Hollywood-Mordprozess Ende einer Legende

Der frühere Pop-Produzent Phil Spector steht in Los Angeles wegen Mordes an einem alternden Starlet vor Gericht. Der Prozess führt in ein groteskes Kabinett von Hollywood-Tragik. Egal, wie er ausgeht: Der Mann ist am Ende.

Los Angeles - Wie so viele überlebensgroße Mythen entspricht Phil Spector persönlich diesem Bild überhaupt nicht: Trotz Plateausohlen ist er klein und feenhaft. Statt seines berühmten Afros trägt er jetzt ein gelbblondes Bubikopf-Toupé. Seine Haut ist so bleich wie Mozzarella-Käse, im selben Ton wie die schenkellange Frackjacke, die er ab und zu trägt.

Roboterhaft schlurft Spector in den Saal, Augen starr, Arme leicht angewinkelt. Zwei massive, schwarze Privat-Bodyguards in Maßanzügen flankieren ihn. Er begrüßt seinen Chef-Anwalt Bruce Cutler, setzt sich, ruckelt herum, steht wieder auf, dreht sich suchend zum Publikum um.

Eine bizarre Szene: Wortlos stiert er die Zuschauer in den Bänken an. Minutenlang, ohne eine Regung. Nur seine Finger flattern. Seine Miene, in der sich Angst, Verachtung und Bedrohung spiegeln, gleicht der eines verlorenen Kindes. Dann verbeugt Spector sich, nimmt Platz und wartet auf den Richter. "Alle Mobilitelefone ausschalten", befiehlt eine Gerichtsbeamtin. "Und kein Kaugummikauen."

Raum 9-313, ein heller, fensterloser Prozesssaal im Clara Shortridge Foltz Criminal Justice Center in Downtown Los Angeles: Was hier gerade unter dem Aktenzeichen BA255233 verhandelt wird, ist mehr als nur ein weiterer dieser Sensations-Mordprozesse, von denen sie hier nie genug bekommen. Es ist ein Kabinett allzu typischer Hollywood-Tragik - und das traurige Ende einer Musik-Legende.

Ausgemergelter Schatten seiner selbst

Der Mann, der da nervös zitternd auf dem hochmodernen, ergonomischen Anklagestuhl sitzt, war mal der bekannteste, erfolgreichste Plattenproduzent der Welt. Phil Spectors üppig-sinfonischer Klangteppich "Wall of Sound" prägte die Rock- und Popmusik der 60er und 70er Jahre. Viele alterslose Megahits tragen seinen Stempel: "Spanish Harlem", "Da Doo Ron Ron", "On Broadway", "Unchained Melody", "Be My Baby", "River Deep, Mountain High".

Er arrangierte "Let It Be", das letzte Album der Beatles (wobei er sich mit Paul McCartney überwarf, der den "Wall of Sound" hasste). Er produzierte John Lennons "Imagine". Er arbeitete mit den Ramones und Ike und Tina Turner. "You've Lost That Lovin' Feeling", sein Nummer- Eins-Hit der Righteous Brothers von 1965, bleibt bis heute der meistgespielte Song im amerikanischen Radio. Das Musikmagazin "Rolling Stone" zählte Spector noch 2004 zu den "100 großartigsten Künstlern aller Zeiten".

Doch wie bei vielen anderen lagen auch hier Genie und Wahn nah beieinander. Spectors Kindheit war qualvoll; sein späterer Erfolg trieb ihn in Exzess und Exzentrik. Er wurde zum Waffennarr und Trinker. Er verkroch sich in ein burgartiges Gemäuer am Stadtrand von Los Angeles, wagte sich nur noch mit Leibwächtern in die Öffentlichkeit. Zuletzt stand der 67-Jährige, ein ausgemergelter Schatten seiner selbst, die meiste Zeit unter Psychopharmaka.

Dann kam der 3. Februar 2003. Spector zog in jener Nacht um die Häuser, im Tross seiner Bodyguards. Er landete im "House of Blues", einem Nightclub am Sunset Strip. Dort gabelte er die Hostess und frühere B-Movie-Aktrice Lana Clarkson, 40, auf, deren Karriere einst in der Kostümklamotte "Barbarian Queen" (1985) und Brian de Palmas Kultfilm "Scarface" (1983) kulminierte, in dem sie eine Nebenrolle hatte.

Groteskes Stilleben des Todes

Spector lud Clarkson zu weiteren Lustbarkeiten auf sein "Castle Pyrenées" in Alhambra ein, einem Vorort im San Gabriel Valley. Um kurz nach fünf Uhr früh bekam die Polizei von dort einen Notruf: Clarkson war tot - Revolverschuss in den Mund. Spector wurde verhaftet, des Mordes angeklagt und gegen eine Kaution von einer Million Dollar frei gesetzt. Seit Ende April steht er vor Gericht.

Detektiv Mark Lillienfeld vom Sheriffsbüro, der nach eigenen Worten schon "300 bis 500" Morde aufgeklärt hat, war einer der Ersten am Tatort. Jetzt sitzt er im Zeugenstand und präsentiert, was er vorfand, mit der gruseligen Detailfreude einer "CSI"-Episode. Seine Aussage ist der Auftakt der forensischen Etappe des Verfahrens, von der sich die Anklage viel erhofft. "Lana Clarkson wird ihre Geschichte vom Grab aus erzählen - in Indizien", hat Staatsanwalt Alan Jackson abgekündigt.

Und so führt Lillienfeld die Geschworenen durch die Tatort-Fotos, die Staatsanwalt Pat Dixon auf eine Leinwand projeziert. Das "Castle Pyrenées", Spectors Burgverschnitt auf einer Hügelkuppe. Eine Tür. Das kitschige Foyer. Clarksons Leiche, in einen Stuhl gesackt. Ihr Minirock ist hochgerutscht, die Beine sind leicht verdreht, der Kopf mit den blonden Locken hängt zur Seite, ein groteskes Stilleben. Die untere Hälfte ihres Gesichts ist weggeschossen, nur noch eine blutige Masse.

Vor jedem Leichenfoto gibt Staatsanwalt Dixon ein kurzes Warnsignal zur ersten Reihe, wo Clarksons Mutter Donna sitzt. Donna Clarkson, die ihrerseits eine separate Zivilklage gegen Spector eingereicht hat, wendet dann den Blick ab. Spector dagegen starrt immer wieder wie gebannt auf die grausamen Foto-Projektionen. Sein Verteidiger-Team argumentiert, Clarkson habe sich in seinem Haus selbst erschossen.

"Ich werde dich töten"

Wie wacklig seine Position vor Gericht ist, zeigt sich allein daran, dass Spector schon einige Star-Anwälte verschlissen hat. Darunter Robert Shapiro, einst Mitglied des "Dream Team" von O.J. Simpson, und Leslie Abramson, berühmt geworden als Verteidigerin der mordenden Millionärssöhne Erik und Kyle Menendez.

Mittlerweile führt Mafia-Anwalt Bruce Cutler Spectors Verteidigung. Zu Cutlers früheren Klienten zählten der New Yorker "Pate" John Gotti, damals Chef der Gambino-Familie, sowie die "Mafia-Cops" Louis Eppolito und Steve Caracappa, die voriges Jahr wegen Mordes und Verschwörung lebenslang in Haft wanderten.

Cutler ist ein bulliger Mann, dessen Nacken über den verknitterten Hemdkragen quillt. Seine Strategie: die Zeugen der Anklage im Kreuzverhör diskreditieren. Etwa den Leichenbeschauer Louis Pena, der Clarksons Autopsiebericht samt Fotos vorstellte und beharrte, dass sie nicht von eigener Hand gestorben, sondern umgebracht worden sei.

Oder die Kellnerin Melissa Grosvenor, eine von vier Frauen, die die Anklage auffuhr, um Spectors Neigung zu Gewalt zu illustrieren. "Er kam heran, drückte mir den Revolver zwischen die Augen und sagte: 'Wenn du versuchst, mich zu verlassen, werde ich dich töten.'"

"Hallo-Wach"-Pillen und ein Viagra

Oder Adriano De Souza, Spectors Chauffeur am fraglichen Abend. Der Brasilianer sagt aus, er habe zwei Stunden in der Einfahrt gewartet, dann einen Schuss gehört, nach dem Spector mit einem Revolver in der Hand und den Worten vor die Tür gestürzt sei: "Ich glaube, ich habe jemanden umgebracht."

Oder selbst den Chef-Ermittler Lillienfeld, der die blutverschmierte Tatwaffe im Gerichtssaal vorzeigt und berichtet, im Stuhl neben der Toten habe eine Aktentasche mit den Initialen "PS" gelegen. Inhalt: diverse Tabletten, darunter "Hallo-Wach"-Pillen und ein Viagra.

Der kahlköpfige Richter Larry Paul Fidler steuert das oft turbulente Vorgehen immer wieder in ruhe Gefilde. Wie ein Orakel präsidiert er über das Verfahren, Kinn auf die Hände gestützt, die Augenbrauen hochgezogen.

"Heute so elegant"

Spectors Schicksal entscheidet sich daran, wem die zwölf Geschworenen und sechs Ersatzleute glauben. Sie sitzen unbewegt an der linken Saalseite, fünf Frauen, 13 Männer jeden Alters und jeder Hautfarbe. Einige machen sich ab und zu Notizen. Vor dem Prozess mussten sie einen langen Fragebogen ausfüllen und angeben, ob sie Meinungen wie diese teilen: "Prominente glauben, dass sie tun können, was sie wollen. Prominente glauben, sie können die Regeln beugen. Prominente missbrauchen ihren Status und ihre Macht, um andere einzuschüchtern."

Nach dem ersten Ansturm von Schaulustigen sind im Publikum nur noch die Hartgesottenen verblieben. In der zweiten Reihe, in einem übergroßen Navy-Blazer, kauert Dominick Dunne, der Korrespondent von "Vanity Fair", der sich keinen Hollywood-Prozess entgehen lässt. Weiter rechts sitzt AP-Gerichtsreporterin Linda Deutsch, die Spector jovial-schelmisch begrüßt: "Sie sehen heute so elegant aus."

Es ist eine höfliche Lüge.

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