SPIEGEL ONLINE

Verschollene NS-Kunst Das Geheimnis der Hitler-Pferde

Nach dem spektakulären Fund von Nazi-Kunst stellt sich die Frage, wie die Besitzer an die Skulpturen gelangten. Der SPIEGEL ging in monatelangen Recherchen Spuren nach. Und stieß auf eine abenteuerliche Geschichte aus Neustrelitz.

Die Razzia war so erfolgreich, dass die Kunstfahnder des Berliner Landeskriminalamts am Ende Schwerlasttransporter des Technischen Hilfswerks anfordern mussten. Mehr als hundert Tonnen Nazi-Kunst stellten die Beamten bei ihrer spektakulären Durchsuchungsaktion am vergangenen Mittwoch bei dem Bad Dürkheimer Unternehmer Rainer Wolf sicher (lesen Sie hier die ausführliche Geschichte "Braune Meister" im aktuellen SPIEGEL).

Doch eine entscheidende Frage ist bisher noch unbeantwortet: Wann und woher beschaffte sich der Mann die neun gewaltigen Skulpturen, die bei ihm gefunden wurden?

Die Spur führt zurück bis in die letzten Kriegstage. Am 16. April 1945 marschierte die Rote Armee im kleinen Städtchen Wriezen ein, eine Autostunde nordöstlich von Berlin. Die reichseigenen "Steinbildhauerwerkstätten Arno Breker" und Schloss Jäckelsbruch, ein persönliches Geschenk Adolf Hitlers für seinen Lieblingsbildhauer, wurden dem Erdboden gleichgemacht. Doch das Gelände stand voll mit monumentalen Kunstwerken. Hitlers Rüstungsminister Albert Speer hatte seit 1943 viele von ihnen hierher bringen lassen, um sie vor den Bombenangriffen auf Berlin zu schützen.

Alle neun Skulpturen aus Bad Dürkheim befanden sich bei Kriegsende nachweislich in Wriezen: drei gigantische Granitreliefs von Arno Breker, zwei seiner Bronze-Supermänner, zwei Bronze-Frauenakte von Fritz Klimsch und die beiden gewaltigen Bronze-Rösser, die der österreichische NS-Bildhauer Josef Thorak 1939 für die Terrasse vor Hitlers Arbeitszimmer gefertigt hatte. In den folgenden Monaten wurden sie nach und nach von sowjetischen Truppen abtransportiert.

Fotostrecke

NS-Kunst: Thoraks Bronzepferde

Foto: Fredrik Von Erichsen/ dpa

Die sechs Bronzen tauchten ab den Fünfzigerjahren auf dem Sportplatz einer sowjetischen Kaserne in Eberswalde wieder auf. Irgendwann zwischen Sommer 1988 und August 1990 verschwanden sie aber. Zu dieser Zeit waren immer noch russische Soldaten in Eberswalde stationiert.

Im März 1991 fuhr eine Reporterin der "Neuen Zeit" nach Eberswalde. Sie wollte von dem Offizier Wladimir Mortjanow wissen, wo die Statuen geblieben waren. "Wir sollten die Skulpturen beseitigen, weil sie aus der Zeit Hitler-Deutschlands waren", erzählte der Russe. "Sie wurden zu Schrott. Deutsche haben sie geholt." Nachdem eine westdeutsche Zeitung über die Sportplatzgalerie berichtet hatte, habe man "Ende Sommer 1988" die Weisung aus Berlin - "vielleicht von der SED-Leitung" - bekommen, die Plastiken zu entfernen. Die "Neue Zeit" vermutete: DDR-Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski hatte sich der Skulpturen angenommen.

Seit Monaten recherchiert der SPIEGEL den Kunstkrimi um die verschollene Nazi-Kunst, der in der aktuellen Ausgabe veröffentlicht ist. Stimmt die Geschichte, die russische Offiziere Anfang der Neunzigerjahre erzählten, müssten sich in den amtlichen Archiven zumindest Spuren der Aktion wiederfinden. Doch zwei Rechercheanträge im Bundesarchiv und bei der Stasi-Unterlagen-Behörde blieben ergebnislos. Weder in den Schalck-Golodkowski-Akten noch bei der Stasi ist der Vorgang vermerkt.

Der Fund von Neustrelitz

Der SPIEGEL begann im Dunstkreis des berüchtigten Devisenbeschaffers zu recherchieren. Auch hier: zunächst Fehlanzeige. Im Februar schließlich meldete sich ein enger Mitarbeiter Schalck-Golodkowskis und sagte: "Wir sind's nicht gewesen. Es waren die Russen." Er vermittelte dann den Kontakt zu einem Mittelsmann. Der sagte, er wisse, wer die Statuen damals den Russen abgekauft habe: ein Händler aus Mecklenburg-Vorpommern.

Der Hinweis führte tatsächlich zu einem Mann, der mit Nazi-Statuen zu tun hatte. Der gelernte Heizungsmonteur Frank Rieckhoff baute sich in Neustrelitz nach der friedlichen Revolution eine neue Existenz als Antiquitätenhändler auf. Neustrelitz war wie Eberswalde einer der großen sowjetischen Garnisonsorte. In den chaotischen Wendemonaten 1989/90 entdeckten zwei von Rieckhoffs Leuten auf dem Sportplatz einer russischen Kaserne zwei Großbronzen, die bereits zersägt waren. Sie sollten als Schrott verkauft werden.

Rieckhoff fuhr sofort hin, aber er kam zu spät. Eine Statue war schon weg, die zweite aber - ein echter Breker - lag noch da, wenn auch in zwei Teilen. Er ging zum Kommandanten, sie leerten eine Flasche Cognac, dann waren sie sich einig. Für ein paar Tausender schickte der korrupte Offizier am nächsten Tag einen russischen Ural-Lkw vorbei und lieferte die Bronze frei Haus. Schon nach wenigen Tagen konnte Rieckhoff sie mit einem kräftigen Aufschlag an einen Zwischenhändler weiterverkaufen. Doch das war in Neustrelitz. "Eberswalde kenne ich kaum", sagt Rieckhoff, und es gibt keinen Grund ihm zu misstrauen.

"Die Kunstgegenstände wurden rechtmäßig erworben"

Wer also hat die sechs Statuen aus Eberswalde verkauft? Am vergangenen Freitag verbreitete der Anwalt des Bad Dürkheimer Unternehmers Wolf eine Presseerklärung: "Die Kunstgegenstände wurden vor mehr als 25 Jahren von der Russischen Armee und den früheren Herstellern rechtmäßig erworben." Ein Kieler Sammler, dessen Haus bei der Razzia am vergangenen Mittwoch ebenfalls durchsucht wurde, sagte dem SPIEGEL, Wolf habe ihm erzählt, dass er die Pferde 1988 von dem "damaligen Oberkommandierenden der russischen Streitkräfte" gekauft habe. Auch einen Vertrag habe er ihm gezeigt.

Ist es denkbar, dass ein Westdeutscher Monate vor dem Fall der Berliner Mauer einem russischen Offizier in der DDR offiziell tonnenweise Nazi-Kunst abkauft? Die Kunstfahnder des Berliner LKA werden jetzt versuchen, dieses Geheimnis aufzuklären.