"Villa Germania" - der Fall Maria B. Wie der Traum einer deutschen Rentnerin vom Lebensabend in Spanien endete

Ein Paar soll in Andalusien Rentner misshandelt und um ihr Geld gebracht haben. Die 101-jährige Maria B. bringt Ermittler auf die Spur der beiden, wenig später ist sie tot. Sie ist nicht das einzige Opfer in dem Fall.

SPIEGEL ONLINE

Aus Chiclana de la Frontera berichtet


Wenige Stunden vor ihrem Tod geht es Maria B. so gut wie lange nicht. Die deutsche Rentnerin, 101 Jahre alt, sitzt im Dezember 2017 im Altersheim in Novo Sancti Petri, einem Ortsteil von Chiclana de la Frontera, einer Stadt im Süden Spaniens.

Die Senioren sind vergnügt bei ihrer Weihnachtsfeier, Maria B. spielt Tamburin. So ist es auf einem Video zu sehen, über das die spanische Polizei und eine Lokalzeitung berichten. Dann kommen die beiden Menschen, die sich als Maria B.s Pfleger ausgegeben, und holen sie ab. Fünf Stunden später ist Maria B. tot.

Wie genau Maria B. starb, ist ein Rätsel. Es gibt viele Hinweise und einen Verdacht der spanischen Polizei. Sie hält es für möglich, dass Maria B. ermordet wurde, beweisen kann sie es nicht. Eines aber steht fest: Der Tod von Maria B. ist das vielleicht entscheidende Puzzleteil eines Kriminalfalles, der viele Menschen in Spanien und Deutschland erschüttert; es geht um mehrere tote Rentner, missbrauchtes Vertrauen und viel Geld.

Aus den bislang bekannten Informationen lässt sich der Fall rekonstruieren. Maria B. lebt auf Teneriffa, als Markus A. und Estrella Marina H., sie Deutsch-Kubanerin, er Deutsch-Kubaner, die Rentnerin 2017 ansprechen. Das Paar verspricht, Maria B. zu pflegen, gewinnt das Vertrauen der Frau, die kaum Spanisch spricht. Maria B. verkauft ihr Haus auf Teneriffa, geht mit den beiden aufs spanische Festland.

Dort sperren die beiden laut Polizei die Rentnerin in einem Haus namens "Villa Germania" ein, fesseln und vernachlässigen sie. Sie entmündigen Maria B., bringen die Seniorin um ihr Vermögen: Das Geld aus dem Verkauf des Hauses auf Teneriffa - weg. Mehr als 160.000 Euro vom Konto der Seniorin - verschwunden. Markus A. und Estrella Marina H. werden als Erben eingesetzt.

Nachdem die beiden Maria B. offenbar monatelang in der "Villa Germania" festgehalten haben, bringen sie Maria B. ins Krankenhaus und dann ins Altersheim in Novo Sancti Petri. Offenbar aus Sorge, die 101-Jährige könnte sterben - dann hätten sie Maria B.s Rente nicht mehr kassieren können. Erst im Krankenhaus oder danach im Altersheim spürt die spanische Polizei Maria B. auf. Mindestens eine deutsche Freundin hatte die Seniorin als vermisst gemeldet.

Maria B. erzählt der Guardia Civil ihre Leidensgeschichte, erholt sich im Altersheim. Die Polizei beantragt eine richterliche Verfügung, um die Seniorin vor dem Einfluss des Paares zu schützen. Entweder kommt der Antrag zu spät oder wird abgelehnt. So berichtet es die Zeitung "Diario de Cádiz", so erzählt es auch ein spanischer Polizist dem SPIEGEL. Auch deshalb können Markus A. und seine Partnerin schließlich Maria B. an jedem 20. Dezember 2017 mitnehmen. Wieder in der Gewalt des Paares, stirbt Maria B. laut Polizei noch am selben Tag.

In einem weiteren Haus des Paares fanden die Polizisten wenig später einen deutschen Rentner und eine niederländische Rentnerin. Sie wirkten auf die Polizisten apathisch, wie auf Drogen, gefesselt an Rollstühle saßen sie in ihren eigenen Exkrementen. So erzählt es ein Sprecher der spanischen Polizei im Gespräch mit dem SPIEGEL. Ernährt worden seien sie durch Magensonden.

Drei oder vier weitere Senioren - hier widersprechen sich die Angaben der Polizei - waren da bereits in der Obhut von Markus A. und Estrella Marina H. gestorben. Auch diese Rentner hatte das Paar nach Angaben der Polizei vorher um ihr Vermögen gebracht. Insgesamt sollen sie so mehr als 1,8 Millionen Euro erbeutet haben.

Video: "Die Nachbarin hat nichts mitbekommen"

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Wer sich dem Haus nähert, das für Maria B. zum Gefängnis wurde, wird von einem bellenden Rottweiler empfangen. "Betreten auf eigene Gefahr" warnt ein Schild neben der Eingangspforte der "Villa Germania". Der darauf abgebildete Hund läuft durch den Garten, vorbei an einer riesigen Palme und einem Pool. Die Polizei nennt diese und eine andere Villa des Paares das "Haus des Horrors". Die zwei Meter hohe Mauer schottet das Gebäude ab, eine Dornenhecke verdeckt die Sicht auf die Rückseite.

Innerhalb der Mauern wirkt die "Villa Germania" wie der Traum aller Auswanderer. Vor allem vermögende deutsche und britische Rentner haben in der abgelegenen Gegend an der Küste ihre Sommerhäuser. In Chiclana de la Frontera regnet es kaum, nach deutschen Maßstäben gibt es keinen Winter. An diesem Wochenende im März zeigt das Thermometer 23 Grad.

Für Markus A. und Estrella Marina H. boten die '"Villa Germania" und das andere Haus hingegen die perfekte Gelegenheit, um die Senioren aus ihrem sozialen Umfeld zu reißen. Sie sperrten die Rentner wie Tiere in Zimmer, davon ist die spanische Polizei überzeugt.

Die Siedlung liegt abgeschieden am Stadtrand von Chiclana de la Frontera. Keiner der Nachbarn hat offenbar vom Leid der alten Frauen und Männer irgendetwas mitbekommen, niemand scheint überhaupt gewusst zu haben, dass in dem Haus Rentner untergebracht waren.

Eine junge Frau, die im Nachbarhaus wohnte, ist fassungslos. "Ich fühle mich ohnmächtig", sagt sie. "Während ich mit meiner Tochter gespielt habe, rangen dort Menschen mit dem Tod." Von ihrem Haus sind es keine zehn Schritte bis zur Außenmauer des "Horrorhauses".

Eine ältere Nachbarin, die Estrella Marina H. seit Jahren kennt, beschreibt die Frau als "freundlich, fast ein bisschen zu freundlich." "Sie hat mir die 'Villa Germania' gezeigt, das Haus war wunderschön", sagt die Spanierin. Dass sie sich um Senioren kümmert, habe Estrella Marina H. jedoch nie erwähnt.

Der letzte Tag im Leben von Maria B.

Wie perfide Markus A. und Estrella Marina H. offenbar vorgingen, zeigen die Ereignisse des Tages, an dem Maria B. starb. Maria B. geht es endlich wieder besser, als Estrella Marina H. und Markus A. um 11 Uhr auf dem Parkplatz des Altersheims in Novo Sancti Petri vorfahren. Sie wollen die Rentnerin mitnehmen. Nach Informationen der Lokalzeitung diskutieren die drei auf Deutsch, dann geht Maria B. mit. Ob die Mitarbeiter des Altersheims versuchten, das Paar aufzuhalten, bleibt unklar. Dem SPIEGEL gegenüber wollen sie sich nicht äußern.

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Andalusien: Tatort "Villa Germania"

Markus A. und seine Partnerin haben eine Generalvollmacht. Das Dokument war der Polizei zufolge der letzte Schritt, um die volle Kontrolle über Maria B. und ihren Besitz zu erlangen. Das Dokument könnte auch geholfen haben, die Mitarbeiter des Altersheims zu überzeugen, Maria B. gehen zu lassen. Um die Vollmacht zu bekommen, hatten Markus A. und Estrella Marina H. laut Polizei eines ihrer anderen Opfer benutzt: Sie schleppten die Niederländerin Elisabeth C. zu einem Notar und gaben sie als Maria B. aus.

Einmal im Auto von Markus A. und seiner Partnerin, lebte Maria B. nicht mehr lange. Um 16 Uhr meldet das Paar ihren natürlichen Tod. Die beiden haben es eilig, lassen die Rentnerin im örtlichen Krematorium einäschern, verhindern so eine Autopsie. Die Urne wollen Markus A. und Estrella Marina H. nicht mitnehmen. Wochen später nimmt die Polizei die beiden schließlich fest. Sie wirft ihnen unter anderem Betrug, Urkundenfälschung, Misshandlung und Geldwäsche vor.

Polizei ermittelt gegen 15 Verdächtige

Das alles ist mehr als ein Jahr her. Doch erst jetzt, nachdem die Polizei Details zu dem Fall mitgeteilt hat, wird den Menschen in Chiclana der la Frontera die Dimension des Falles klar. Außer Maria B. sind mindestens drei Menschen tot, zwei konnten gerade noch gerettet werden.

Die Polizei ermittelt wegen verschiedener Delikte gegen insgesamt 15 Menschen - das Paar und vier weitere Personen wurden festgenommen, neun Verdächtige sind frei. Um wen es sich handelt, ist unklar.

Seit Tagen gibt es kaum ein anderes Thema in der Stadt. In einer Cafetería, keine fünf Minuten von der "Villa Germania" entfernt, diskutieren am Wochenende drei männliche Polizisten und zwei Frauen über das "Horrorhaus".

Schnell sind sie sich einig: Dass in Chiclana Pfleger ausländische Rentner ausnutzen, um an ihr Geld zu kommen, sei bestimmt kein Einzelfall. Man nimmt sich vor, bei einer älteren Bekannten noch mal nachzufragen, ob sie ihr gesamtes Geld wirklich der Pflegerin vermachen wolle. Für Maria B. und die anderen Opfer aus dem "Haus des Horrors" kommt diese nachbarschaftliche Vorsicht zu spät.



insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
felix_hauck 10.03.2019
1.
Es ist äußerst interessant, dass bei diesem ach so guten Timing beim Todesfall dennoch keine Ermittlungen wegen eines Tötungsdelikts eingeleitet werden. Der spanische Staat hat echt Probleme.
widower+2 10.03.2019
2. Novo Sancti Petri
Novo Sancti Petri ist ein Ortsteil von Chiclana mit diversen Hotels. Vielleicht befindet sich das Altenheim da, ich bezweifle jedoch, dass es so heißt.
widower+2 10.03.2019
3. Woher wollen Sie das wissen?
Zitat von felix_hauckEs ist äußerst interessant, dass bei diesem ach so guten Timing beim Todesfall dennoch keine Ermittlungen wegen eines Tötungsdelikts eingeleitet werden. Der spanische Staat hat echt Probleme.
Natürlich gibt es Ermittlungen. Ein offizielles Verfahren wurde bisher nicht eingeleitet. Und das ist auch durchaus verständlich, weil sich die Beweislage bei einer über Hundertjährigen, die unverzüglich eingeäschert wurde, natürlich schwierig darstellt. Sie können natürlich davon ausgehen, dass die spanischen Behörden in Richtung Tötungsdelikt ermitteln. Wo Sie in diesem Fall ein Problem des spanischen Staates sehen, bleibt Ihr Geheimnis.
ArnoNyhm1984 10.03.2019
4. clever gemacht!
Bei den Senioren im Ausland fragt kaum ein Verwandter oder Bekannter (oder gar der Staat..) nach. Und die alte Dame haben sie noch schnell um die Ecke gebracht, auf dass sie nicht mehr gegen sie aussagen kann: Das wird ein "Freispruch aus Mangel an Beweisen" werden, denn dank schneller Einäscherung wird man ja keinerlei gerichtsfesten Nachweis mehr führen können. -Und was lernen die skrupellosen Banden daraus? Eben: Wie man es machen muss, um hilflose alte Rentner auszunehmen und vor Gericht davon zu kommen. Traurig und beschämend.
Nordschwabe 10.03.2019
5.
widower+2, 15:05, Zitat: "Wo Sie in diesem Fall ein Problem des spanischen Staates sehen, bleibt Ihr Geheimnis." Nun, ich sehe zumindest eins. Frage: wer hat den Totenschein ausgestellt? Oder ist das in Spanien nicht notwendig? Mein grösstes Interesse im Moment ist jedoch, wie solche Taten verhindert werden könnten. Mit einem aufgedopten Senior zum Notar gehen und ihn für jemand anderen ausgeben, jahrelang Rente kassieren und niemand fragt nach, da könnte man sich Mechanismen ausdenken, die einen Misbrauch verhindern könnten.
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