Prozess um tödliche Tankstellenattacke in Idar-Oberstein Was Chats über den Schützen verraten

Im Streit über die Maskenpflicht erschoss Mario N. den Kassierer einer Tankstelle. Im Prozess zeigt sich, wie sich der 50-Jährige zuvor radikalisierte und in Amerika einen Gleichgesinnten fand – seinen Schwager.
Aus Bad Kreuznach berichtet Julia Jüttner
Tatort Tankstelle am Abend des 18. September 2021: Hier erschoss Mario N. den Tankstellenmitarbeiter Alexander W.

Tatort Tankstelle am Abend des 18. September 2021: Hier erschoss Mario N. den Tankstellenmitarbeiter Alexander W.

Foto: Christian Schulz / dpa

Er war »zermürbt« von den Coronamaßnahmen. So hat es Mario N. selbst formuliert. Aus Infektionsschutzgründen durfte er nicht zur Beisetzung seines Vaters und nicht ins Krankenhaus zu seiner schwer verletzten Mutter gehen. Aufträge für sein Unternehmen blieben aus, die Raten fürs Haus konnte er nicht zahlen. Dieses Bohei um das Virus – dafür hatte Mario N. kein Verständnis.

Als ihn der Kassierer Alexander W. am Abend des 18. September vergangenen Jahres an einer Tankstelle in Idar-Oberstein aufforderte, eine Maske zu tragen – nur so erhalte er zwei Sixpacks Bier –, drehte Mario N. durch. Er fuhr nach Hause, holte einen geladenen Revolver aus der Nachttischschublade, fuhr zurück zur Tankstelle und erschoss den 20-Jährigen.

»Dieses Gesindel«

Mario N. ist wegen Mordes aus Heimtücke und niedrigen Beweggründen angeklagt, die Tat hat er vor dem Landgericht Bad Kreuznach eingeräumt.

Der Prozess dokumentiert die Radikalisierung des Mario N. Ein Mensch scheint eine nicht zu unterschätzende Rolle dabei gespielt zu haben: sein Schwager in Amerika. Ihm schickte Mario N. vor der Tat eine letzte Videobotschaft.

N.s Schwester, zwei Jahre älter, verließ im Alter von 18 Jahren Deutschland. Ihr Ehemann Jason W. arbeitet in den USA als Polizist, er gilt als Waffennarr und Anhänger Donald Trumps. Auf Mario N.s Laptop fanden die Ermittler ein Foto, das das Waffenarsenal des Schwagers zeigt: zwei Sturmgewehre, zwei Pumpguns, mehrere Kleinfeuerwaffen, Munition inklusive. Jason W. habe ihn das Schießen gelehrt, sagte Mario N. im Gericht.

Ausschweifende Nachrichten

Vor allem aber sicherten die Ermittler auf elf Geräten, die in N.s Besitz gewesen sein sollen, mehrere Terabyte Daten. Darunter einen intensiven Austausch zwischen Mario N. und Jason W. – seit Jahren schicken die beiden Männer einander regelmäßig ausschweifende Videobotschaften und Chatnachrichten.

Diese werden im Gerichtssaal vorgespielt und vorgelesen, ein Dolmetscher übersetzt aus dem Englischen. Sie zeigen N.s Wut, lange vor Ausbruch der Pandemie. Es laufe nicht gut bei ihm, spricht Mario N. im Februar 2019 in die Kamera. Er habe in Deutschland »noch dieses Gesindel herumlaufen«, mit den Mexikanern in den USA komme man im Vergleich zu »diesen Arabern« gut klar.

»Wenn Trump wiedergewählt wird, überlege ich wirklich, in die USA zu ziehen.«

Angeklagter Mario N.

In einem anderen aufgenommenen Clip bezeichnet Mario N. die globale Erderwärmung als »verdammten Schwindel« – und Carola Rackete, die im Juni 2019 als Kapitänin der »Sea-Watch 3« Geflüchtete aus dem Mittelmeer rettete, als »Bitch«. Er schimpft auf die Presse, die insinuiere, Rackete habe Leben gerettet. »Die Presse ist Fake«, wütet N. »Wenn ich die Kommentare unter den Texten lese, denke ich: Die Deutschen sind das verdammt dümmste Volk.«

»Little bitch« Greta Thunberg

Für Mario N. gibt es schon damals, zweieinhalb Jahre vor dem Schuss auf den Tankstellenmitarbeiter, nur eine Exitstrategie: »Wenn Trump wiedergewählt wird, überlege ich wirklich, in die USA zu ziehen.« Auch weil »die verdammte Merkel« die Grenzen geöffnet habe.

Der selbstständige Softwareentwickler filmt sich bei seinen Botschaften an seinen Schwager selbst, läuft dabei über eine große Wiese oder sitzt – einen amerikanischen Whisky Bourbon schlürfend – zu Hause auf seinem roten Sofa. Er schwadroniert über die »little bitch« Greta Thunberg, bei deren Auftritt auf dem Uno-Klimagipfel er sich »fast in die Hose gepisst« hätte. »Sie ist geistig zurückgeblieben!«, ruft N. in die Kamera. Trump habe damals das einzig Richtige getan: »Er hat sie ignoriert.«

Steigert sich Mario N.s Wut?

Einmal schreibt N. über einen linken Aktivisten, der sich wegen des Klimawandels hat sterilisieren lassen: »Deutsche haben Gaskammern für solche Fälle erfunden. Wirklich schade, dass sie aus der Mode gekommen sind.« Und er schreibt, dass YouTube befohlen worden sei, Berichte über Covid zu zensieren. »So wie alles, was gegen offizielle Propaganda geht.«

Die Selbstdarstellung in Form von Nachrichten an den Schwager ist für das Verfahren relevant. Sie lassen Rückschlüsse zu, inwieweit sich hier ein unbescholtener Bürger durch Pandemie und Lockdown radikalisiert hat. Im Februar 2020 schrieb Mario N. in einem Chat mit einem Bekannten: »Ich sehe keine Lösung mehr, in der keine Gewalt vorkommt.« Im Oktober 2020 klang er schon konkreter: »Ich lande dieses Jahr noch wegen Mord oder Totschlag im Knast.«

Seine beiden Verteidiger Alexander Klein und Axel Küster bitten am Ende dieses Verhandlungstages, der Dolmetscher solle aus den mehreren Hundert Seiten langen Chats noch weitere Nachrichten übersetzen. Für Mario N. steht zu viel auf dem Spiel.