Geständnis nach tödlicher Tankstellenattacke »Ich war zermürbt von den Coronamaßnahmen«

Im Streit um die Maskenpflicht erschoss Mario N. in Idar-Oberstein den Kassierer einer Tankstelle. Im Prozess beschreibt er, warum er das getan hat – seine Erklärung ist nur schwer auszuhalten.
Aus Bad Kreuznach berichtet Julia Jüttner
Angeklagter Mario N.: »Ich möchte mich ausdrücklich von der Tat distanzieren«

Angeklagter Mario N.: »Ich möchte mich ausdrücklich von der Tat distanzieren«

Foto: Andreas Rentz / Getty Images

Das Leid der Mutter, die in diesem Saal im Landgericht Bad Kreuznach keine sechs Meter von ihm entfernt sitzt, können seine Worte nicht lindern. Mario N. hat ihren Sohn Alexander erschossen, ohne Vorwarnung, ohne Grund.

Der 20-Jährige Alexander jobbte an einer Tankstelle in Idar-Oberstein. Er machte Dienst nach Vorschrift. In Zeiten der Pandemie gehörte dazu, Kunden auf die Maskenpflicht hinzuweisen. Alexander W. ahnte nicht, dass ihn das sein Leben kosten würde.

Mario N. betrat am 18. September vergangenen Jahres den Verkaufsraum der Tankstelle. Ohne Maske. Es kam zum Wortgefecht. Anderthalb Stunden später lag Alexander erschossen hinter dem Tresen. Die Staatsanwaltschaft hat Mario N. unter anderem wegen Mordes aus Heimtücke und niedrigen Beweggründen angeklagt.

Er flieht nicht, er spaziert

Die Beweislast wiegt schwer. Überwachungskameras der Tankstelle haben aufgezeichnet, wie Mario N. ohne Maske an der Kasse steht, wie er wütend und ohne die beiden Sixpacks Bier, die er bezahlen wollte, den Verkaufsraum verlässt; wie er draußen die Faust Richtung Kassierer hebt. Und wie er rund 90 Minuten später zurückkehrt: mit Maske über Mund und Nase und mit einem Revolver Smith & Wesson, Modell 686, Kaliber 357 Magnum.

Auf den Videos ist zu sehen, wie Mario N. vor dem Tresen steht, die Maske runterschiebt, um Alexander W. zu provozieren, dann schießt, die Maske wieder hochschiebt und aus der Tankstelle spaziert. Er rennt nicht, er flieht nicht, er geht zu seinem Auto, als wäre nichts geschehen, und fährt davon.

»Von der Tat distanzieren«

Der Polizei war Mario N. bis dahin nicht bekannt. »Ich hatte ein gutes Leben mit gutem Einkommen«, sagt er an diesem zweiten Verhandlungstag. Mario N., 50 Jahre alt, gelernter Schreiner, zweimal geschieden, lebte als selbstständiger Softwareentwickler mit seiner langjährigen Lebensgefährtin und zwei Hunden in seinem Einfamilienhaus in Idar-Oberstein und galt nicht als Gefahr für die Allgemeinheit.

Was muss passieren, dass so ein Mann derart durchdreht?

Mario N. versucht sich an einer Antwort. Mit seinen Verteidigern hat er ein Geständnis formuliert. Rechtsanwalt Alexander Klein trägt es vor. Es beginnt mit einer Entschuldigung an die Mutter des Studenten, seine Familie und seine Freunde. Die Schuld bestimme sein Leben, bis heute könne er sich die Tat nicht erklären, und er selbst sei »zutiefst erschrocken«. »Ich möchte mich ausdrücklich von der Tat distanzieren«, so Klein in N.s Namen.

»Durch die Maskenpflicht zog ich mich zurück, entfernte mich vom tatsächlichen Leben.«

Angeklagter Mario N.

»Ich war zermürbt von den Coronamaßnahmen«, heißt es weiter. Sein schwer kranker Vater hatte sich im März das Leben genommen und davor der Mutter in den Kopf geschossen. Obwohl die Beisetzung unter freiem Himmel stattgefunden habe, habe der Sohn nicht daran teilnehmen dürfen; die schwer verletzte Mutter habe er viele Wochen nicht im Krankenhaus besuchen dürfen. »Ich konnte für so viele Kontaktverbote kein Verständnis aufbringen.«

Dazu der berufliche Umsatzeinbruch, weil Unternehmen durch die Homeoffice-Pflicht an ihn erteilte Aufträge zurückstellten. Im Frühjahr 2021 habe er seinen Kredit aufstocken und die Raten fürs Haus aussetzen müssen, erklärt N. in seinem Geständnis.

»Wie ein Verbrecher behandelt«

»Das Schlimmste« aber sei die Maskenpflicht gewesen, so N., weil er seit seiner Kindheit an Asthma leide und eine Maske nicht »ohne Probleme« tragen könne. Einkäufe habe er in Eile erledigen müssen, um nicht in Panik zu verfallen, auf öffentliche Verkehrsmittel habe er verzichten müssen; nur mit seinen beiden Hunden sei er noch vor die Tür gegangen. »Durch die Maskenpflicht zog ich mich zurück, entfernte mich vom tatsächlichen Leben«, sagt er. Er landete in der virtuellen Welt, stieß in Foren auf Gleichgesinnte und verstärkte seine »ablehnende Haltung«: Seine Ohnmacht sei größer geworden, seine Sprache zunehmend verroht.

Wer sich im Kampf gegen die Pandemie den Maßnahmen widersetzte, »wurde wie ein Verbrecher behandelt«. Mario N. machte diese Erfahrungen in seinem nächsten Umfeld, wie er sagt. Er überwarf sich mit seiner Schwester in Amerika, zwei Jahre älter als er und trotz der Entfernung eine enge Vertraute für ihn; Bekannte distanzierten sich von ihm.

In dieser »psychisch stark belasteten Situation« und mit sieben, acht Dosen Bier intus sei er an jenem 18. September zur Tankstelle gefahren. Erst im Nachhinein, durch die Überwachungsvideos, habe er erfahren, dass er in der hinteren Hosentasche eine Maske dabei hatte. »Ich dachte, ich hätte sie vergessen«, so N.

»Ich fühlte mich wie ein Idiot behandelt«

Bei seinem ersten Besuch habe er Alexander W. nicht provozieren wollen, er wollte demnach nur die Sixpacks haben. An das Gespräch mit dem 20-Jährigen könne er sich nicht mehr im Detail erinnern, er wisse nur noch: »Ich fühlte mich wie ein Idiot behandelt.«

An einer anderen Tankstelle bekam N. Bier, die dortigen Kameras zeigen, wie er eine Maske trägt. Zu Hause habe seine Frau schon geschlafen. »Ich trank weiter und steigerte mich hinein.« Heute sagt Mario N., der junge Kassierer habe ihn »von oben herab« behandelt. »Seine Arroganz traf mich.«

Von den »monatelangen Einschränkungen zutiefst zermürbt und mit den Nerven am Ende« habe er schließlich aus seiner Nachttischschublade den geladenen Revolver geholt. Nie zuvor habe er mit diesem geschossen, aber er habe mit seinem Schwager in den USA an Schießständen geübt.

In der Haft unter Beobachtung

Mario N. entschloss sich, ein zweites Mal zu der Tankstelle zu fahren und Alexander W. gegenübertreten. »Ich wollte ihn provozieren und, falls er wie erwartet reagiert, sofort erschießen. Ich musste ein Zeichen setzen. Auch für mich selbst.«

Zu Hause habe er dann seinem Schwager eine Videobotschaft geschickt, ein letztes Bier getrunken und sei alkoholschwer ins Bett gesunken. Am nächsten Morgen habe er zuerst an Suizid gedacht, doch: »Für mich gab es keine Zweifel, mich für die Tat zu verantworten.« Seine Lebensgefährtin habe ihn zur Polizei gefahren.

In der Haft habe er sich mit der Tat »auseinandergesetzt«. »Es hätte nicht so weit kommen dürfen«, sagt N. »Ich war nie ein Mensch, der Konflikte gewaltsam gelöst hat.« Die Schuldgefühle seien erdrückend, im Januar habe er versucht, sich die Halsschlagader aufzuritzen. Seither steht Mario N. unter besonderer Beobachtung.

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