Mutmaßliches Täterpaar in Höxter Planvoll, brutal, kaltblütig

Eine tiefgefrorene Leiche, akribisch entsorgt. SMS im Namen einer Toten, systematisch angelockte Opfer: Das mutmaßliche Täterpaar im Fall Höxter scheint planvoll vorgegangen zu sein. Der Überblick.
Tatortermittler sichern Spuren am Haus in Höxter

Tatortermittler sichern Spuren am Haus in Höxter

Foto: Marcel Kusch/ AP

Detailliert haben Vertreter von Staatsanwaltschaft und Polizei über den Stand der Ermittlungen im Fall Höxter berichtet. Die als Komplizin verdächtige Angelika B. hat sich demnach ausführlich zu den Tatvorwürfen geäußert. Sie ist geständig, auf ihren Schilderungen beruhen die ersten Einschätzungen zu den erschütternden Verbrechen.

Wie viele Opfer und Tatverdächtige sind bekannt?

Wilfried W., 46, und seine Ex-Frau Angelika W., 47, sollen den Tod von mindestens zwei Frauen verschuldet und weitere misshandelt haben.

  • Die 41-jährige Susanne F. aus dem niedersächsischen Bad Gandersheim starb nach heftiger Gewalteinwirkung auf den Kopf in einem Krankenhaus. Sie soll seit März 2016 in einem Haus im ostwestfälischen Höxter festgehalten und schwer misshandelt worden sein. Das verdächtige Paar war aufgeflogen, als es versuchte, die sterbende Frau in deren Haus zurückzubringen. Den Ermittlern zufolge entstand die tödliche Verletzung, als das Opfer gegen einen Schrank gestoßen wurde. F. hätte sich aber generell in einem stark geschwächten Zustand befunden.
  • Die 33-jährige Annika W. aus Niedersachsen lernte Wilfried W. 2013 kennen und heiratete ihn noch im selben Jahr. Sie wurde ebenfalls massiv misshandelt und starb am 1. August 2014 in dem Haus in Höxter.
  • Drei bis vier weitere Frauen sollen in dem Haus misshandelt worden sein. Eine Geschädigte aus dem Großraum Berlin sei namentlich bekannt, sagte der Leiter der Mordkommission "Bosseborn", Ralf Östermann. Sie werde nun vernommen.
  • Angelika B. ist laut eigener Aussage sowohl Opfer als auch Täterin. Sie gab an, von W. ebenfalls misshandelt worden und ihm "hörig" gewesen zu sein. Ob dies eine Schutzbehauptung ist, wird das Verfahren klären.
  • Die Staatsanwaltschaft bestätigte Medienberichte, wonach Wilfried W. eine weitere Frau misshandelt habe. Über eine Annonce habe er 1994 in Paderborn eine 23-jährige Verkäuferin kennengelernt. Die "Bild"-Zeitung berichtete, W. habe dieses Opfer mit einer Gaspistole bedroht und mit einem heißen Bügeleisen verletzt. Zusammen mit einer Komplizin soll er die Frau außerdem mit Säure verätzt haben. Diese Details wollte die Staatsanwaltschaft Paderborn unter Berufung auf den Opferschutz nicht bestätigen. Verwandte sollen das Opfer damals befreit haben. Die Komplizin kam mit Bewährung davon, W. wurde 1995 wegen gefährlicher Körperverletzung, Freiheitsberaubung und Nötigung zu zwei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt.

Wie war die Beziehung zwischen Tatverdächtigen und Opfern?

Die Beziehung war vor allem von Gewalt und Unterdrückung geprägt. Diese Machtbeziehung sei wichtiger gewesen, als die sexuelle Verbindung, sagte Kriminalhauptkommissar Östermann auf der Pressekonferenz. Oberstaatsanwalt Ralf Meyer betonte, es gebe bisher keine Hinweise auf sexuelle Übergriffe. Zwar habe das Thema Sexualität bei den Vorgängen in dem Haus eine Rolle gespielt, nach bisherigen Erkenntnissen aber "eine untergeordnete".

Die mutmaßliche Komplizin Angelika B. sprach in ihrem Geständnis von Abhängigkeit, sie sei ihrem Ex-Mann hörig gewesen.

Auffällig ist die offenbar ungebremste Gewalt, mit der Wilfried W. vorgegangen sein soll. Den Opfern wurden büschelweise Haare ausgerissen, ihre Haut verbrannt, es hagelte Schläge und Tritte. Erniedrigung scheint ein Thema gewesen zu sein - die Frauen wurden angekettet, mussten auf dem nackten Fußboden schlafen und wurden für die kleinsten "Vergehen" bestraft: "Wenn das Messer nicht rechts sondern links lag, reichte das als Auslöser für Schläge, Tritte, Misshandlungen aus", sagte Östermann.

Video: Grausame Details im Fall Höxter

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Unklar ist bisher, warum die Frauen keine Fluchtversuche unternahmen. Zeugen hatten sie häufiger mit den Tatverdächtigen auf der Straße gesehen.

Nach der Festnahme entschied sich die mutmaßliche Komplizin, ein volles Geständnis abzulegen. Wilfried W. hingegen bestreitet den Vorwurf, gefoltert und misshandelt zu haben - und beschuldigt seine Ex-Frau.

Wie gingen die mutmaßlichen Täter vor?

Planvoll. Die Entsorgung der Leiche von Annika W. erfolgte ebenso effizient wie skrupellos: Die Leiche wurde der mutmaßlichen Komplizin zufolge tiefgefroren, zerteilt und stückchenweise im Wohnzimmerofen verbrannt, die Asche schließlich verstreut. Es gab keine Spuren und keine unnötigen Zeugen. Die Spurensicherung wird Tage oder sogar Wochen mit der Tatortanalyse beschäftigt sein.

Vom Handy der toten Annika W. aus sollen weiter SMS an die Mutter verschickt worden sein - diese wähnte ihre Tochter lebendig und erstattete keine Vermisstenanzeige. Ein klarer Vorsprung für die Täter.

Als ersichtlich wurde, wie schlecht es der misshandelten Susanne F. gesundheitlich ging, wollte das Paar sie offenbar zu sich nach Hause bringen - wahrscheinlich, um Spuren zu verwischen. Ein Motorschaden am Auto kam ihnen dazwischen. Zuerst überlegten sie, ein Taxi zu rufen, entschieden sich dann aber aufgrund der Drucksituation für einen Rettungswagen. Dadurch wurden sie entdeckt.

Die "Rekrutierung" von neuen Opfern erfolgte offenbar immer nach einem ähnlichen Muster - über Annoncen und das Internet. Mehrere Frauen, die den Tatverdächtigen über das Internet kennengelernt haben, sollen sich bei der Polizei gemeldet haben. Wie der WDR berichtet, tauschten die Frauen zunächst E-Mails mit dem Mann aus, dann habe man telefoniert und später Fotos geschickt. Die Ex-Frau Angelika B. habe sich bei den anschließenden Treffen als Schwester von W. ausgegeben. Nachbarn hätten bestätigt, dass immer wieder Autos von Frauen aus verschiedenen Teilen Deutschlands vor dem Haus gestanden hätten.

Gibt es Parallelen zum Mordfall Frauke Liebs?

Derzeit wird darüber spekuliert, ob der Mordfall Frauke Liebs in Zusammenhang mit den aktuellen Fällen stehen könne. Die 21-jährige Schwesternschülerin aus Lübbecke war am 20. Juni 2006 verschwunden.

In den ersten Tagen nach ihrem Verschwinden hatte sie sich noch mehrmals per SMS bei ihrem Mitbewohner gemeldet und versichert, es gehe ihr gut. Am 27. Juni brach der Kontakt ab. Monate später fand ein Jäger die Leiche der Schwesternschülerin in einem Wald nahe Lichtenau - etwa 30 Kilometer von Höxter entfernt. Die Ermittler gingen damals davon aus, dass Frauke ihren Mörder im Internet kennengelernt haben könnte. Sie hatte Kontakte in Chatrooms gepflegt.

Eine Parallele zu den toten Frauen aus dem Haus in Höxter? Die Polizei gibt sich derzeit noch bedeckt. "Frauke Liebs ist ein Prüffall", sagte der Ermittler Östermann auf der Pressekonferenz. Man werde akribisch untersuchen, ob eine Verbindung zu den aktuellen Fällen bestehe. Es sei aber zu früh, darüber eine Aussage zu treffen.

ala