Maskenverweigerer Das »Sündenbock-Narrativ« des Todesschützen an der Tankstelle

Im Streit über die Maskenpflicht erschoss Mario N. den jungen Kassierer einer Tankstelle in Idar-Oberstein. Vor Gericht beschreibt eine Kriminalpsychologin, was den 50-Jährigen dazu getrieben haben könnte.
Aus Bad Kreuznach berichtet Julia Jüttner
Tatort Tankstelle: Ein junger Kassierer wurde erschossen

Tatort Tankstelle: Ein junger Kassierer wurde erschossen

Foto: Christian Schulz / picture alliance/dpa/Foto Hosser

Mario N. selbst hat beschrieben, warum er am Abend des 18. September vergangenen Jahres durchdrehte. Die Coronamaßnahmen hätten ihm zugesetzt, ihn beruflich lahmgelegt und sein Leben derart beeinträchtigt, dass er den Kassierer Alexander W. an einer Tankstelle in Idar-Oberstein erschoss. Der 20-Jährige hatte ihn aufgefordert, eine Maske zu tragen.

Seit Mitte März muss sich Mario N. vor dem Landgericht Bad Kreuznach wegen Mordes verantworten. Der selbstständige Softwareentwickler hat die Tat eingeräumt. Es blieb ihm auch nichts anderes übrig: Überwachungskameras der Tankstelle haben aufgezeichnet, wie er ohne Maske an der Kasse steht, wie er wütend und ohne die beiden Sixpacks Bier, die er bezahlen wollte, den Verkaufsraum verlässt; wie er draußen die Faust Richtung Kassierer hebt und wie er rund 90 Minuten später zurückkehrt: mit Maske über Mund und Nase und einem Revolver Smith & Wesson, Modell 686, Kaliber 357 Magnum.

Maske runter und Schuss

Auf den Videos ist zu sehen, wie Mario N. ein zweites Mal vor dem Tresen steht, die Maske runterschiebt, um Alexander W. zu provozieren, dann schießt, die Maske wieder hochschiebt und die Tankstelle verlässt.

An diesem Verhandlungstag nimmt eine Kriminalpsychologin des rheinland-pfälzischen Landeskriminalamtes im Zeugenstand Platz. Sie hat die Überwachungsvideos aus der Tankstelle in jener Nacht ausgewertet, ebenso die Beiträge, die N. in privaten Chats oder Foren hinterließ, und seine Vernehmungen bei der Polizei und beim Ermittlungsrichter. Persönlich kennengelernt hat sie den 50-Jährigen nicht.

Rechtsanwalt Alexander Klein mit dem Angeklagten Mario N.: »Dass er nicht zufrieden war, liegt auf der Hand.«

Rechtsanwalt Alexander Klein mit dem Angeklagten Mario N.: »Dass er nicht zufrieden war, liegt auf der Hand.«

Foto: Sebastian Gollnow / picture alliance/dpa/dpa Pool

Für die promovierte Diplom-Psychologin steht fest: Mario N. kehrte nicht nur zurück, weil er sich über den Tankstellenmitarbeiter geärgert hatte, sondern auch, weil er ein Zeichen setzen wollte. »Er sah Herrn W. als Stellvertreter für ein persönliches Feindbild.«

Bereits vor Ausbruch der Pandemie habe Mario N. ein »ausländerfeindliches, rassistisches, extremistisches Weltbild« entwickelt, so die Psychologin. Chatverläufe belegten eine »Objektivierung und Dehumanisierung von Menschen«.

»Er hält die Coronamaßnahmen für falsch«

Mit Beginn seiner Selbstständigkeit habe der Softwareentwickler Probleme gehabt, Struktur in seinem Leben zu halten. Menschen, die so veranlagt seien wie Mario N., neigten dazu, für ihr Scheitern andere verantwortlich zu machen. Er habe sich ein »Sündenbock-Narrativ« aufgebaut und sich zunehmend von einer bedrohlichen Außenwelt umgeben gesehen.

Inwieweit die Coronamaßnahmen zu seiner Radikalisierung beigetragen haben können, will die Psychologin zunächst nicht bewerten, bis das Fragerecht an Verteidiger Alexander Klein geht. Der beschreibt den damaligen Zustand des mutmaßlichen Mörders und fragt konkret: »Er hält die Coronamaßnahmen für übertrieben und falsch. Wie wirkt sich das aus psychologischer Sicht aus, wenn so jemand auf fehlende Akzeptanz stößt und versucht, in der Gesellschaft Fuß zu fassen?«

»Ein glücklicher, zufriedener Mensch ist anders unterwegs als Herr N.«

Psychologin über den Angeklagten

Die Zeugin überlegt und sagt, der Mensch müsse Kontrolle über sich haben. Sobald er merke, er verliere diese Kontrolle, fühle er sich fremdbestimmt, falle in eine Art Ohnmachtszustand und schaffe sich dann ein »Sündenbock-Narrativ«, so wie es Mario N. getan habe. Hinzugekommen sei bei ihm eine Verbitterung über seine persönliche Lebensbilanz, sein soziales Scheitern: beruflicher Einbruch, zwei gescheiterte Ehen.

Diese offensichtliche Verbitterung sieht Rechtsanwalt Klein nicht. Er verweist auf die elf Jahre andauernde Beziehung, die sein Mandant mit seiner Lebensgefährtin führt und zählt die letzten Jahresumsätze dessen Ein-Mann-Betriebs auf. »Ein glücklicher, zufriedener Mensch ist anders unterwegs als Herr N., wenn ich seine Chatverläufe sehe«, kontert die Psychologin. »Eben«, konstatiert Klein ruhig. »Dass er nicht zufrieden war, liegt auf der Hand.«

Aber was haben die Coronamaßnahmen mit ihm gemacht? Haben sie seinen Unmut verstärkt? Rechtsanwalt Klein versetzt sich in die Lage des Angeklagten. »Jetzt wird er auch noch in seiner Freiheit beschränkt, bringt das nicht das Fass zum Überlaufen?«

Natürlich beeinflussten Ängste das Verhalten eines Menschen, antwortet die Psychologin. Mario N. habe sich für den Notfall gerüstet. Der Revolver war nicht die einzige Waffe in seinem Besitz: In der Schublade seines Wohnzimmertisches fanden Ermittler eine Pistole Ceska 1945, Kaliber 6,35 mm Browning.

Gewaltfantasien schafften eine Desensibilisierung, sagt die Zeugin. Ob das die Hemmschwelle zur Gewalt herabsetze, hakt Klein nach. Wieder äußert sich die Psychologin vage. Der Mensch wisse, Gewalt sei verboten; aber durch gewisse Gedankenspiele könne sie durchaus als legitimiert empfunden werden.

Mario N. blickt die Psychologin unverwandt an. Er weiß, dieses Verfahren wird nicht gut für ihn ausgehen. Am nächsten Verhandlungstag soll der psychiatrische Sachverständige sein Gutachten über ihn erstatten.

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