Horrorheim auf Jersey Weitere Knochenfunde - und Verdächtige

Die Zahl der Knochenfunde steigt und mit ihr die Zahl der Opfer und Verdächtigen: Die Ermittlungen rund um das frühere Kinderheim "Haut de la Garenne" spitzen sich immer weiter zu. Nun soll eine Sondertruppe der britischen Armee die Ermittler auf Jersey unterstützen.


Hamburg - Unmittelbar neben der Stelle, an der Ermittler bereits einen Kinderschädel gefunden haben, stießen die Polizisten nun auf weitere Knochen. Spürhunde schlugen in dem mit Geröll bedeckten Kellerraum an. Auch auf dem Gelände rund um das frühere Kinderheim "Haut de la Garenne" fand die Polizei zahlreiche Knochen. Bei vielen von ihnen soll es sich aber um tierische Gebeine handeln.

Zuvor war ein erstes Foto eines "Bestrafungszimmers" im Keller des Hauses veröffentlicht worden. In dessen Mitte stand eine riesige steinerne Wanne. In ihr mussten die Bewohner des Kinderheimes angeblich in eiskaltem Wasser baden - während die Betreuer sich am Anblick der frierenden Kinder erfreuten. Frühere Bewohner berichten, dass bis zu 25 Kinder gleichzeitig gezwungen wurden, sich in die Wanne zu setzen.

"Iv been bad 4 years & years"

An der Wand des Zimmers fanden die Ermittler eine eindeutige Botschaft in ein Stück Holz geritzt: "Iv been bad 4 years & years" ist dort zu lesen. Zu deutsch: "Ich war all die Jahre böse". Von wem und aus welchem Jahr die Inschrift stammt, darüber können die Polizisten derzeit noch keine klaren Angaben machen.

Auf dem Grundstück des ehemaligen Kinderheims "Haut de la Garenne" waren im November die verwesten Leichenteile eines Kindes gefunden worden, das vermutlich in den achtziger Jahren starb. Unter einer dicken Betondecke hatten Spürhunde der Polizei die Reste des kleinen Körpers in dem viktorianischen Gebäude entdeckt. Die mutmaßlichen Morde sollen in der Zeit von 1960 bis zur Schließung des Heims 1986 verübt worden sein. Die Ermittler gehen davon aus, dass Dutzende Insassen sexuell missbraucht worden sind.

Die neuen Knochenfunde wurden zur genaueren Analyse in ein Labor geschickt. Die Untersuchung soll feststellen, ob es sich tatsächlich um menschliche Knochen handelt und wie alt sie sind.

Weitere Opfer, weitere Verdächtige

Die Polizei denkt indes darüber nach, ein Call-Center einzurichten, an das sich Opfer und Zeugen der Misshandlungen wenden können. Allein in den letzten Tagen haben sich nach Angaben eines Polizeisprechers mehrere hundert Anrufer gemeldet. Die Ermittler gehen davon aus, dass mehr als 160 Mädchen und Jungen während ihres Aufenthalts in dem Kinderheim Opfer von Missbrauch und Misshandlungen geworden sind.

Die Zahl der Ermittler wurde im Laufe der vergangenen Woche verdoppelt: In der Hoffnung, weitere Spuren und Hinweise in dem alten Gebäude und seinem Umfeld zu finden, arbeiten die Polizisten häufig bis spät in die Nacht.

Auch die Zahl der Verdächtigen steigt immer weiter: Lenny Harper, der die Ermittlungen leitet, erklärte, ihre Zahl sei auf 40 gestiegen. Viele der Männer und Frauen lebten heute in Großbritannien, viele weitere seien bereits tot. Die "Daily Mail" schreibt, unter den Verdächtigen sei auch ein führender früherer Politiker Jerseys. Wilfred Krichekfski, der 1974 gestorben ist, soll das Heim mehrfach besucht und sich an kleinen Jungen vergangen haben.

Viele Indizien - kaum Beweise

Die Zeitung zitiert einen Polizeisprecher mit den Worten: "Wir haben eine Liste der Verdächtigen, aber wir werden ihre Namen nicht bekannt geben." Die Verhaftung stellt die Ermittler vor erhebliche Schwierigkeiten. "Einen Verdächtigen zu haben ist die eine Sache, aber um jemanden überführen zu können, brauchen wir Beweise. Wenn wir Anhaltspunkte finden, dass Leute versuchen, aus Jersey zu flüchten, haben wir Leute an den Häfen, die die nötigen Schritte unternehmen werden."

Die Polizei versucht nun unter anderem herauszufinden, wie viele Kinder sich in dem Heim das Leben genommen haben. Angehörige eines Kindes hatten diesen Stein ins Rollen gebracht und um die Untersuchung eines vermeintlichen Selbstmordes gebeten. Außerdem untersuchen die Ermittler Fälle, in denen Kinder aus dem Heim verschwunden sind. Allerdings fällt die Rekonstruktion dessen, was sich mehr als drei Jahrzehnte lang in dem Heim abspielte, schwer. In vielen Fällen gibt es nur vage Hinweise, Vermutungen und Anekdoten, Kose- oder Vornamen - selten jedoch konkrete Beweise.

Eine Spezialeinheit der britischen Armee soll die Polizisten nun bei ihren Untersuchungen auf Jersey unterstützen. Ein Team aus sechs Spezialisten soll mit hochmoderner Radar-Technik bei der Suche nach weiteren Leichenteilen helfen.

Je länger die Ermittlungen andauern, je mehr Knochen gefunden werden, desto bedrückter wird die Stimmung auf Jersey. "Wir alle sind dazu verpflichtet, der Bösartigkeit, die es hier in der Vergangenheit gegeben hat, auf die Spur zu kommen", sagte Pfarrer Bob Key der BBC. Die Traurigkeit sei überwältigend. "Was auch immer hier ans Licht kommen wird, muss endlich ans Licht kommen."

han



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