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21. Oktober 2013, 18:49 Uhr

Fall Maria in Griechenland

Gericht beschuldigt Roma-Paar der Kindesentführung 

Von , Thessaloniki

Sie wollen das Mädchen von einer Bulgarin bekommen haben: Ein 39 Jahre alter Mann und eine 40-jährige Frau bestreiten vor einem griechischen Richter, die kleine Maria entführt zu haben. Es habe sich um eine "nicht ganz legale Adoption" gehandelt, sagte ihr Verteidiger. Das Paar bleibt in Haft.

Woher stammt Maria? Wer sind ihre Eltern? Und wie kam sie in eine Roma-Siedlung in Zentralgriechenland? Der Fall des kleinen Mädchens stellt die Polizei vor Rätsel. Fest steht nach einem DNA-Test nur: Ein 39-jähriger Mann und eine 40 Jahre alte Frau, bei denen Maria gefunden worden ist, sind nicht die Eltern des Kindes.

Inzwischen wurden die beiden getrennt vernommen und in der Stadt Larisa einem Untersuchungsrichter vorgeführt. Die Ermittler werfen ihnen unter anderem Kindesentführung vor, dem Paar drohen zehn Jahre Freiheitsstrafe. Der Richter ordnete Untersuchungshaft an.

Die leibliche Mutter sei eine bulgarische Roma, die ihr Kind über einen bulgarischen Vermittler verkauft habe, soll der 39-Jährige in seiner Vernehmung ausgesagt haben. Die echte Mutter sei noch immer in Griechenland, behauptete der Verdächtige.

"Ich hatte Mitleid mit dem Mädchen"

Das Paar habe Maria aus Wohltätigkeit aufgenommen, weil die leibliche Mutter es sich nicht habe leisten können, das Mädchen aufzuziehen, teilten die Verteidiger mit. "Es war eine nicht ganz legale Adoption, aber sie fand mit der Einwilligung der Mutter statt", sagte Anwalt Constantinos Katsavos.

Dazu passt, was der TV-Sender Skai berichtete: Demnach sagte die 40-Jährige zu den Ermittlungsrichtern, es handle sich um einen Fall illegaler Adoption, nicht um Entführung. "Ich hatte Mitleid mit dem Mädchen, als die biologische Mutter es mir gab. Ich begann es zu lieben. Ich habe sie nicht verkauft, ich konnte diesen Engel nicht gehen lassen."

Ob Entführung oder nicht: Der Fall sorgt für Aufmerksamkeit, weil er geeignet ist, Vorurteile gegen Roma zu schüren. Darauf hatte bereits Antonis Tsakiris, Vizepräsident der Panhellenischen Föderation griechischer Roma-Verbände (Poser), aufmerksam gemacht, als er sagte, der vorliegende Fall sei "einzigartig" und sage nichts über die Roma Griechenlands im Allgemeinen aus.

Tatsächlich sagt der Fall vor allem etwas darüber aus, wie bisher das Meldewesen in Griechenland funktioniert, wie leicht falsche Dokumente zu bekommen sind. Maria war zufällig bei einer Razzia in einer Roma-Siedlung in der Nähe von Farsala gefunden worden, einer Stadt in Zentralgriechenland, etwa 40 Kilometer von Larisa entfernt, zwischen Athen und Thessaloniki im Norden des Landes.

Das Paar hatte die Fürsorge für insgesamt 14 Kinder, vier davon konnten die Behörden bisher auffinden und identifizieren. Ob die übrigen zehn überhaupt leben oder nur erfunden wurden, um Sozialleistungen zu kassieren, ist unklar. Das Paar profitierte bei der Registrierung der 14 Kinder offenbar von den schlechten Zuständen in der zuständigen Behörde. Und von Gesetzen, die im Fall einer Geburt außerhalb einer Klinik lediglich vorsehen, dass die Eltern und zwei Zeugen sich ausweisen und eine Erklärung unterzeichnen müssen, um eine Geburtsurkunde zu erhalten. Die Regierung will nun für diese Fälle DNA-Tests einführen.

Es gibt aber noch Ungereimtheiten. Der 39-Jährige soll versucht haben, seine Lebensgefährtin verantwortlich zu machen. In seiner Aussage gab der Mann laut griechischen TV-Berichten zu Protokoll, er habe nichts mit dem Fall zu tun. Er habe seine damalige Partnerin aufgefordert, das Kind nicht anzunehmen. "Ich sagte ihr: Das Mädchen ist eine Zeitbombe. Gib sie zurück." Von seiner Freundin sei er inzwischen getrennt.

Die Ermittler veröffentlichten Fotos des Paares, um neue Hinweise auf die biologischen Eltern des Mädchens zu bekommen. Den Angaben zufolge nutzte die 40-Jährige auch eine falsche Identität.

Maria bleibt vorerst im Hospital. Sie wird von Psychologen und Sozialarbeitern betreut und befindet sich in der Obhut einer Wohltätigkeitsorganisation namens "Kinderlächeln". Der Organisation zufolge ist Maria ruhig, schläft und isst gut und spielt mit Puppen.

Maria ist älter als bisher geschätzt

Das Kind habe nur einige Sätze griechisch gesprochen, sagte der Vorsitzende der Stiftung im griechischen Fernsehen. Er bestätigte, dass Maria nicht nach ihren Eltern gefragt habe.

Nach zahnärztlichen Untersuchungen wird das Alter des Mädchens inzwischen mit fünf bis sechs Jahren angegeben. Zunächst war sie auf vier Jahre geschätzt worden. Damit ändert sich auch der Zeitraum, den griechische Ermittler in Zusammenarbeit mit Interpol auf Kindesentführungen überprüfen.

Der Fall Maria bewegt die Gemüter. Kate und Gerry McCann, die Eltern der 2007 verschwundenen Maddie, ließen mitteilen, dass Marias Fall ihnen Hoffnung gebe. Bei der Organisation "Kinderlächeln" sind allein am Wochenende rund 8000 Anrufe eingegangen - von Eltern, die ihre Kinder vermissen, und anderen, die einfach nur helfen wollen.

Wie der Rundfunksender Skai meldete, bekamen die griechischen Behörden genetisches Material aus mindestens acht europäischen Ländern geschickt. Es stamme von Paaren, die hofften, dass Maria ihr vermisstes Kind sein könnte.

Am Montag durchsuchte die Polizei zwei weitere Roma-Lager in der Nähe von Athen. Neun Personen wurden festgenommen. Laut Polizei gab es in den ersten neun Monaten des Jahres mehr als 600 Razzien bei Roma allein im Raum Athen.

Mit Material von Reuters und dpa

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