Holzklotzwerfer-Fahndung Polizei erwägt Massen-Gentest mit 1200 Jugendlichen

Phantombild, Fernsehfahndung - jetzt die Möglichkeit eines Massen-Gentests: Der Druck auf die Täter der tödlichen Holzklotz-Attacke steigt. Die Polizei prüft, 1200 Jugendliche aus dem näheren Umkreis des Tatorts zur Speichelprobe aufzurufen.

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Hamburg - Der Holzklotz, der am Ostersonntag eine zweifache Mutter vor den Augen ihrer Familie tötete, könnte zugleich der Schlüssel zur Aufklärung des brutalen Falls sein. Die Polizei will Spuren von dem Objekt jetzt mit den Gen-Datenbanken abgleichen - und, falls dies erfolglos bleibt, womöglich zu drastischeren Mitteln greifen: Die Fahnder schließen einen Massen-Gentest nicht mehr aus.

In diesem Fall würden etwa 1200 Jugendliche zur Speichelprobe gebeten, schreibt die Oldenburger "Nordwest-Zeitung". Sollte die Polizei zu dem Massen-Gentest aufrufen, müssten im Umkreis des Tatorts alle 16- bis 20-Jährigen zum Speicheltest. Die Zeitung beruft sich auf Polizeikreise.

Auf der Phantomskizze, die die Fahnder kürzlich herausgegeben hatten, sind fünf Jugendliche zu sehen - vier Jungen und ein Mädchen. Mehr ist über die mutmaßlichen Autobahnattentäter, die einen Holzklotz von einer Brücke bei Oldenburg auf die Autobahn 29 geworfen haben, nicht bekannt.

Das Mädchen soll die Haare zum Pferdeschwanz gebunden und einen dunklen Anorak getragen haben. Einer der Jungen trug eine helle Jacke und ein helles Baseball-Cap, er hatte ein Fahrrad dabei. Hunderten Hinweisen ist die eigens eingerichtete Sonderkommission (Soko) "Brücke" bislang nachgegangen, anhand der Zeugenaussagen haben Ermittler des Landeskriminalamtes (LKA) Hannover nun ein Phantombild der fünf Jugendlichen, die Zeugen kurz vor dem Anschlag auf der Brücke gesehen haben wollen, erstellt.

"Ein äußerst ungewöhnliches Phantombild"

Die Reaktionen auf das Bild, das unter anderem in der ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY ungelöst" gezeigt wurde, sind überwältigend. "Wir haben bislang mehr als 200 Hinweise erhalten", sagt Polizeisprecher Sascha Weiß SPIEGEL ONLINE. Einige Anrufer wollen sogar konkrete Personen auf dem Bild erkannt haben.

Für die Ermittlungen ist die Veröffentlichung des Phantombildes in zweierlei Hinsicht von Bedeutung. "In erster Linie geht es uns darum, weitere Hinweise zu erhalten, weitere Ansätze zu finden", sagt Weiß. Aber unabhängig von den Aussagen weiterer Zeugen hat allein die Veröffentlichung der Zeichnung einen Einfluss auf die Beteiligten.

"Das ist ein äußerst ungewöhnliches Phantombild", sagt Bernhard Glaser, Kriminaldirektor und Dekan des Fachbereiches Kriminalwissenschaften an der Polizeihochschule Villingen-Schwenningen, der sich unter anderem mit der Bedeutung von Phantombildern beschäftigt. Normalerweise zeigen die Zeichnungen nur eine Person, normalerweise sind die Gesichtszüge und Charakteristika von dieser Person gut zu erkennen - Narben, Muttermale, Zahnlücken, Warzen. Das Bild, das die Ermittler aus Oldenburg veröffentlicht haben, lässt all diese Besonderheiten nicht erkennen. Die Konstellation der Gruppe steht hier im Vordergrund, nicht die Merkmale Einzelner. "Solche Phantombilder sind die Ausnahme", sagt Glaser.

"Die Sache bleibt unter uns"

"Das Bild der Gruppe hat einen Wiedererkennungswert für Zeugen, die mit dem Vorfall selbst nichts zu tun haben. Vor allem Jugendliche bewegen sich oft in immer gleichen Konstellationen, in immer gleichen Cliquen. Das fällt auf." Aber das Phantombild richtet nicht nur die Aufmerksamkeit Außenstehender auf die Gruppe, es verändert auch die Situation für deren Mitglieder. "Durch das Bild steigt das Entdeckungsrisiko und der Fahndungsdruck erhöht sich." Vor allem auf Personen, die nur mittelbar beteiligt waren, den Werfer vielleicht begleitet, vielleicht ermutigt - aber nicht abgehalten haben, hat die Darstellung Auswirkungen. Wichtigster Aspekt dabei: die Angst.

"Inwieweit stehe ich hinter der Tat? Hat vielleicht eine Eskalation stattgefunden, die ich gar nicht gewollt habe?" Das, sagt Glaser, seien dann die entscheidenden Fragen. Den Ermittlern spielen die gruppendynamischen Prozesse in die Hände. "Es geht um die Erzeugung eines schlechten Gewissens, das man neutralisieren kann, indem man zur Aufklärung beiträgt." Ob diese Taktik funktioniert, weiß niemand. Denn sie ist nicht ohne Risiko: Der Druck von außen kann auch dazu führen, dass die Gruppe noch enger zusammenhält, sich die Einzelnen noch mehr auf die Clique einschwören und nach außen abschotten. "Je geschlossener die Gruppe, je homogener die Mitglieder, desto weniger wird es funktionieren, Druck auszuüben. Da lautet die Devise: 'Die Sache bleibt unter uns.'"

Bislang hat noch keiner der mutmaßlichen Täter ausgepackt: "Es hat sich noch keiner der Beteiligten bei uns gemeldet", sagt Polizeisprecher Weiß.

Entscheidender Faktor: die Zeugen

Ob es Sinn macht, auf die Gruppendynamik zu setzen, müsse von Fall zu Fall entschieden werden, so Glaser. "In der Regel handelt es sich um Fälle, deren Entstehung durch gruppendynamische Prozesse begünstigt worden ist - beispielsweise um Mutproben." Zum Erfolg führt die Taktik vor allem bei jugendlichen Tätern. Erwachsene gehen anders mit dem Stress um. Der Druck, der von der Gemeinschaft ausgeht, ist für sie geringer. "Erwachsene können die Folgen ihrer Taten besser abschätzen. Manchmal kommt bei den Jugendlichen erst sehr viel später die Einsicht: Das war wirklich nicht das, was ich wollte." Ob man aus ermittlungstaktischen Gründen auf die Gruppendynamik setzt, hänge davon ab, welche anderen Ansätze zur Verfügung stehen. Zu welchem Erfolg sie führt, von der Hinweislage im konkreten Fall.

Immerhin 80 Prozent aller polizeilich registrierten Straftaten in Deutschland werden unter Mithilfe der Bevölkerung aufgeklärt. Allerdings kommt nur in einem Bruchteil der Fälle ein Phantombild zum Einsatz - das wiederum auch nicht in allen Fällen veröffentlicht wird. "In rund zehn Prozent der Fälle, in denen ein Phantombild eingesetzt wird, trägt es mit zum Erfolg bei", sagt Glaser, der eine Untersuchung zum Thema betreut hat. Der Erfolg variiert von Deliktbereich zu Deliktbereich.

Besonders gute Erfolge erzielen die Ermittler bei Betrugsdelikten - weil Opfer und Betrüger meist lange und direkt kommunizieren, können sich die Geschädigten auch in Nachhinein oft gut erinnern. Schlecht sind die Chancen immer dann, wenn eine Waffe im Einsatz war, zum Beispiel bei Raubdelikten. "In solchen Fällen haben wir das Problem des Waffenfokuses", sagt Glaser. Wer eine Pistole entgegengehalten bekommt, sieht meist nur den Lauf - und nimmt denjenigen, der die Waffe hält, gar nicht wahr.

"Wir machen das nicht just for fun"

Wie gut ein Phantombild ist, wie sehr es dem Gesuchten tatsächlich gleicht, hängt maßgeblich von dem Zeugen ab. Wie gut kann er sich ausdrücken? Wie gut kann er kommunizieren, was und wen er gesehen hat? Wie weit war der Gesuchte von ihm entfernt? Wie war der Lichteinfall?

"Meist ist es so, dass sich die Zeugen an eine Person besonders gut erinnern können. Die wird dann sehr detailliert beschrieben, die Beschreibung der anderen fällt dagegen ab", sagt Glaser. Entsprechendes spiegele sich auch auf dem Fahndungsbild der Oldenburger Polizei wider: Während die beiden Jugendlichen im Vordergrund gut zu erkennen sind, wird die Zeichnung im Hintergrund immer unschärfer.

Auf den Einwand, die Polizei habe das Bild nur veröffentlicht, um in der Öffentlichkeit gut dazustehen und einen Nachweis der eigenen Arbeit zu erbringen, reagieren Glaser und Weiß empört. "Das ist totaler Quatsch! Wir machen das nicht just for fun, sondern weil wir uns viele Hinweise versprechen", sagt Polizeisprecher Weiß. "Mit einem Phantombild fahrlässig umzugehen, verbittet sich grundsätzlich", sagt Glaser. "Das ist keine PR: Im Zuge der Veröffentlichung eines solchen Bildes kommen Dutzende Hinweise, die alle abgearbeitet werden müssen. Die Veröffentlichung dient nicht dazu, mangelndes Engagement zu vertuschen. Im Gegenteil: Sie schafft erst Arbeit."

mit Material von dpa, Reuters



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