Kriminalfall in Spanien Der Schrecken in der "Villa Germania"

Was geschah in Andalusien mit Maria B.? Spanische Ermittler werfen einem deutsch-kubanischen Paar vor, die Rentnerin eingesperrt und um ihr Vermögen gebracht zu haben. Ihr Tod gibt bis heute Rätsel auf.

Maria B.
Guardia Civil

Maria B.

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Die orangefarbenen Mauern der "Villa Germania" in der andalusischen Stadt Chiclana de la Frontera sehen nach Sommer aus, fast schon nach dem Klischee eines Urlaubs im Süden Spaniens. Doch dahinter spielte sich laut spanischen Ermittlern Grausames ab.

In dem privaten Pflegeheim und einem weiteren Haus sollen ausländische Senioren eingesperrt, unter Drogen gesetzt, mit Magensonden ernährt und um ihr Erspartes gebracht worden sein. Verdächtigt wird ein deutsch-kubanisches Paar. Die spanische Polizei nennt das Haus inzwischen"la casa de los horrores". Das "Horrorhaus".

Wie schlimm es dort zuging, das muss sich den spanischen Ermittlern seit Ende 2017 nach und nach erschlossen haben - seit den ersten Hinweisen, unter anderem aus Deutschland, auf eine 101-Jährige, die für ihre Freunde und Bekannten plötzlich nicht mehr zu erreichen war. Als die spanischen Ermittler den Fall mehr als ein Jahr später diesen Donnerstag bekannt machten, halten sie nicht einmal Mord für ausgeschlossen.

Innenhof des "Horrorhauses"
Roman Rios/EPA-EFE/REX

Innenhof des "Horrorhauses"

Die zeitlichen Abläufe sind noch nicht ganz klar, die Schilderungen weichen teilweise voneinander ab, doch am Kern des Verbrechens haben die Ermittler offenbar keinen Zweifel. Dies teilte die spanische Polizei mit: Ein deutscher Rentner und eine niederländische Rentnerin seien befreit worden. Beide seien in einem "fürchterlichen Zustand" gewesen. Sie befänden sich inzwischen in einem neuen Pflegeheim, es gehe ihnen deutlich besser.

Auch die deutsche Rentnerin Maria B. soll laut spanischen Medien monatelang in der "Villa Germania" eingesperrt gewesen sein. Die Suche nach ihr war es offenbar, die den Fall ins Rollen brachte.

Als ihr Mann starb, gewann das Paar ihr Vertrauen

Maria B. lebte laut der Frankfurter Polizei bis 2015 in Frankfurt am Main und zog dann nach Teneriffa. Als eine frühere Frankfurter Nachbarin nichts mehr von ihr hörte, wurde sie misstrauisch und gab eine Vermisstenmeldung auf. Die beiden Frauen hatten laut Polizei vor Jahren in einem Haus zusammengewohnt und stammten beide aus Rumänien. Die frühere Nachbarin sei für B., die selbst keine Kinder hatte, wie eine Tochter gewesen.

Die deutsche Polizei informierte die spanischen Kollegen - die daraufhin Ermittlungen einleiteten. Zudem hatte laut spanischen Medien ein Deutscher, der auf den Kanaren lebt, Interpol informiert, dass Maria B. ihren Wohnsitz auf Teneriffa verlassen hatte und seit Wochen verschwunden war.

In ihrer Wahlheimat auf Teneriffa, in der Stadt La Orotava, die in einem malerischen Tal liegt, hatte die vermögende Rentnerin ein Paar kennengelernt: Estrella H. und Markus A., eine Deutsch-Kubanerin und einen Deutsch-Kubaner mit doppelter Staatsbürgerschaft. Als der Ehemann der Rentnerin starb, gewann das Paar ihr Vertrauen. Es soll sich um sie gekümmert haben - und sie dann allmählich von ihrer gewohnten Umgebung abgekapselt haben.

Offenbar zusammen mit dem Paar zog die Rentnerin um, aufs spanische Festland, nach Chiclana de la Frontera - wo das Haus steht, dessen Mauern nach Sommer aussehen. So haben es zumindest die spanischen Ermittler rekonstruiert.

Irgendwann sei Maria B. krank geworden, unter Aufsicht des deutsch-kubanischen Paares ging es ihr schlecht, wie Manuel Ramírez, Sprecher der Guardia Civil in Cádiz dem SPIEGEL sagt. Demnach besorgte sich das Paar dann bei einem Notar zwei Vollmachten: eine Generalvollmacht und ein Dokument, in dem sich Estrella H. und Markus A. zu den alleinigen Erben von Maria B. erklären ließen.

Erst hatte sie 162.000 Euro auf ihrem Konto, dann 300

Als die spanische Polizei Maria B. ausfindig machte, wurde schnell klar, dass es der Rentnerin sehr schlecht ging. "Die Ärzte sagten uns, dass ihr Zustand nicht zu jemandem passe, der gepflegt worden sei", so Polizeisprecher Ramírez. Die Ermittler hätten mehrmals lange mit Maria B. gesprochen, die von dem deutsch-kubanischen Paar erzählt habe. Sie bestritt demnach, jemals eine der Vollmachten unterschrieben zu haben.

Laut der spanischen Polizei hatte Maria B., bevor das Paar in ihr Leben getreten war, noch mehr als 162.000 Euro auf ihrem Bankkonto. Wenige Monate später waren es weniger als 300 Euro. Zudem wurde demnach ihr Haus in Teneriffa verkauft, ohne dass sie das Geld erhielt.

Maria B. lebte dann einige Zeit in einem neuen, sicheren Pflegeheim, in dem sie der Polizei zufolge "hervorragend" behandelt wurde. Doch dort blieb Maria B. nicht lang.

Laut Polizei holte das deutsch-kubanische Paar die Rentnerin am Tag ihres Todes im Dezember 2017 um 11 Uhr in dem Pflegeheim ab. Wenig später am selben Tag sei die 101-Jährige gestorben, die Umstände sind ungeklärt. Das Paar habe dafür gesorgt, dass die Leiche der Seniorin eingeäschert wurde, was eine Autopsie unmöglich machte. Laut der Polizei fiel einem Mitarbeiter des Krematoriums auf, dass die beiden es mit der Einäscherung eilig gehabt hätten. Die Urne mit der Asche sei nicht mitgenommen worden.

Ähnliches sei vier weiteren Menschen geschehen, die das Paar auf Teneriffa kennengelernt hatte. Diese seien ebenfalls gestorben und eingeäschert worden.

Flugtickets nach Kuba, Reservierung für ein Luxushotel

Nach dem Tod von Maria B. im Dezember 2017 wurde das deutsch-kubanische Paar festgenommen. Neben ihnen sitzen vier weitere Menschen in Haft. Sie stehen unter Verdacht, sich mit den Rentnern angefreundet zu haben, um sie auszunehmen. Insgesamt sollen sie ihre Opfer um mehr als 1,8 Millionen Euro betrogen haben.

Ihnen werde unter anderem Betrug, Urkundenfälschung, Misshandlung und Geldwäsche vorgeworfen. Das von den Senioren erbeutete Geld soll das Paar in El Palmar de Vejer, zehn Kilometer südlich von Chiclana, investiert haben - laut der spanischen Zeitung "Diario de Cádiz" in Ferienhäuser.

"Sie können schlecht vorgehabt haben, sich um Maria zu kümmern", sagt Guardia-Civil-Sprecher Manuel Ramírez. "In ihrem Haus fanden wir Flugtickets nach Kuba - und eine Reservierung für ein Luxushotel."

Mit Material der dpa



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