Todesschütze von Idar-Oberstein »Gras zu riechen, erinnert ihn an die Freiheit, die er nicht mehr hat«

Im Streit über die Maskenpflicht erschoss Mario N. den Kassierer einer Tankstelle in Idar-Oberstein. Über sein Innenleben sprach nun einer der wenigen Männer, denen sich der Angeklagte öffnete: der Gefängnispsychologe.
Aus Bad Kreuznach berichtet Julia Jüttner
Angeklagter Mario N.: »Den Boden unter den Füßen weggezogen«

Angeklagter Mario N.: »Den Boden unter den Füßen weggezogen«

Foto: Sebastian Gollnow / picture alliance / dpa

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Seit Mitte März versucht die Schwurgerichtskammer im Landgericht Bad Kreuznach den Mord in der Tankstelle von Idar-Oberstein aufzuarbeiten. Dutzende Zeugen wurden gehört, Tausende Chatnachrichten ausgewertet.

Der Angeklagte Mario N. hat versucht, das Unerklärbare zu erklären; Worte dafür zu finden, warum er am Abend des 18. September vergangenen Jahres noch einmal in die Tankstelle fuhr, in der ihm der Mann an der Kasse kein Bier verkauft hatte – weil er nicht wie vorgeschrieben eine Maske trug. Er hat versucht, Worte dafür zu finden, warum er diesem 20 Jahre alten Studenten ohne Vorwarnung ins Gesicht schoss.

Mit dem vom Gericht beauftragten Gutachter hat N. auf Anraten seines Anwalts nicht gesprochen. Aber es gibt einen Experten, dem er sich geöffnet hat: Der Gefängnispsychologe der Justizvollzugsanstalt (JVA) Rohrbach, in der N. seit zehn Monaten einsitzt. Sein Verteidiger Alexander Klein hat beantragt, ihn als Zeugen zu laden.

»Schockzustand«

Es erscheint ein freundlicher Mann, 50 Jahre alt, mit Brille und im türkisfarbenen Kurzarmhemd. Mehr als 60 Gespräche habe er mit Mario N. geführt, sagt der Diplom-Psychologe. Mario N. hat ihn von seiner Schweigepflicht entbunden.

Die ersten drei Wochen nach seiner Inhaftierung sei Mario N. wie in einem »Schockzustand« verharrt, erinnert sich der Zeuge. Es habe dem Angeklagten »den Boden unter den Füßen weggezogen«, als er langsam realisiert habe, was er angerichtet und welche Konsequenzen er ausgelöst habe – für sich, aber auch für die Angehörigen des getöteten Alexander W. Dessen Mutter sitzt an diesem Tag im Gericht, sie schaut mit festem Blick zur Anklagebank.

Die Last und die Schwere von Schuld scheinen die Gespräche, die Mario N. mit dem Gefängnispsychologen führt, zu dominieren. Etwas getan zu haben, was er »nicht mehr gutmachen« könne, belaste und bedrücke Mario N. »sehr«. So sehr, dass er sich im Januar das Leben nehmen wollte, nachdem ihn Mitgefangene mit der Tat konfrontiert hatten.

Der Duft von Freiheit

Überhaupt hadere Mario N. in der Haft mit einem weiteren Sinn des Lebens, sagt der JVA-Angestellte. Er rede offen darüber, sich nicht vorstellen zu können, nach einem Urteil weiterhin »so monoton und eingeschränkt« zu leben. Er lehne den Hofgang grundsätzlich ab. Allein das Gefühl, im Kreis zu laufen, umgeben von Mauern, sei für Mario N. »ein zusätzlicher Belastungsfaktor«, sagt der Psychologe. »Es würde seinen emotionalen Zustand verschlechtern. Gras zu riechen, erinnert ihn an die Freiheit, die er nicht mehr hat.« Die Stimmung in den Gesprächen sei »stets gedrückt und niedergeschlagen«.

Die Lebensgefährtin von Mario N. scheint nicht zu einer positiven Perspektive beizutragen. Der Zeuge berichtet von einem Brief, den sie Mario N. Anfang Mai ins Gefängnis geschickt habe und den man durchaus so interpretieren könne, dass es keine gemeinsame Zukunft gebe. Elf Jahre sind Mario N. und die gebürtige Indonesierin ein Paar.

Noch immer wisse Mario N. nicht, warum er an jenem 18. September so gehandelt habe, sagt der Psychologe. Verteidiger Klein fragt nach den Coronamaßnahmen, die an jenem Abend in der Tankstelle Auslöser für die Tat gewesen sein können. Mario N. habe sie als »vollkommen sinnlos und unnötig« empfunden, sagt der Psychologe. »Er sah keinen Sinn in den Maßnahmen.«

Hinzukomme, dass Mario N. sich grundsätzlich intensiv mit Themen beschäftige, die ihn interessierten. Allerdings könne er nur schwer andere Meinungen akzeptieren – das gelte auch beim Infektionsschutz und dem Umgang mit der Pandemie. Der JVA-Mitarbeiter spricht von einer »gewissen Überheblichkeit und Arroganz«, die Mario N. an den Tag legen könne, wenn er meine, sich in einem Thema besonders gut auszukennen.

Die Einschätzung des JVA-Psychologen spielt eine wichtige Rolle bei der Beurteilung des Angeklagten. Anders als der vom Gericht beauftragte psychiatrische Sachverständige kennt er Mario N. aus persönlichen Gesprächen, konnte ihm Fragen stellen, ihn mit Aussagen konfrontieren.

Ralf Werner konnte all das nicht. Der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie erstattet am Nachmittag sein Gutachten aus Ermittlungsakten, die ihm zur Verfügung gestellt wurden, und seinen Beobachtungen in der Hauptverhandlung. Er schließt sowohl eine erhebliche Minderung der Steuerungsfähigkeit als auch eine schwerwiegende Persönlichkeitsstörung aus, Mario N. ist aus seiner Sicht voll schuldfähig.

»Konfliktbehafteter Mensch«

Sollte Mario N. in der Coronazeit auf einen »Weg der falschen Information« geraten sein, der ihn gelenkt und damit beeinflusst habe, hätte er sich jederzeit davon distanzieren können, sagt Gutachter Werner. Dies hätte der selbstständige Softwareentwickler von seiner Intelligenz her »leicht steuern« können.

Grundsätzlich sei Mario N. ein »konfliktbehafteter Mensch«, der übergriffig agiere. Beispielsweise habe er kein Verständnis dafür gehabt, wenn man sich gegen Covid habe impfen lassen.

Der Beisitzer in der Kammer fragt am Ende noch einmal, ob Mario N. in der Tankstelle auch im Affekt gehandelt haben könnte. Das jedoch schließt Werner aus. Allein die Wartezeit, die N. bei seiner bewaffneten Rückkehr in der Schlange vor der Kasse zugebracht habe, spreche gegen »einen abrupten Affektablauf«. Auch habe Mario N. am Morgen nach der Tat seinem Schwager in den USA ein Selfie-Video geschickt mit der Botschaft: »I shot this asshole.« Zu diesem Zeitpunkt hat er die Schwere der Schuld offenbar noch nicht gespürt.

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