Holzklotz-Anschlag auf der A 29 Wahnsinnslust am Risiko

Die Tat ist grausam, heimtückisch, willkürlich: Ein Unbekannter wirft einen Holzklotz von einer Autobahnbrücke, tötet eine 33-jährige Frau. Jetzt ermittelt die Mordkommission - was treibt jemanden zu einer solchen Wahnsinnstat?
Von Barbara Hans und Dennis Kayser

Hamburg - Das Mordwerkzeug wirkt wuchtig und archaisch - es lässt diese Tat besonders brutal und sinnlos erscheinen: Am Ostersonntagabend wird bei Oldenburg ein sechs Kilo schwerer Holzklotz von einer Autobahnbrücke auf die Fahrbahn der A29 geworfen. Das - zufällige - Opfer, Beifahrerin in einem 3er-BMW, wurde mit voller Wucht am Kopf getroffen. Die Frau, Mutter zweier Kinder, die mit ihnen und ihrem Mann in dem Wagen unterwegs ist, stirbt noch am Unfallort.

Eine 22 Mann starke Mordkommission arbeitet nun daran, den oder die Täter zu ermitteln. Lässt der Holzklotz Rückschlüsse auf den Menschen zu, der ihn von der Brücke warf?

Das Beweisstück wurde von der Polizei Oldenburg heute Morgen per Kurier zum Landeskriminalamt (LKA) Niedersachsen nach Hannover geschickt. "Wir fungieren als Servicestelle für die Behörden in Oldenburg und erhalten auch von ihnen den genauen Untersuchungsauftrag", so Sprecher Lothar Zierke zum Prozedere.

In Hannover wird der 24 Zentimeter hohe und 18 Zentimeter breite Klotz in den kommenden Tagen auf mögliche Hinweise untersucht. Diese können von Fingerabdrücken über Kleidungsflusen bis zu DNA-Spuren reichen. "Das LKA hat ganz andere technische Möglichkeiten als wir, deshalb werden Beweisstücke dorthin geschickt", sagt Mathias Kutzner von der Oldenburger Polizei SPIEGEL ONLINE. Wann die Ergebnisse feststehen, ist derzeit noch unklar.

Baumholz in der Nähe der Autobahnbrücke

Die Polizei hofft außerdem, dass die Bevölkerung Anhaltspunkte zur Herkunft des Klotzes liefern kann. Derzeit seien aber noch keine entsprechenden Hinweise bei den Ermittlern eingegangen, so Polizeisprecher Kutzner. Zwar sei in der Nähe der Autobahnbrücke aufgeschichtetes Baumholz gefunden worden - ob der Klotz von dort stammt, steht jedoch noch nicht fest.

Die Familie des Opfers stammt aus Telgte in Westfalen, sie war auf der Rückfahrt aus dem Osterurlaub, als die Tat geschah: Der 36 Jahre alte Ehemann, der das Auto fuhr, und die beiden Kinder, die auf dem Rücksitz saßen, erlitten einen schweren Schock. Der neunjährige Sohn der Familie zog sich durch umherfliegende Splitter eine leichte Schnittverletzung unter dem rechten Auge zu.

Ein "Zufallsopfer" und ein Täter, von dem jede Spur fehlt

Der Vater und die beiden Kinder sind inzwischen bei Verwandten in Telgte untergebracht worden und werden von Notfallseelsorgern betreut. Dass ausgerechnet die Familie aus Westfalen Opfer des grausamen Verbrechens wurde, ist laut den Ermittlern ein "schrecklicher Zufall". Indizien, dass der Anschlag der Familie galt, gibt es nicht. "Wir haben keine Hinweise auf Motive aus dem Umfeld der Familie", sagte Polizeisprecher Sascha Weiß SPIEGEL ONLINE.

Die Mordkommission der Polizei Oldenburg hat bereits in der Nacht zu Montag ihre Arbeit aufgenommen. In einem Radius von rund zwei Kilometern haben die Beamten den Umkreis des Tatortes durchkämmt und die Daten der Personen, die sie dort angetroffen haben, festgehalten: Hunderte Besucher dreier Osterfeuer, Spaziergänger, Anwohner - sie alle könnten wichtige Hinweise zur Ergreifung des Täters geben, ihn vielleicht sogar gesehen haben. Insbesondere die Besucher eines Feuers interessierten die Ermittler zum jetzigen Zeitpunkt.

Hinweise aus der Bevölkerung

Bislang haben sich mehrere Autofahrer bei der Polizei Oldenburg gemeldet, die kurz vor der Tat eine Personengruppe auf der Autobahnbrücke gesehen haben wollen. "Wir gehen diesen Hinweisen derzeit nach und überprüfen die Aussagen", sagte Polizeisprecher Kutzner.

Die Zahl der Anrufer auf dem eigens eingerichteten Hinweistelefon habe sich heute im Vergleich zu den Feiertagen deutlich erhöht. "Eine erste heiße Spur haben wir aber leider noch nicht." Ein genaues Täterprofil habe man noch nicht erstellen können.

Das Motiv: Eine Mischung aus Übermut und Gedankenlosigkeit

Polizeipsychologen haben jedoch anhand vergleichbarer Fälle aus der Vergangenheit ein recht genaues Bild von der Verfassung der Täter, die hinter solchen Anschlägen auf Autobahnen stecken. Deren Motiv ist häufig eine Mischung aus Leichtsinn und Gedankenlosigkeit. Vor allem Jugendliche kommen als Täter in Frage. "Sie lassen sich aus Übermut zu grenzüberschreitendem Verhalten hinreißen", sagte ein Polizeispsychologe SPIEGEL ONLINE.

Das Motiv der Täter gleiche den Beweggründen, eine Straßenlaterne zu demolieren - nur die Konsequenzen seien ungleich schwerer. "Es spielt der Reiz eine Rolle, etwas Größeres, Brisanteres zu unternehmen, das Risiko zu steigern, es den anderen zu beweisen - ohne dabei die Tragweite des Vorfalls zu ahnen." Laut dem Experten sei dem Täter das Leid der Opfer so wenig bewusst wie die Konsequenzen für das eigene Leben. "Er ahnt im Moment der Tat nicht, dass sein Leben nie wieder so unbelastet sein wird wie vorher."

"Jeder, der solch eine Tat in sich hineinfrisst, wird irgendwann nicht mehr allein damit zurechtkommen", analysiert der Experte. "Sollten zudem mehrere an dem Erlebnis beteiligt gewesen sein, nagt an dem Ausführenden auch noch die Angst, dass seine Mitwisser einknicken und sich offenbaren. Es wäre für den Verursacher aus psychologischer Sicht das Beste, er würde sich zur Aufarbeitung des Falls jemandem anvertrauen, auch die Behörden sind dafür geeignet."

Die Polizei Oldenburg-Stadt/Ammerland hat 3000 Euro Belohnung für Hinweise ausgesetzt, die zur Festnahme des Täters führen. Heute nun hat die zuständige Staatsanwaltschaft die Belohnung auf insgesamt 6000 Euro verdoppelt.

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