Horn von Afrika Wie Somalias Piraten ihr Beutegebiet ausdehnen

Eine Armada von Piratenjägern soll die Seewege am Horn von Afrika schützen. Trotzdem gelingt es Seeräubern immer wieder, sogar große Frachter zu entführen. Wegen des guten Wetters können sie weit draußen im Meer zuschlagen - und nach jeder Erpressung investieren sie in bessere Ausrüstung.


Mogadischu/Nairobi - Aus der Ferne und von Land aus gesehen scheint es einfach unglaublich: Da kreuzen schwer bewaffnete und hochmoderne Marineschiffe vor der Küste Ostafrikas, an Bord Hubschrauber und bestens geschultes Personal - und trotzdem können sie nicht verhindern, dass Seeräuber immer wieder zuschlagen. Allein in der vergangenen Woche haben nur mit Kalaschnikows bewaffnete Piraten sechs Schiffe gekapert.

Piratenboot im Golf von Aden: Perfektes Wetter für Kaperfahrten
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Piratenboot im Golf von Aden: Perfektes Wetter für Kaperfahrten

Eine Erklärung für den gegenwärtigen Erfolg der Seeräuber ist simpel: Bei ihren Beutezügen spielt ihnen das gute Wetter in die Hände. Auf ruhiger See können sie weiter aufs Meer hinausschippern und so die Marineschiffe der Anti-Piraten-Mission in deren 2,5 Millionen Quadratkilometer großem Einsatzgebiet im Golf von Aden und im Indischen Ozean regelrecht ausmanövrieren. "Das Wetter ist königlich", sagt der dänische Piraterie-Experte Hans Tino Hansen zur Erklärung des sprunghaften Anstiegs der Überfälle vor der Küste Somalias. Die äußeren Bedingungen für die Raubzüge der Piraten seien seit kurzem ideal.

Die Kriegsschiffe aus Europa, den USA, China, Japan und Indien könnten nicht überall sein, hieß es vor kurzem auch von der US-Marine. Das Einsatzgebiet der internationalen Anti-Piraten-Missionen sei so groß wie Mittelmeer und Rotes Meer zusammen. Macht gutes Wetter die Seeräuber dann auch noch mobiler, tut sich die internationale Flotte schwer, die Angreifer zu stoppen. Der Golf von Aden und die Hauptrouten der Handelsschifffahrt sind längst nicht mehr das einzige Piraten-Revier.

Die jüngsten Überfälle gehen auf das Konto einer Piratengruppe aus dem Osten Somalias. Diese zieht für ihre Raubzüge von den kleinen Hafenstädten Hobyo und Harardere los, um weit auf dem Indischen Ozean ihre Wurfhaken auszuwerfen und in Minutenschnelle Schiffe zu entern. Dort griffen Piraten am Mittwoch auch den US-Frachter "Maersk Alabama" an und brachten Kapitän Richard Phillips in ihre Gewalt. In diesem Fall waren Schiffe der US-Marine sofort zur Stelle. Scharfschützen der US-Marine erschossen am Sonntag drei der vier Geiselnehmer und befreiten den Kapitän unversehrt.

"Das dürfte zu einer Eskalation der Gewalt in dieser Region führen, keine Frage", sagte US-Vizeadmiral Bill Gortney, Befehlshaber des Zentralkommandos der US-Marine, am Sonntag bei einer Pressekonferenz in Washington. Auch die Piraten reagierten prompt - mit der Drohung, künftig ebenfalls Gewalt anzuwenden: Aus dem Piratenstützpunkt Eyl meldete sich ein Pirat namens Jamac Habeb bei AP, auch er mit der Drohung, man werde Gewalt mit Gewalt begegnen: "Wenn wir künftig Schiffe kapern und ihre Nationen versuchen, uns zu attackieren, werden wir die Geiseln töten." Über die US-Marinekräfte in der Region sagte er: "Sie sind jetzt unser Feind Nummer eins."

Die Drohung ist nicht zu unterschätzen, denn die Piraten werden mit jedem Erfolg stärker. Im vergangenen Jahr kaperten Seeräuber den ukrainischen Waffenfrachter "Faina" und den saudi-arabischen Supertanker "Sirius Star". Allein für diese beiden Schiffe kassierten sie mehrere Millionen Dollar an Lösegeld - und investierten dieses wieder in neue, bessere Ausrüstung. Die jüngsten Angriffe zeigen, dass die Piraten ihre Fähigkeiten in den vergangenen Monaten weiter ausgebaut haben. Gegenwärtig haben sie mehr als 200 Seeleute und mehr als Dutzend Schiffe in ihrer Gewalt. Eine Übersicht über die in den vergangenen drei Wochen erbeuteten Schiffe:

  • Am 25. März wird die in Panama registrierte "Nipayia" mit 18 philippinischen Besatzungsmitgliedern und einem russischen Kapitän überfallen.
  • Am 4. April bringen Piraten bei den Seychellen die taiwanische "Win Far 161" in ihre Gewalt. An Bord sind 30 Menschen von den Philippinen, aus Indonesien, China und Taiwan.
  • Am selben Tag wird 600 Kilometer vor Somalia der deutsche Frachter "Hansa Stavanger" gekapert. An Bord des Schiffes der Hamburger Schifffahrtsgesellschaft Leonhardt & Blumberg befinden sich 24 Seeleute - fünf Deutsche, drei Russen, zwei Ukrainer, zwei Philippiner und zwölf Staatsbürger von Tuvalu. Nach SPIEGEL-Informationen sollte ein GSG-9-Kommando zu Beginn der Entführung der "Hansa Stavanger" das Schiff stürmen - doch die Befreiungsaktion platzte.
  • Am 6. April wird der mit Eisen beladene britische Frachter "Malaspina Castle" im Golf von Aden entführt. Die 24-köpfige Mannschaft stammt aus Bulgarien, Russland, der Ukraine und von den Philippinen.
  • Am 9. April überfallen Piraten das jemenitische Fischerboot "Shugaa Almadhi" mit 13 Besatzungsmitgliedern an Bord.
  • Am 11. April bringen Seeräuber den italienischen Schlepper "Buccaneer" unter ihre Kontrolle, an Bord sind 16 Seeleute.

Das Chaos in Somalia kommt den Piraten gerade recht

Ein Kampf auf hoher See gegen die Piraten reicht allein wohl nicht aus. Die internationalen Verbündeten sollten helfen, den seit 1991 in Somalia herrschenden Bürgerkrieg zu beenden, "damit wir gemeinsam die Piraten angreifen können", sagt deshalb der Sicherheitsminister der autonomen somalischen Region Puntland, Abdullahi Said Samatar. Die chaotische Lage in dem Land, das Experten als gescheiterten Staat bezeichnen, kommt den Piraten gerade recht. In Zeiten, in denen mehr als jeder dritte Somalier nur noch mit internationaler Hilfe überleben kann, verdingen sich immer mehr Menschen als Komplizen der Seeräuber. Das kriminelle Geschäft mit der Piratenbeute ist lukrativer als das Leben in Armut.

Das gilt nicht nur für Somalia - die gesamte Region am Horn von Afrika ist anfällig für diese Verlockungen. "Das Besorgniserregende ist, dass ein ursprünglich auf Somalia beschränktes Problem (auf andere Regionen, Anm. d. Red.) übergegriffen hat", klagt Pottengal Mukundan von der Internationalen Schifffahrtsbehörde (IMB) in London.

Moderne Piraten - Gefahr am Horn von Afrika
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Maschinengewehre statt Enterhaken
Fernab aller Seeräuberromantik ist die moderne Piraterie eine Form der organisierten Kriminalität. Nach dem Seerechtsübereinkommen von 1982 gelten als Piraterie räuberische oder erpresserische Überfälle auf Schiffe auf hoher See. Angriffe innerhalb nationaler Hoheitsgewässer werden als Strandpiraterie bezeichnet.

Am gefährlichsten sind die Gewässer vor Afrika. Somalia, Nigeria und Tansania sind Schwerpunkte der Angriffe. Vor der Küste Somalias operieren Piraten oft von Mutterschiffen aus, von denen sie auf pfeilschnellen Booten mit Maschinenpistolen und Panzerfäusten bewaffnet zu Raubzügen aufbrechen. Die gekaperten Schiffe werden dann vor die Küste gebracht.
Piratennest Puntland
Puntland ist eine Region am Horn von Afrika, rund 212.000 Quadratkilometern groß, 2,4 Millionen Einwohner. Vor zehn Jahren erklärte sich der trockene Landstrich zum autonomen Teilstaat von Somalia. Tonangebend sind die Stammesstrukturen der Darod, die dort ihr Hauptsiedlungsgebiet haben. Zwei Drittel der Menschen hier sind Nomaden, nahezu alle sunnitische Muslime. Einst lebten sie vom Fischfang vor der 1300 Kilometer langen Küste am Indischen Ozean sowie der Zucht von Kamelen, Schafen und Ziegen.

Gemessen an somalischen Verhältnissen galt die Region bisher als stabil, nach Selbstmordanschlägen auf Regierungsgebäude im Oktober wird aber befürchtet, islamistische Terroristen könnten auch im Puntland Fuß fassen. Inzwischen herrscht auch hier weitgehende Gesetzlosigkeit. Kriminelle Banden verdienten viel Geld mit dem Schmuggel von Flüchtlingen aus Somalia und Äthiopien auf die arabische Halbinsel. Dazu kommen Piratenüberfälle. Die Machthaber von Puntland wurden wiederholt beschuldigt, die Piraten zu unterstützen und einen Teil des Lösegeldes für Schiffe und Besatzungsmitglieder selbst zu kassieren.
Stützpunkte
Das berüchtigtste Piratennest ist Eyl. Gegenwärtig haben Piraten laut Amnesty International nahe der Küstenstadt mehr als 130 Menschen als Geiseln genommen. Insgesamt befinden sich in der Region noch knapp 250 Seeleute und Dutzende Schiffe in der Gewalt der Piraten. Verhandlungen über Lösegeld laufen vielfach.
Lukratives Geschäft
Piraterie in somalischen Gewässern hat sich in den vergangenen Jahren zu einem lukrativen Geschäftszweig ausgeweitet: Erfolgreiche Entführungen bringen nach Schätzungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Lösegelder in Höhe von einer bis fünf Millionen US-Dollar. Der fast 20 Jahren tobende Bürgerkrieg und die damit einhergehende Verarmung und Militarisierung Somalias haben den Angriffen den Nährboden bereitet.
Zunehmende Entführungen
Somalischen Piraten gelingt es immer häufiger, Schiffe in ihre Gewalt zu bringen. Einem Anfang November veröffentlichten Uno-Bericht zufolge wurden trotz des Einsatzes der internationalen Flotte vor der Küste Somalias in den ersten neun Monaten 2011 37 Schiffe gekapert - im Vorjahreszeitraum waren es noch 33.

Es sei "erschreckend", dass die Piraten mittlerweile 438 Besatzungsmitglieder und Passagiere sowie 20 Schiffe in ihrer Gewalt hätten, sagte der Uno-Untergeneralsekretär B. Lynn Pascoe. Es müsse mehr getan werden, um die Ursachen von Raubüberfälle und Entführungen zu beseitigen.

Doch noch ist von einer Lösung keine Spur, im Gegenteil: Die Angriffe werden brutaler. Am 7. November 2011 erschossen somalische Piraten einen Mann, der die von ihnen gekaperte Yacht nicht verlassen wollte. Die anderen Geiseln - darunter eine Frau und ein Junge - wurden Augenzeugen zufolge an Land gebracht. Bislang kam die Tötung von Geiseln selten vor.
Folgen für Reedereien
Die zunehmenden Angriffe haben die Einfahrt ins Rote Meer bereits so unsicher gemacht, dass erste Reedereien Schiffe nicht mehr von dort durch den Suez-Kanal, sondern auf die weit längere Route um das Kap der Guten Hoffnung schicken. So sollen extrem hohe Versicherungsprämien wegen des Piraten-Risikos oder Kosten für eigene Sicherheitsmannschaften an Bord vermieden werden.

Britische Reedereien und Versicherer haben die Idee einer Privatarmee erneut in die öffentliche Diskussion gebracht.
Anti-Piraten-Missionen
Internationale Streitkräfte versuchen im Rahmen der NATO-Mission "Ocean Shield" und der EU-Mission "Atalanta", die Piraterie zu bekämpfen. Doch während die Kriegsschiffe im besonders gefährdeten Golf von Aden zwischen Somalia und Jemen patrouillieren, haben die Seeräuber ihren Aktionsradius zunehmend auf den Indischen Ozean verlagert. Manchmal gelingen allerdings auch Erfolge: Im April 2010 konnte die niederländische Fregatte "Tromp" den deutschen Frachter "Taipan" aus der Hand von Piraten befreien.
Weite Teile des Horns von Afrika - dazu zählen neben Somalia auch Äthiopien, Eritrea, Dschibuti, Kenia und auch der Sudan - kämpfen mit einer Reihe von Schwierigkeiten, die zum Nährboden für Gewalt und Chaos werden können. Unzufriedenheit aufgrund von Hunger und Mangel sowie Korruption und durchlässige Grenzen machen die Region nicht nur für Piraten, sondern auch für Waffenschmuggler und Extremisten empfänglich.

"Die Lage am Horn ist die explosivste des Kontinents", sagt François Grignon, Leiter des Afrikaprogramms der unabhängigen Konfliktforschungsorganisation International Crisis Group (ICG) in Brüssel. Rund 165 Millionen Menschen leben in den sechs Ländern der Region, die manche Fachleute als mögliche nächste Front im Kampf gegen den Terror betrachten.

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