Historischer Postraub Ein verhängnisvoller Wisch

Die Ausstellung "Spurensuche" in Mannheim dokumentiert erstmalig die kühle Ästhetik der Polizeifotografie. Von besonderer Bedeutung in der Schau: ein tragisch-komischer Postraub aus dem Jahr 1949, bei dem das körperliche Bedürfnis den Gangstern zum Verhängnis wurde.

Von Jochen Schönmann


Mannheim - Eigentlich hat Thomas Schirmböck im Moment nicht viel zu lachen. Er ist Leiter des Fotografieprojekts "Zephyr" und organisiert die Ausstellung "Spurensuche", die am Sonntag in den Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen beginnt. Sie zeigt Polizeifotografien aus den Jahren 1946 bis 1971. Deshalb hat Schirmböck in den letzten Monaten nicht mit Motiven zu tun, die sich unbedingt für einen guten Witz eignen.

Die Bilder zeigen den unverhüllten Blick auf das Elend der Nachkriegszeit oder das in eigenartig nüchterner Perspektive festgehaltene stille Leid von Opfern. Sie zeigen Tatorte, Tatwerkzeuge, Täter: All dies aus der eigentümlich leidenschaftslosen Statuserhebung der Kriminalistik heraus. Der distanzierte, protokollarische Blick auf die Beweismittel lässt einen frösteln.

Und trotzdem: Mitten in dieser düsteren, nachdenklichen Sammlung findet sich eine Fotoreihe, deren Geschichte im Nachhinein vor allem eines ist: ziemlich komisch.

Es geht um das Pech von Günther Hörner, einem der größten Gauner der frühen Nachkriegszeit, und seinen Kumpanen: die Gebrüder Stuck, Peter Breuning und "Knabenschuh" alias Robert Panko - ein "geliebter Beau der leichten Mädchen in Mannheim", schrieb seinerzeit der SPIEGEL. Mit seiner Gang hatte Hörner damals in einem legendären Coup 160.000 Mark erbeutet. Eine für damalige Verhältnisse gigantische Summe.

Es war ein filmreifer Postraub, der 1949 bundesweit Aufsehen erregte. Der Raub bildete später die Vorlage für Otto Wernickes Kriminalfilm "Wer fuhr den grauen Ford?" Hörner war wohl so etwas wie der Vorläufer von Ronald Arthur Biggs, der 1963 den königlichen Postzug von Glasgow nach London überfiel und 2,63 Millionen Pfund erbeutete. Allerdings hatte Hörner weniger Glück.

Der Plan war so kühn und dreist ausgeführt, dass der im besetzten Deutschland zuständige US-Major von der Criminal-Investigation-Division vermutete, die Täter könnten eigentlich nur aus der für seine abgezockten Gangster berühmten US-Metropole Chicago stammen.

Die schweren Jungs um Hörner und "Knabenschuh" hatten zuvor in Zwingenberg an der badischen Bergstraße den roten Chevrolet eines US-Leutnants geklaut. Als Fluchtauto. Weil der Chevvy aber den Geist aufgab, stahlen sie - kaum zu fassen - demselben Leutnant ein paar Tage später seinen grauen Ford. Man kann den hilflosen Zorn des Soldaten bis heute erahnen.

In diesem Ford wartete die Bande, die durch einen Spitzel genau über Zeitplan und Geldsumme informiert war, vor dem Postamt, Nähe Hauptbahnhof. Als der Geldtransporter um die Ecke bog, schnitten die Posträuber ihm mit dem Ford den Weg ab, sprangen aus dem Wagen, hielten den verdutzten Postlern "ihre Ami-Selbstladepistolen" vor die Nase, entrissen ihnen die vernähten Geldsäcke und schossen mit dem Fluchtwagen davon.

"Haarscharf", schrieb der SPIEGEL damals, "jagten die Geldsackräuber auf der Notbrücke an einem Laster vorüber, einem Verkehrspolizisten fast über die Stiefelspitzen. Der notierte die Nummer. Notierte sie falsch." Ein ärgerlicher Fauxpas: Die Bande entkam.



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