Holocaustüberlebende im Prozess gegen KZ-Sekretärin »Wer umfiel, dem gaben die Deutschen den Rest«

Sie waren beide zur selben Zeit im KZ Stutthof: Irmgard Furchner als Sekretärin des Lagerkommandanten und Asia Shindelman als Gefangene. Per Videoschalte trafen die beiden Frauen im Landgericht Itzehoe nun aufeinander.
Aus Itzehoe berichtet Julia Jüttner
Angeklagte vor Gericht: Die Staatsanwaltschaft wirft ihr Beihilfe zum Mord in 11.380 Fällen vor

Angeklagte vor Gericht: Die Staatsanwaltschaft wirft ihr Beihilfe zum Mord in 11.380 Fällen vor

Foto: Christian Charisius / AFP

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Es dauert, bis die Technik steht und Asia Shindelmans warme Stimme den kühlen Raum füllt. Ihr Gesicht erscheint auf drei Leinwänden in dem vom Landgericht Itzehoe improvisierten Verhandlungssaal in einem sonst leerstehenden Gebäude im Gewerbegebiet der Stadt. Es ist eine Frau in einem pinkfarbenen Kostüm zu sehen, 93 Jahre alt, die blondierten Haare toupiert, die Lippen pink angemalt, die Nägel lackiert, sie trägt schwere goldene Ohrringe und blickt freundlich in die Kamera.

Asia Shindelman sitzt in ihrem Wohnzimmer im US-Staat New Jersey, an der Wand hinter ihr hängen gerahmte Fotos. Über diese Videoschalte will sie im Prozess gegen Irmgard Furchner als Zeugin ihre Aussage machen.

Zur selben Zeit am selben Ort

Irmgard Furchner sitzt im Gerichtssaal neben ihren Verteidigern. Sie ist drei Jahre älter als Asia Shindelman. Auch sie hat sich, wie an allen Verhandlungstagen zuvor, zurechtgemacht und schaut nun interessiert zu der Frau, mit der sie etwas verbindet, worüber Irmgard Furchner bislang nicht reden will: Die beiden Frauen waren in ihrem Leben zur selben Zeit am selben Ort – im Konzentrationslager Stutthof, in dem rund 65.000 Inhaftierte sterben mussten. Vor Kälte, Hunger und Erschöpfung oder weil sie erhängt, erschossen, vergast oder zu Tode gefoltert wurden.

Irmgard Furchner war die Sekretärin des Lagerkommandanten, Asia Shindelman eine der Gefangenen.

Asia Shindelman mag die Hölle von Stutthof überlebt haben, vergessen hat sie sie nicht. Auch nicht, dass es Menschen waren, die diese Hölle errichteten und sie am Laufen hielten. Die Staatsanwaltschaft ist davon überzeugt, dass Irmgard Furchner als Sekretärin des KZ-Kommandanten Paul-Werner Hoppe dazu beitrug, die Mordmaschinerie aufrechtzuerhalten, und hat sie – 78 Jahre nach Kriegsende – angeklagt wegen Beihilfe zum Mord in 11.380 Fällen.

Eine Dolmetscherin sitzt im Saal in einer Kabine aus Glas. Für Asia Shindelman, geboren 1928 in Litauen, sei es einfacher, ihre Erinnerungen auf Russisch zu schildern, sagt ihr Anwalt Christoph Rückel.

Und so erzählt sie auf Russisch von einer Kindheit »unter liebenden, fürsorglichen Menschen«, zu Hause habe ihre Familie Jiddisch gesprochen. Ihr Vater habe »einen großen Beautysalon in der Stadt« gehabt, »wir waren gut versorgt«.

»Und dann ging das Morden los«

Nach der Besetzung durch die Deutschen änderte sich das: »Wir Juden durften nicht mehr auf dem Bürgersteig gehen, nur auf der Straße, wo die Autos fuhren. Wir mussten Davidsterne an der Kleidung tragen. Uns war es verboten, in Lebensmittelgeschäften einzukaufen, Radios und Telefone mussten wir abgeben.« Asia Shindelman blinzelt in die Kamera. »Und dann ging das Morden los.«

Ihre Familie kam im August 1941 in ein von Stacheldraht umzäuntes Getto, in dem drei Familien in einem einzigen Zimmer hausen mussten. Viele starben an Hunger, Kälte, Krankheiten, sagt Asia Shindelman. Einer, der einmal eine Schachtel Zigaretten ins Getto geschmuggelt habe, sei öffentlich gehängt worden – zur Abschreckung. »So verlief unser Leben dort, wenn es überhaupt eines war.«

Irmgard Furchner hat sich zur Leinwand gedreht. Sie scheint zuzuhören.

Am 25. Juli 1944 kam Asia Shindelman ins KZ Stutthof nahe Danzig – gemeinsam mit ihren Eltern Sonia und Aron Levin, ihren beiden Brüdern, einem Onkel und ihrer Großmutter. Vier Tage dauerte die Fahrt, eingequetscht in Viehwaggons, bei brütender Hitze, ohne Wasser.

»Schneller, raus, ihr verfluchten Juden!«

Ihre Ankunft hat sich ihr eingebrannt: Wie bewaffnete SS-Männer sie aus den Waggons heraustrieben, Peitschen in der Hand, angsteinflößende Hunde bellten. Auf einmal sagt Asia Shindelman auf Deutsch, was die Nazis damals brüllten: »Schneller, raus, ihr verfluchten Juden!« Auf einem Schild stand: »Waldlager Stutthof.«

Wenn die Dolmetscherin übersetzt, lehnt sich Asia Shindelman in ihrer Wohnung in New Jersey zurück. Sie wirkt dann nachdenklich, als laufe das Erlebte wie ein Film vor ihren Augen ab.

Sie beschreibt, wie sie im Lager zu Tischen getrieben wurden, auf denen »Anmeldung« stand. »Dort hat man uns unsere Namen weggenommen, wir bekamen eine Nummer.« Asia Shindelman schaut in die Kamera, sie sieht den Gerichtssaal von oben, die Anklagebank mit Irmgard Furchner, die Richter mit Schöffen und die vielen Anwälte, die Überlebende vertreten wie sie. »Das ist fast 80 Jahre her«, sagt Asia Shindelman. »Ich weiß meine Nummer immer noch: 54138.«

»Die Deutschen konnten uns auch totschlagen«

Ihre Großmutter habe sie an diesem ersten Tag in Stutthof zum letzten Mal gesehen, sie sei in der Gaskammer ermordet worden. Mit ihrer Mutter kam Asia Shindelman in eine Baracke voller dreistöckiger Holzpritschen, ohne Bettzeug, Toiletten, Wasser, Seife, Handtücher. Es war zu wenig Platz, Asia Shindelman und ihre Mutter mussten in einer Ecke auf dem Boden schlafen.

»Die Aufseher durften alles mit uns machen, was sie wollten: Sie warfen Menschen gegen den elektrischen Zaun, sie waren sofort tot. Andere warfen sie Hunden zum Fraß vor oder erschossen sie direkt.« Asia Shindelman hält kurz inne. »Die Deutschen konnten uns auch totschlagen.« Beim täglichen Appell hätten sie sich wie Soldaten aufstellen müssen, strammstehen, stundenlang. »Wer umfiel, dem gaben die Deutschen den Rest.«

Irmgard Furchner hat sich den Kopfhörer aus dem Ohr gezogen, sie wirkt desinteressiert. Der Vorsitzende Richter Dominik Groß schreitet ein, da stopft sie sich den Knopf wieder ins Ohr. Es ist inzwischen später Nachmittag.

Welche Details kannte eine KZ-Sekretärin?

Ihr Verteidiger Wolf Molkentin hat vor der Vernehmung Asia Shindelmans eine Stellungnahme  abgegeben, die er nach dem ersten Teil der Gutachtenerstattung durch den historischen Sachverständigen angekündigt hatte. Darin stellt Molkentin klar, dass sich auf die bisherige Beweisaufnahme keine Verurteilung seiner Mandantin stützen ließe. Vielmehr habe der Historiker Stefan Hördler von ganz anderen Lebensläufen berichtet: von Frauen, deren »größter Wunsch« es gewesen sei, »in den wiedergewonnenen Ostgebieten« zu arbeiten, oder auch gleich »als SS-Aufseherin« in einem Konzentrationslager. Dies gelte jedoch nicht für Irmgard Furchner.

Ebenso wenig hätten die bisherigen Erkenntnisse über die Verhältnisse in Stutthof Antworten auf die Frage der Strafbarkeit von Irmgard Furchner gegeben, so Molkentin. Bekannt sei, dass die Nationalsozialisten mit dem Codewort »Sonderaufgaben« die Folter, das Morden chiffriert hätten; schriftlich definiert worden seien sie laut Gutachter nicht.

Sie war »zweifellos nicht eingebunden«

Es spreche bislang nichts dafür, dass eine Sekretärin und Stenotypistin wie seine Mandantin, »in anderer Weise zur Mitwisserin gemacht wurde«, sagt Molkentin und stellt fest: Die systematischen Ermordungen im Lager Stutthof wurden einer besonderen Geheimhaltung unterworfen, waren nicht Gegenstand von Schriftverkehr und wurden zudem in der Kommandantur einer Parallelstruktur zugeordnet, in die auch Irmgard Furchner »zweifellos nicht eingebunden war«.

Am nächsten Dienstag, dem neunten Verhandlungstag, soll Asia Shindelman weiter vernommen werden.

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