In Mali entführte Rentnerin Erleichterung über Freilassung von Marianne P.

Drei Monate lag ihr Schicksal in der Hand von Qaida-Terroristen - nun ist sie frei: Marianne P., pensionierte Lehrerin aus der Nähe von Darmstadt, befindet sich in der Obhut deutscher Behörden. Wann sie nach Deutschland zurückkehren kann, steht noch nicht fest.


Hamburg - Marianne P. hatte die ganze Welt bereist. Immer wieder war die Gymnasiallehrerin, die als wissbegierig und aufgeschlossen beschrieben wird, in fremde Länder gefahren - abseits der üblichen Pauschaltouristenziele. Marianne P. war nicht ängstlich: Mit fast 80 Jahren brach sie am 18. Januar zu einem elftägigen Trip in die Sahara auf. Eine Wüstentour, vor der das Auswärtige Amt (AA) auf seiner Web-Seite explizit warnt - weil die Gefahr von Entführungen besteht.

Von den Terroristen veröffentlichtes Bild: Marianne P. befindet sich inzwischen in der Obhut der Behörden

Von den Terroristen veröffentlichtes Bild: Marianne P. befindet sich inzwischen in der Obhut der Behörden

Marianne P. wurde die Reise zum Verhängnis: Am 22. Januar wurde sie gemeinsam mit einem Schweizer Ehepaar und einem Briten im Grenzgebiet zwischen Mali und Niger verschleppt. Die Gruppe war auf der Rückkehr vom Festival Andéramboukane, einem mehrtägigen Volksfest der in der Region ansässigen Tuareg-Stämme, als der kleine Konvoi gegen Mittag etwa 60 Kilometer von der Grenze entfernt beschossen wurde. Verletzt wurde niemand.

Der lokale Reiseleiter und ein weiterer deutscher Tourist konnten dem Angriff in ihrem Geländewagen entkommen und sich in Sicherheit bringen. Die Insassen des zweiten Jeeps, unter ihnen auch Marianne P., wurden von den Bewaffneten verschleppt. Erst jetzt, rund drei Monate später, kam die Pensionärin frei.

Zu den genauen Umständen will sich das AA derzeit ebenso wenig einlassen wie zum Zustand von Marianne P. Noch ist unklar, wann die frühere Lehrerin zurück nach Deutschland kommen kann. Außenminister Frank-Walter Steinmeier hatte am Mittwochabend gesagt, die Rentnerin sei von den Strapazen der Verschleppung gezeichnet.

Derzeit befindet sich Marianne P. in Malis Hauptstadt Bamako und wird von Mitarbeitern der deutschen Botschaft betreut. Sie soll völlig erschöpft und momentan nicht in der Lage sein, die Heimreise anzutreten.

"Eine Situation großer Ohnmacht"

In ihrem Heimatort Mühltal, einer 14.000-Einwohner-Gemeinde ist man erleichtert über die Freilassung. "Wir haben regelmäßig den Austausch mit der Polizei und dem Auswärtigen Amt gesucht. Aber es war für uns schlimm, nichts für sie tun zu können", sagte Bürgermeisterin Astrid Mannes SPIEGEL ONLINE. "Für uns war das eine Situation großer Ohnmacht."

P. lebt seit 1983 in der Gemeinde, sie ist alleinstehend. Bürgermeisterin Mannes beschreibt sie als "starke, robuste, unternehmungslustige, neugierige, nicht scheue Frau". In dem Ort ist sie vielen vertraut: In den vergangenen Jahren hielt sie immer wieder Diavorträge, in denen sie von ihren Reisen und Erfahrungen berichtete.

"Wir hoffen sehr, dass wir sie in einem guten Zustand begrüßen dürfen", sagte die Bürgermeisterin. "Aber wir werden kein großes Fest veranstalten. Sie soll erst einmal ganz in Ruhe wieder hier ankommen können."

Mit Details hielt sich das AA, wie in solchen Fällen üblich, in den vergangenen Monaten zurück, um das Leben der Geiseln nicht zu gefährden.

Zunächst gab es nur Spekulationen zu den Drahtziehern der Entführung. Am 18. Februar bekannte sich die Nordafrika-Filiale des Terrornetzwerks al-Qaida zu der Verschleppung. Ein entsprechendes Bekennervideo wurde vom arabischen Satellitensender al-Dschasira ausgestrahlt. Darin brüstet sich der Sprecher mit zwei "erfolgreichen Operationen" der Mudschahidin": Eine Entführung zweier kanadischer Diplomaten im Dezember sowie die Geiselnahme von vier europäischen Touristen - eine von ihnen Marianne P.

Es war das erste Mal, dass der Krisenstab der Bundesregierung wissentlich Verhandlungen mit Qaida-Entführern führte. Die Geiselnehmer veröffentlichten zudem Fotos ihrer Gefangenen: Eines der Bilder zeigte eine Frau mit weißem Kopftuch, hinter der sechs zum Teil bewaffnete Männer standen. Ihr Gesicht allerdings hatten die Geiselnehmer technisch verfremdet. Es lässt sich vermuten, dass das Bild Marianne P. zeigte, Gewissheit über die Authentizität des Bildes gab es nicht.

"Ich bin überhaupt nicht pessimistisch"

P. ging es nach Informationen des SPIEGEL in den unwegsamen Wüsten- und Berglandschaften schlecht: Sie hatte sich einen Arm gebrochen, doch für den Krisenstab gestaltete es sich schwierig, über Mittelsmänner Verbandszeug zu schicken. Die Gruppe schlug ihr Lager nachts immer wieder an einem anderen Ort auf, die Verständigung mit den Entführern war alles andere als einfach.

Konkrete Forderungen der Terroristen wurden in all den Wochen nicht bekannt. Spekulationen, etwa über eine mögliche Freilassung inhaftierter Gesinnungsgenossen der Entführer und Lösegeldzahlungen, wurden nicht bestätigt.

Nach rund zwei Monaten gab es einen ersten Hoffnungsschimmer in dem Fall: Vier Verdächtige wurden in Mali festgenommen, die in die Verschleppung der Touristen verwickelt gewesen sein sollen.

Anfang April folgte die erste Einschätzung von offizieller Seite: Malis Staatspräsident Amadou Toumani Toure sagte, er sei optimistisch, dass es eine Lösung für die Freilassung der sechs westlichen Geiseln geben werde. Es gehe ihnen gesundheitlich gut, sagte Toure, der in dem Fall vermittelte.

Es war das erste Statement einer an den Verhandlungen beteiligten Regierung. Nun war offiziell bestätigt, dass es Gespräche mit den Geiselnehmern - aber auch Lebenszeichen von den Geiseln gab. Deutschland, die Schweiz, Kanada und Großbritannien hatten Diplomaten und Anti-Terror-Experten zur Unterstützung in das afrikanische Land geschickt.

Toure erklärte, seine Regierung arbeite daran, dass die Verschleppten "bald zu ihren Familien zurückkehren können". Man habe ihnen einige persönliche Dinge übergeben können. "Im Moment läuft alles gut. Ich bin überhaupt nicht pessimistisch."

Außenminister Steinmeier bedankte sich in seiner Stellungnahme bei Toure und seiner Regierung, "mit der wir eng und vertrauensvoll zusammengearbeitet haben".

Außer P. wurde auch eine Schweizer Touristin sowie die beiden kanadischen Diplomaten freigelassen. Das Schicksal der zwei weiteren Teilnehmer der Reisegruppe - einem Schweizer und einem Briten - scheint indes noch ungewiss.

Das Außenministerium in Bern forderte mit Nachdruck, dass alle noch entführten Geiseln umgehend und bedingungslos freigelassen werden. Das Ministerium werde seine intensiven Bemühungen in Zusammenarbeit mit den betroffenen Regierungen fortsetzen.

Al-Qaida in Nordafrika unterstellte sich erst 2007 Osama Bin Ladens Oberbefehl. Die Gruppe ging hervor aus der algerischen militanten GSPC, hat aber Einfluss weit über das Land hinaus. 2008 entführte das Terrornetzwerk in Nordafrika bereits zwei österreichische Touristen; sie kamen damals nach Monaten frei - angeblich gegen eine Lösegeldzahlung.

Mit Material von AP

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.