"Horrorhaus" in Cleveland Anwohner und Angehörige kritisieren Polizei

Im Fall des verurteilten Vergewaltigers Anthony Sowell steigt die Zahl der Opfer: In einem Eimer fanden Ermittler einen menschlichen Schädel - Leiche Nummer elf. Anwohner und Angehörige werfen der Polizei nun vor, Hinweisen nicht ernsthaft nachgegangen zu sein.

AFP/ Cleveland Police Department

Cleveland - Die Behörden hätten Vermisstenmeldungen ignoriert, kritisieren Angehörige der Opfer. "Sie haben uns gesagt, wir sollten nach Hause gehen, und sobald sie keine Drogen mehr habe, würde sie wieder auftauchen", sagte Markiesha Carmichael-Jacobs, deren Mutter Tonia im November vergangenen Jahres verschwand.

Die 53-jährige Drogenabhängige wurde am Mittwoch als eines der Opfer identifiziert. Ihre sterblichen Überreste seien im Hinterhof des Hauses in Cleveland im US-Bundesstaat Ohio ausgegraben worden. Offenbar sei die Frau erwürgt worden, erklärte die Polizei. Nach Angaben der Gerichtsmedizin des Landkreises Cuyahoga wurden bislang elf menschliche Leichen entdeckt. Eine im Keller, zwei im Wohnzimmer, zwei in einem Kriechboden und fünf im Hinterhof. In einem Eimer im Keller fanden die Ermittler den Schädel eines elften Opfers. Der zuständige Richter in Ohio bezeichnete den Fall als das "Grauenvollste und Schlimmste" in seiner juristischen Laufbahn.

Die Identitäten der anderen Leichen konnten bislang nicht geklärt werden. Die Opfer könnten seit Wochen, Monaten oder auch Jahren tot sein, hieß es. Die Polizei geht davon aus, dass der Verdächtige viele seiner Opfer kannte und diese sein Haus freiwillig betraten. Im Juni 2005 war Sowell nach 15 Jahren Haft aus dem Gefängnis entlassen worden. 1989 hatte man ihn wegen einer Vergewaltigung verurteilt.

Der stadtbekannte Strafverteidiger Judy Martin sagte, die Angehörigen seien nicht ernst genommen worden, weil es um Menschen am unteren Rand der Gesellschaft gegangen sei. Er fürchte, dass das Viertel "vergessen wurde", sagte Rodney Maiden, Reverend der Providence Baptist Church. In dem Stadtteil gibt es etliche Drogenabhängige und leerstehende Häuser. Er sei aber keinesfalls verwahrlost, sondern ein ganz normales Wohnviertel, sagte Zach Reed. Seine Mutter lebt ein paar Straßen von dem 50-jährigen Anthony Sowell entfernt. "Wie konnte jemand damit in einem Wohnviertel davonkommen?"

Auch der Geruch in der Nähe von Sowells Haus hätte eigentlich Fragen aufwerfen müssen. Es habe wie Abwasser oder verrottetes Fleisch gerochen, heißt es. Zwischenzeitlich geriet eine nahegelegene Wurstmetzgerei neben Sowells Haus in Verdacht. Es wurde so schlimm, dass die Besitzer von "Ray's Sausage" ihre Abflüsse und Fettabscheider erst reinigen und dann ganz austauschen ließen. Aber der stechende Gestank blieb.

Da der Verdächtige bereits als Sexualstraftäter aktenkundig war, musste er sich regelmäßig bei der Polizei melden. Die Beamten waren nicht berechtigt, sein Haus zu betreten, sahen aber in Abständen nach, ob Sowell noch dort wohnte. Der 50-Jährige sei immer freundlich gewesen und habe einmal eine Grillparty für die Nachbarn veranstaltet, sagte Bess Fawcett, der ein Restaurant gegenüber von Sowells Haus betreibt.

Bürgermeister Frank Jackson warnte davor, die Arbeit der Ermittler vorschnell zu kritisieren. Er forderte die Polizei aber auf, die Situation zu bewerten und "wenn nötig, Nachjustierungen vorzunehmen".

mas/AP/dpa



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