Holzklotz-Attacke Nachahmer wirft Getränkekarton von Brücke - Polizei droht mit "Null Toleranz"

Erst wenige Tage liegt der Wurf eines Holzklotzes auf die Autobahn A29 zurück, eine junge Frau wurde getötet - jetzt gibt es offenbar die ersten Nachahmungstäter. Ein 16-Jähriger ließ einen Getränkekasten von einer Brücke fallen, andere Jungendliche warfen Lehmklumpen.


Hamburg - Nicht wenige Deutsche sind dieser Tage mit mulmigem Gefühl auf den Autobahnen unterwegs. Der Fall aus Oldenburg ist erschütternd genug - eine 33-jährige Frau, Mutter zweier Kinder, starb, als ein von einer Autobahnbrücke geworfener Holzblock in den BMW der Familie krachte. Zudem scheint diese heimtückische Tat Nachahmer zu animieren - die Polizei berichtete heute über neue Fälle von Attacken auf Autofahrer.

Im Kreis Viersen in Nordrhein-Westfalen ließ ein 16-Jähriger einen leeren Getränkekarton von einer Autobahnbrücke an der A61 fallen. Zeugen hatten den Verdächtigen auf der Brücke beobachtet und die Polizei alarmiert, die wenig später eintraf. Seine Begleiter, so hieß es, hätten ihn nicht vom Werfen des Kartons abhalten können.

Von einer Brücke in Kempen am Niederrhein aus bewarfen andere Jugendliche vorbeifahrende Autos mit Lehmklumpen, wie die Polizei berichtete. Nachdem sie den Pkw eines 37-Jährigen trafen, verfolgte dessen Beifahrer die Jungen und hielt sie bis zum Eintreffen der Beamten fest. In Süchteln, ebenfalls im Kreis Viersen, habe ein bislang nicht identifizierter Jugendlicher ein hart gekochtes Ei gegen einen Lkw geschleudert, die Scheibe sei dabei sternförmig gerissen.

Die Polizei appellierte an Eltern, mit ihren Kindern über die möglichen Folgen solcher Taten zu sprechen. Man werde alle Werfer anzeigen und zur Verantwortung ziehen. In Anbetracht der tödlichen Gefahr gebe es keinerlei Toleranz für "Brückenwerfer". Das Werfen von Gegenständen auf fahrende Autos sei strafrechtlich ein gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr, betonte die Polizei.

Dabei sei es unerheblich, ob tatsächlich ein Schaden entstanden sei.

Fall Oldenburg: Polizei prüft 350 Personalien

Im Fall von Oldenburg wird weiterhin intensiv ermittelt, Fahnder prüfen derzeit rund 350 Personalien. "Es gibt nach wie vor keine heiße Spur", sagte jedoch ein Polizeisprecher.

"Wir stehen am Anfang der Ermittlungen und die brauchen Zeit." Die eingegangenen Hinweise stammten von Autofahrern und Fußgängern und seien sehr unterschiedlich. So seien zur Tatzeit am Ostersonntag Spaziergänger, Mofafahrer oder auch kleinere Gruppen beobachtet worden.

Erste Reaktionen auf den Holzklotzwurf kommen mittlerweile aus der Politik: Der Vorsitzende des Bundestagsinnenausschusses, Sebastian Edathy (SPD), hat eine Videoüberwachung ausgesuchter Autobahnbrücken vorgeschlagen. "Wenn es Brücken geben sollte, von denen Angriffe mit Wurfgeschossen vermehrt zu registrieren sind, wäre es naheliegend, dort Kameras zu installieren", sagte Edathy der Oldenburger "Nordwest-Zeitung". Letztlich müssten das aber die zuständigen Bundesländer entscheiden.

Es gibt "immer Verrückte, die so etwas tun"

Zwar könnten Kameras solche Taten an sich nicht verhindern, jedoch würden ihre Aufzeichnungen die Strafverfolgung erleichtern, sagte Edathy. Die abschreckende Wirkung von Videokameras nannte der SPD-Politiker eher gering: "Wer zur Tat entschlossen ist, wird sie auch trotz Kameras durchführen." In einem Land mit 80 Millionen Einwohnern gebe es "immer Verrückte, die so etwas tun".

Niedersachsens Verkehrsminister Walter Hirche (FDP) reagierte zurückhaltend auf den Vorschlag: "Ich denke, solche Überlegungen sind legitim und notwendig, ob man an bestimmten viel befahrenen Stellen neue Gefahrensituation verhindern kann", sagte Hirche. Ein solcher Vorfall könne aber noch nicht einmal "in einem Überwachungsstaat" verhindert werden. "Wir werden mit dem Risiko leider leben müssen." Zudem könne die Videoüberwachung gegen das Recht auf informationelle Selbstbestimmung verstoßen.

pad/AP/AFP/dpa



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