Landgericht Paderborn "Horrorhaus" von Höxter - heute soll das Urteil fallen

Angelika W. und Wilfried W. sollen über Jahre in ihrem Haus in Höxter Frauen erniedrigt und gequält haben, zwei Opfer starben. Heute steht das Urteil des Landgerichts Paderborn an - zuvor hat der Angeklagte das letzte Wort.

"Horrorhaus von Höxter"
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"Horrorhaus von Höxter"


Nach fast zwei Jahren steht der Prozess zum "Horrorhaus von Höxter" vor dem Ende: Es wird erwartet, dass das Landgericht Paderborn am Freitag das letzte Wort des Angeklagten Wilfried W. hört - und dann das Urteil verkündet.

Die Staatsanwaltschaft hat für Angelika W. und Wilfried W. lebenslange Haft sowie die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld beantragt. Sie sieht die beiden Angeklagten des gemeinschaftlichen versuchten und vollendeten Mordes durch Unterlassen als überführt an.

Angelika W.s Anwalt hat einen Freispruch aus Mangel an Beweisen gefordert. Sollte das Gericht dem nicht folgen, schlug die Verteidigung eine Kronzeugenregelung und damit die Minderung der lebenslangen Freiheitsstrafe auf zwölf Jahre vor.

Wilfried W.s Verteidigung hält wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung sieben Jahre und sechs Monate Haft für ausreichend. Wilfried W. sei nur vermindert schuldfähig.

Zwei Frauen starben durch Quälereien

Über Jahre hinweg sollen die beiden Angeklagten mehrere Frauen in das Haus nach Höxter in Ostwestfalen gelockt und dort schwer misshandelt haben. Zwei Frauen aus Niedersachsen starben infolge der seelischen und körperlichen Quälereien:

  • Annika W. erlag 2014 den Verletzungen, die Wilfried W. und Angelika W. ihr zugefügt hatten. Anschließend fror das Paar die Leiche in einer Tiefkühltruhe ein, zerstückelte sie und verbrannte sie im Kamin. Danach schickte das Paar Kurznachrichten an die Mutter des Opfers, in denen stand, Annika W. gehe es gut. So schilderte es Angelika W. gegenüber der Polizei.
  • Susanne F. erlag 2016 im Krankenhaus schweren Kopfverletzungen. Angelika W. und Wilfried W. hatten die Frau laut Anklage mit dem Auto aus dem Haus in Höxter zurück in ihre Wohnung bringen wollen. Die Ermittler gehen davon aus, dass Susanne F. dort zum Sterben zurückgelassen werden sollte. Wegen einer Autopanne riefen Angelika W. und Wilfried W. ein Taxi und schließlich einen Rettungswagen.

Mediziner im Krankenhaus schalteten nach Susanne F.s Tod die Polizei ein. Wenige Tage später wurde das Paar in Höxter festgenommen.

Eine zentrale Frage des Verfahrens lautete, wer die treibende Kraft bei den Quälereien gewesen war. Im Prozess hatten sich Angelika W. und ihr Ex-Mann immer wieder gegenseitig beschuldigt, für die Taten verantwortlich zu sein. Noch in ihrem letzten Wort hatte Angelika W. etwa gesagt:"Ich hatte nichts zu melden."

Angelika W. mit ihrem Verteidiger Peter Wüller
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Angelika W. mit ihrem Verteidiger Peter Wüller

Die forensische Gutachterin Nahlah Saimeh kam zum Schluss, dass das Paar in 16 Jahren Beziehung ein perfektes System entwickelt hatte, um Frauen in die Falle zu locken. Angelika W. hat demnach Züge von Autismus und kann kein Mitleid für ihre Mitmenschen oder Opfer empfinden. Sexualität setze sie als Machtinstrument ein. Sie sei hochintelligent und extrem herrsch- und machtbewusst, befand Saimeh.

Gutachterin Nahlah Saimeh
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Gutachterin Nahlah Saimeh

Wilfried W. dagegen sei im juristischen Sinne schwachsinnig. Seine Weltsicht sei vergleichbar mit der eines Grundschulkindes. Er sei ständig auf der Suche nach Frauen für die große Liebe. Wilfried W. sei nur vermindert schuldfähig und sollte in eine Psychiatrie eingewiesen werden.

Im Video: Die Morde von Höxter (SPIEGEL TV vom 8.5.2016)

SPIEGEL TV

Ohne den jeweils anderen hätten die Misshandlungen in Höxter nicht funktioniert, sagte Saimeh. Erst Wilfried W. und Angelika W. zusammen hätten das System ermöglicht.

Wie sah das genau aus? Der Prozess konnte diese Frage ein wenig erhellen. Das Paar suchte sich demnach meist Frauen aus, die psychisch labil waren und nur wenige soziale Kontakte hatten. Meldeten sich Frauen per Kontaktanzeige, auf die das nicht zutraf, wurden diese Kontakte schnell beendet.

Die Opfer, die blieben, wurden gezielt desorientiert, manipuliert und ihres Selbstbewusstseins beraubt. Angelika W. und Wilfried W. nahmen den Frauen demnach Geld, Handy oder Führerschein ab.

Wilfried W. neben seinem Verteidiger Detlev Binder
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Wilfried W. neben seinem Verteidiger Detlev Binder

Gab es noch Kontakte zu der Familie oder Freunden, wurden diese beispielsweise durch gefälschte SMS-Nachrichten torpediert und dann gekappt. "Das erinnert stark an Methoden aus dem Rotlichtmilieu, wo Frauen auch mit ähnlichen Methoden gefügig gemacht werden", sagte Nebenklageanwalt Roland Weber in seinem Plädoyer.

Der Prozess konnte nicht alle Fragen zu dem Fall beantworten. So ist die genaue Todesursache des Opfers Annika W. unklar. Über die Frage, ob der Tod von Susanne F. zu verhindern gewesen wäre, herrschte unter Gutachtern Uneinigkeit.

ulz/dpa

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