Hinrichtung in Virginia Letzter Vorhang für den "Washington Sniper"

Er terrorisierte wochenlang die US-Hauptstadt, war beteiligt an der willkürlichen Ermordung von zehn Menschen. Jetzt wurde der als "Heckenschütze von Washington" bekannte John Allen Muhammad hingerichtet - und die US-Medien erwiesen ihm zuverlässig die letzte Ehre.
Hinrichtung in Virginia: Letzter Vorhang für den "Washington Sniper"

Hinrichtung in Virginia: Letzter Vorhang für den "Washington Sniper"

Foto: STR/ Reuters

Die Medienkrise macht auch vor Hinrichtungen nicht halt. Viele US-Zeitungen schicken keine Reporter mehr zu Exekutionen, weil die Anreise zu teuer ist und sie nur noch selten Schlagzeilen machen. Das führt schon zu Artikeln darüber, ob ein weiterer Journalisten-Berufszweig ausstirbt. Diesmal: der Hinrichtungsexperte.

Am Dienstagabend jedoch erlebte das Genre noch einmal eine Renaissance. Pünktlich um neun Uhr, zur besten Sendezeit, begann im Greensville Correctional Center in Virginia die Hinrichtung von John Allen Muhammad, 48, - und die Journalisten balgten sich um den besten Platz.

Schließlich stand der Tod eines Medienstars auf dem Programm. Muhammad hat vor ziemlich genau sieben Jahren, im Oktober 2002, gemeinsam mit dem erst 17 Jahre alten Lee Boyd Malvo zehn Menschen in Washington und Umgebung wahllos erschossen - und eine ganze Region fast drei Wochen lang in Panik versetzt. Amerikas Medien tauften das tödliche Duo, das aus dem Auto mit einem Gewehr zielte, die "Washington Snipers", die Hauptstadt-Heckenschützen.

"Bald wird er die Hand des Teufels schütteln"

CNN-Talkshowlegende Larry King lässt seine Kameras, untermalt von einer Art Trommelwirbel, direkt auf den Wachturm des Gefängnisses halten. Fox News kündigt "Breaking News" an, "sobald wir die Hinrichtung bestätigen können". Ein Top-Polizist beteuert vor laufender Kamera, wie gerne er selbst die Exekution durchführen würde: "Bald wird Muhammad die Hand des Teufels schütteln."

Unter den Zuschauern im Gefängnis wartet auch Marion Lewis, Vater von Lori Ann Lewis-Rivera. Sie reinigte am 3. Oktober 2002 ihr Auto an einer Tankstelle bei Silver Springs, als sie der tödliche Schuss traf. Lewis hatte "Inside Edition", ein TV-Klatschmagazin, gefragt, ob man ihm die Anreise aus Idaho nach Virginia bezahlen könne - im Austausch gegen ein Interview vor der Hinrichtung und eines danach. Die Fernsehleute waren dazu gern bereit. Schließlich hat der trauernde Vater eine Menge zu sagen. Er würde Muhammad am liebsten eigenhändig töten, ganz langsam, drei Tage lang. "Er würde dabei die ganze Zeit schreien", erklärt Lewis der Nachrichtenagentur AP.

Doch vor dem Greensville Correctional Center sind keine Schreie zu hören, und fast wird klar, warum die Medien über Hinrichtungen nur noch so selten berichten. Um 21.18 Uhr tritt ein Gefängnissprecher vor die Journalisten. Er sagt, die Hinrichtung sei vollzogen worden. Um 21.06 Uhr habe Muhammad die Giftinjektion erhalten, um 21.11 Uhr habe man den Tod festgestellt. Ruhig sei der Todeskandidat gewesen, gekleidet in Jeans, Hemd und Flip-Flops. Fast bewegungslos. Ein letztes Wort? Nein, nichts.

Die Reporter bombardieren den Zeugen mit Fragen. Welche Farbe Muhammads Hemd doch gleich? Wirklich kein letztes Wort? Und wieso die Flip-Flops? Es ist ein Spektakel, wie es Gegner der Todesstrafe so häufig anprangern. Doch, anders als sonst bei Hinrichtungen, haben sich kaum Protestler eingefunden.

Kein Protest gegen die Exekution

Denn Muhammad taugt einfach nicht als Symbolfigur gegen den staatlich verordneten Tod. Seine Verbrechen waren so abscheulich, so wahllos, so sinnlos. Muhammad und Malvo fuhren kreuz und quer durch Washington und Umgebung in einem verbeulten Chevrolet, den sie für 250 Dollar gekauft hatten, sie hatten die Sitze so umgebaut, dass man im Liegen schießen konnte. Der junge Malvo feuerte wohl alle Schüsse ab.

Die Opferwahl erfolgte völlig willkürlich: Es traf Menschen auf Spielplätzen, an Tankstellen, beim Rasenmähen oder beim Einkaufen. Das Duo wütete vom 2. Oktober bis zum 22. Oktober. Allein am 3. Oktober 2002 töteten die beiden Männer fünf Menschen im Norden der Stadt.

Es war eine traumatische Zeit für die US-Hauptstadt, nur ein Jahr nach den Anschlägen vom 11. September, der Terror schien zurückzukommen. Eltern behielten ihre Kinder zu Hause, die Gärten und Parks lagen verwaist da, mitten im sonnigen Herbst, jede kleine Besorgung wurde zur Reise mit der Angst.

Die "Snipers" zogen durchs Land, zwischendurch versuchten sie Geld zu erpressen, stellten sich dabei jedoch dilettantisch an. Muhammad schien mit den Motiven der islamistischen Terroristen zu sympathisieren, aber auch das wohl nur halbherzig. Vielleicht wussten die beiden selbst nicht, was sie trieb, außer Wahn und Größenwahn. Muhammad rief bei der Polizei an, er schrie in den Hörer: "Ich bin Gott." Ein Fingerabdruck des jungen Malvo führte die Ermittler auf ihre Spur. Sie fanden das Duo in seinem Auto, schlafend.

Gnadengesuche bis zur letzten Minute

Für Muhammad war es das traurige Ende eines ziemlich traurigen Lebens. Er kämpfte im Golfkrieg, doch fasste danach nicht mehr Tritt. Er wurde gewalttätig in seiner Ehe, er entführte seine Kinder nach Antigua. Dort freundete er sich mit Malvo an, als er den Jungen und seine Mutter traf. Auch dessen junges Leben war schon aus der Bahn geraten, er kam aus einer heillos zerrütteten Familie. Muhammad wurde wohl eine Vaterfigur für ihn, die beiden lebten gemeinsam in Obdachlosenheimen, in ihrem Auto.

Malvo sitzt im Gefängnis, die Todesstrafe blieb dem Jugendlichen erspart. Doch er wird lebenslang inhaftiert bleiben, ohne Aussicht auf Gnade. Seine Sozialarbeiterin zeigt Journalisten Bilder, die er gemalt hat, auf denen er weint. Sie glaubt: Er ist jetzt ein anderer Mensch, fern von Muhammads Einfluss.

Und Muhammad? Nur seine Anwälte sprechen noch für ihn und über ihn. Sie argumentierten im Prozess, er habe ja gar nicht geschossen, doch die Geschworenen verurteilten ihn einstimmig. Später machten die Verteidiger geltend, der Kriegsveteran leide unter Schizophrenie. So baten sie bis zur letzten Minute um Gnade für ihn.

"Wie fühlen Sie sich?"

Nach der Hinrichtung sagt einer der Anwälte, er fühle sich schrecklich. Doch dann spricht er so begeistert über Verfahrensfehler und mögliche Einwände, als wirke er vor allem traurig, dass jetzt sein schöner Fall vorbei ist.

Die Reporter, die bei der Hinrichtung dabei waren, werden von ihren Kollegen draußen mit Fragen bestürmt, was sie empfunden haben während der Exekution. Sie antworten: "Wir machen nur unseren Job." Sie wiederholen es, fast ärgerlich, ihnen scheint die Frage unangenehm zu sein. Dann fällt ihnen doch noch etwas ein: Eine Frau im Zuschauerraum habe im Moment, als der Tod festgestellt wurde, gesagt: "Interessant."

Larry King bohrt da lieber selbst nach. Auf CNN interviewt er live Steven Moore, Bruder eines der Muhammad-Opfer. "Ihre Schwester wurde getötet von einem Mann, der gerade vom Bundesstaat Virginia getötet wurde. Wie fühlen Sie sich?"

Gleichzeitig werden die Bilder der getöteten Schwester eingeblendet. Moore ringt nach Worten. King hat dafür keine Zeit. "Haben Sie jetzt das Gefühl, einen Schlussstrich ziehen zu können?", hakt er nach. Fünf Minuten nach der Hinrichtung.

Moores Antwort, welche Überraschung: "Nein."

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