Herne-Prozess Marcel zeigt sein Gesicht, aber keine Gefühle

Marcel H. hat einen Jungen und einen Bekannten getötet - beide mit Dutzenden Messerstichen. Vor Gericht gibt sich der 19-Jährige regungslos. Sein Anwalt versucht, das zu erklären.

Von , Bochum


In Saal C240 des Bochumer Landgerichts wird ein Mitschnitt der Notrufzentrale vom 9. März abgespielt. Eine Stimme ist zu hören: "Sie kennen doch sicherlich Marcel H.? Der ruft gerade an." Er sei in einer Dönerbude, erklärt der Anrufer dem hörbar irritierten Beamten, wann denn ein Streifenwagen da sein könne?

Der Anrufer, Marcel H., klingt aufgeräumt und freundlich - so gar nicht, wie man es von jemandem erwarten würde, der kürzlich einen Freund getötet und dessen Wohnung angezündet hat; der drei Tage zuvor einen kleinen Jungen erstach und deswegen bundesweit gesucht wird.

Mit jenem Anruf endete die Fahndung nach Marcel H., die weit über das Ruhrgebiet hinaus die Menschen aufwühlte. Jetzt muss sich der 19-Jährige wegen zweifachen Mordes vor dem Bochumer Landgericht verantworten.

Er wirkt klein, blass, schmächtig, betritt den Saal aber sehr aufrecht, mit geraden Schultern. Minutenlang lässt er sich fotografieren und filmen. Er zeigt bereitwillig sein Gesicht - aber keine Gefühle, gibt sich regungslos, unbeeindruckt. Auch als ihn jemand aus dem Zuschauerraum als "Wichser" tituliert und zustimmend gelacht wird.

Das Interesse an dem Fall ist so groß, dass die 100 Plätze nicht für alle Menschen reichen, die seit dem frühen Morgen vor dem Saal gewartet haben. Nicht für alle Freunde und Verwandte der beiden Opfer und nicht für alle Medienvertreter.

Laut Anklage hat Marcel H. am 6. März zunächst "heimtückisch und aus Mordlust" den neunjährigen Jaden aus der Nachbarschaft in Herne getötet. Unter einem Vorwand lockte er demnach das Kind in einen Keller, nutzte dessen Arglosigkeit aus und stach 52-mal auf den Jungen ein. "Marcel H. handelte in dem Streben danach, einen Menschen sterben zu sehen", sagt der Staatsanwalt.

Bilder der Tat gelangten schon kurz danach ins Internet, Marcel H. hatte sie einem Freund geschickt. Im Chat soll er zuvor von einem gescheiterten Suizidversuch berichtet und dann etwas "Knastwürdiges" angekündigt haben. Als ein Internetnutzer die Polizei alarmierte und tatsächlich ein totes Kind im Keller gefunden wurde, fiel der Verdacht schnell auf den 19-Jährigen. Die Polizei startete eine großangelegte Suche.

Marcel H. versteckte sich zu diesem Zeitpunkt bei einem Freund in Herne. Als der 22-Jährige jedoch merkte, wem er da Unterschlupf gewährte, drohte er H. mit der Polizei. Laut Anklage holte der 19-Jährige daraufhin sein Klappmesser heraus und stach 68-mal auf den jungen Mann ein. Einige Tage blieb H. den Angaben zufolge danach noch in der Wohnung. Dann legte er Feuer, um die Tat zu vertuschen.

"Richtig so"

Im Gerichtssaal hört sich der Angeklagte all das unbeirrt an. Nur zwei Wörter sagt er, als es um seine persönlichen Daten wie das Geburtsdatum geht: "Richtig so." Ansonsten will er nicht reden. Zu seiner Person und zur Sache werde sich der Angeklagte zunächst nicht äußern, teilt sein Pflichtverteidiger Michael Emde in einer Erklärung mit. Aber: Sein Mandant trete "den Anklagepunkten in tatsächlicher Hinsicht nicht entgegen". Das ist wohl als Geständnis zu verstehen.

Der Angeklagte habe zugestimmt, dass sein Gesicht in den Pressefotos nicht unkenntlich gemacht werden müsse, heißt es in der Erklärung des Anwalts. Er begründe das damit, dass seine Familie ohne seine Zustimmung bereits so viele Fotos an die Öffentlichkeit gegeben habe, dass eine Anonymisierung unrealistisch sei. Vielleicht sieht er die Sache tatsächlich so nüchtern, vielleicht genießt er die Aufmerksamkeit, genau klären lässt sich das noch nicht.

Schon bei der Polizei hatte Marcel H. die Taten zugegeben. Was ist dieser 19-Jährige für ein Mensch? Wieso tötete er? Und wie kann und soll er bestraft werden? Bis Mitte November will das Gericht Antworten gefunden haben.

Der Angeklagte entschuldigte sich über seinen Anwalt für seine "unangemessene Kleidung": schlabbrige, blaue Hose, grauer Pulli. Aus seiner Familie habe ihm niemand bessere Sachen zum Anziehen geschickt, ließ er mitteilen. Seine Mutter soll sich Medienberichten zufolge von ihm abgewandt haben.

"Ein Klugscheißer"

Er sei ein "auffälliger Schüler gewesen", berichtet einer der ersten Zeugen, der mit ihm in der neunten Klasse in die Realschule ging. Er habe fast immer Militärklamotten angehabt, sei ungepflegt gewesen und in den Pausen meist allein. "Er hatte kaum Freunde und war selten da." Marcel habe oft die Schule geschwänzt, weil er zu Hause zocken wollte. Er sei aber durchaus schlau: "ein Klugscheißer".

Der Staatsanwaltschaft liegt nach Angaben des Gerichts ein vorläufiges Gutachten vor, wonach der Angeklagte voll schuldfähig ist. Sein Anwalt Emde sagt, H. habe keinen Zugang zu seinen Gefühlen. Er zeige keine Reue. "Das bedeutet aber nicht, dass er keine Reue hat", sagte der Verteidiger am Rande der Sitzung. Er hofft, dass das Jugendstrafrecht angewendet wird, davon hängt maßgeblich ab, wie lange Marcel H. bei einem Schuldspruch ins Gefängnis müsste.

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