interesse an der Flucht Heßes, die doch eher ein Abtauchen war, wurde befeuert von den immer neuen Postings, die im Netz erschienen. Viele Nachrichten können die Ermittler inzwischen Trittbrettfahrern zuordnen, doch einige Botschaften stammten laut Polizei von Heße - auch wenn er bestritt, sie ins Internet gestellt zu haben, und sie lediglich an Bekannte verschickt haben will.

Dennoch scheint es, als habe Heße an dem Spiel mit seinem auf perverse Art und Weise faszinierten Publikum Gefallen gefunden. Wahrscheinlich hat sich der mutmaßliche Doppelmörder - nach allem, was man bislang über ihn weiß -, noch nie so bedeutend, so mächtig, vielleicht auch so lebendig gefühlt wie in den vergangenen Tagen.

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Denn eigentlich ist Heße ein Außenseiter, einer, der in Militärjacken und Stiefeln umherrannte und hart und männlich erscheinen wollte, obschon er auf seine Umwelt einen ganz anderen Eindruck machte: schwächlich, kränklich, sonderbar. Die Ermittler beschreiben ihn als Einzelgänger.

Auch in der Nachbarschaft galt der 19-Jährige, dessen Eltern Hartz IV beziehen, als psychisch auffällig, eine Arbeitsstelle oder einen Ausbildungsplatz hatte er nie. Nach Informationen des SPIEGEL bewarb sich Heße im Herbst 2016 als Zeitsoldat bei der Bundeswehr. Doch die Truppe lehnte seine Bewerbung im Februar 2017 ab. Was er sonst tun sollte, wusste er wohl nicht.

Marcel Heße war in der Realität ein Niemand, ein Gescheiterter, weshalb er sich in die Virtualität geflüchtet haben könnte. In den düsteren Ecken des Netzes, so mag er es empfunden haben, war er anerkannter als in der grellen Wirklichkeit. Dort, im Netz, wurde er wahrgenommen, der Niemand war dort ein Jemand. Menschen reagierten auf ihn und bestärkten ihn, selbst wenn es um seine verstörenden Gewaltfantasien und Todessehnsucht ging.

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Er habe sich am Montagabend umbringen wollen, erzählte Heße den Ermittlern. Als Grund gab er seine Frustration an, weil die Bundeswehr ihn abgelehnt hatte. Außerdem habe er Angst gehabt, nach einem geplanten Umzug keinen Internetzugang mehr zu haben. Er sei computer- und videospielsüchtig, so Heße laut Polizei.

Doch die Versuche, sich zu erhängen oder mit giftigen Gasen zu töten, scheiterten am Montagabend, weshalb Heße nach Erkenntnissen der Ermittler seinen Plan änderte. Jetzt sollten andere bezahlen für das Leid, das er empfand. Heße habe aus Mordlust und heimtückisch gehandelt, sagte der zuständige Staatsanwalt Danyal Maibaum.

Der offenkundige Narzissmus und die Empathielosigkeit des Täters schockierten selbst erfahrene Ermittler. "Wir haben schon viel Elend miterleben müssen, aber so ein Mordfall geht unter die Haut", so der Leiter der Mordkommission, Klaus-Peter Lipphaus.

In den Vernehmungen sei Heße "eiskalt" gewesen, sagte Lipphaus. Und zugleich scheint sich der mutmaßliche Mörder über die Aufmerksamkeit zu freuen, die die Beamten ihm schenken. Er redete und redete und redete. "Ich habe an wenig von dem, was er sagt, Zweifel. In allen Bereichen kann man ihm aber nicht trauen", sagte der Chefermittler. "Er diktiert den Kollegen."

Der Staatsanwalt kündigte bereits an, Heße psychiatrisch begutachten zu lassen. Die zu beantwortende Frage wird nicht sein, wie krank es ist, was er tat - sondern wie krank Marcel Heße ist.

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