SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

12. September 2019, 17:44 Uhr

Hildesheim

Missbrauchsprozess gegen Pädagogenpaar  gestartet

Mädchen wurden mutmaßlich sexuell missbraucht und eingesperrt: Ein Ehepaar, das eine Wohngruppe in Gifhorn leitete, steht vor Gericht. Er soll der Haupttäter, sie vor allem nicht eingeschritten sein.

In Hildesheim hat der Missbrauchsprozess gegen ein Pädagogenpaar aus Gifhorn begonnen. Die beiden waren für eine Wohngruppe zuständig, in der sich die Taten ereignet haben sollen. Dem Mann wird elffacher sexueller Missbrauch und Misshandlung von Schutzbefohlenen in vier Fällen vorgeworfen.

Seine Frau soll die Taten gebilligt haben und nicht eingeschritten sein. Beide hatten bis zu sieben Kinder und Jugendliche in ihrem Haus betreut. Eine frühere Bewohnerin war im Januar zur Polizei gegangen, daraufhin schloss der Träger die seit rund 25 Jahren bestehende Einrichtung.

Laut Staatsanwaltschaft soll es in mindestens zwei Fällen zu einem schweren sexuellen Missbrauch gekommen sein. Der Angeklagte habe ausgenutzt, dass das Paar die Obhut und Fürsorge für die Kinder ausübte und dass der Alltag gemeinsam gelebt wurde, sagte die Staatsanwältin. Sexuelle Übergriffe soll es in der Badewanne, unter der Dusche und im Betreuerschlafzimmer gegeben haben. Die vier Opfer waren demnach zwischen sechs und 14 Jahre alt.

Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft soll ein Kind damit bestraft worden sein, dass es eine Woche lang übereinandergeklebte Windeln tragen musste, die nicht geleert wurden, was ihm erhebliche Schmerzen zufügte. Zudem wurde laut Anklage ein Mädchen in einen Hundekäfig gesperrt und ihm Hundefutter vorgesetzt. Ein Kind soll mehrere Tage im Haus eingesperrt worden sein, während die Gruppe einen Ausflug machte.

Die beiden Tatverdächtigen klagen vor dem Arbeitsgericht Braunschweig gegen ihre fristlosen Kündigungen. Die 60-Jährige will nach Angaben des Trägers, der die Gruppe 2007 übernahm, weiter Kinder betreuen.

"Für meine Mandantin war es eine Tortur"

Die Angeklagten äußerten sich zum Prozessauftakt zu den Vorwürfen, zuvor wurde allerdings die Öffentlichkeit auf Antrag der Verteidigung ausgeschlossen, weil ihre Intimsphäre zur Sprache kam. Außerdem sollte die Privatsphäre der Opfer geschützt werden.

Die vier früheren Bewohnerinnen sollen als Zeuginnen gehört werden und sind Nebenklägerinnen. Eine 33-Jährige war beim Prozessauftakt dabei, sie lebte um das Jahr 2000 in der Gruppe. Seine Mandantin habe sich schon damals wegen der Taten einer Betreuerin anvertraut, die aber beim damaligen Träger der Einrichtung kein Gehör gefunden habe, sagte ihr Anwalt Lutz Kesselhut. Dann habe sie über Jahre nicht darüber sprechen können. "Für meine Mandantin war es eine Tortur. Sie hat es umfassend verdrängt", sagte der Anwalt. Erst durch die Anzeige einer früheren Mitbewohnerin sei alles wieder hochgekommen.

Im Zeitraum der mutmaßlichen Übergriffe von 1998 bis 2007 war die Diakonie Kästorf Träger der Familienwohngruppe. Sie hatte sich 2007 von dem Paar getrennt, neuer Träger wurde Life Concepts Kirchröder Turm. Der Grund für die Trennung seien aber nicht Hinweise auf sexuellen Missbrauch gewesen, hieß es von der Dachstiftung Diakonie.

In der Gruppe seien auch Kinder untergebracht gewesen, die in der Vergangenheit Traumatisches erlebt hatten. Wie die Staatsanwaltschaft im Mai berichtete, hatte der Angeklagte zunächst zu den Vorwürfen gesagt, dass es sich um "Re-Inszenierungen" vergangener Erlebnisse gehandelt habe.

bbr/dpa

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung