Inhaftierter Marco Weiss Türkei stellt Abschiebung nach Deutschland in Aussicht

In den Fall des in Antalya inhaftierten Schülers Marco Weiss kommt langsam Bewegung. Aus dem türkischen Justizministerium verlautete, der 17-Jährige könne nach einer Verurteilung in die Bundesrepublik ausgeliefert werden - so er das wolle.


Istanbul - Zwischen der Türkei und Deutschland gebe es ein Abkommen über die Überstellung verurteilter Straftäter in das jeweils andere Land, meldete die türkische Nachrichtenagentur Anadolu heute unter Berufung auf das Justizministerium in Ankara, ohne jedoch die Quelle näher zu nennen. Eine Auslieferung wäre möglich, wenn der 17-Jährige dies wünsche, hieß es.

Für den 17-jährigen Marco Weiss bedeutet das, dass er nach einem Urteil zur Verbüßung seiner Reststrafe in die Bundesrepublik gebracht werden könnte, aber kaum auf eine vorzeitige Entlassung hoffen darf. Dem Schüler droht eine Haftstrafe von bis zu acht Jahren.

Wie Anadolu weiter meldete, hat Marco eine Verlegung aus dem Gefängnis in Antalya in eine Haftanstalt im benachbarten Alanya abgelehnt. Unter Berufung auf das Justizministerium berichtete die Agentur, derzeit sei Marco in Antalya in einer Großraumzelle mit 31 anderen ausländischen Häftlingen untergebracht. Der minderjährige Häftling aus der Bundesrepublik sei gefragt worden, ob er lieber in einer Einzelzelle in Alanya untergebracht werden wolle, meldete Anadolu. Das habe Marco Weiss aber abgelehnt.

Für eine Entlassung des Jugendlichen aus türkischer Haft setzte sich unterdessen der Bundesvorsitzende der Türkischen Gemeinschaft in Deutschland, Kenan Kolat, beim Generalstaatsanwalt in Antalya ein. Er sagte auf N24, dieser habe eine Prüfung zugesagt.

Der Prozess gegen den 17-Jährigen soll am 6. Juli in der Türkei beginnen. Dem Schüler aus Uelzen wird vorgeworfen, sich am 10. April in einem Ferienhotel an der 13-jährigen Charlotte M. aus Manchester vergangen zu haben. Seit dem 11. April sitzt er im Gefängnis von Antalya.

Die Aussagen von Marco und Charlotte widersprechen einander. Er hatte gesagt, sie habe sich als 15-jährig ausgegeben, und der Wunsch nach Sex sei von ihr ausgegangen. Das Mädchen aus Manchester hat dagegen bei der türkischen Staatsanwaltschaft den Deutschen schwer belastet. Die "Bild"-Zeitung zitierte aus der Aussage der 13-Jährigen: Sie habe Marco in der Disco getroffen und mit ihm gestritten. Später, als sie mit ihrer Schwester und ihrer Freundin ins Hotelzimmer zurückgekehrt sei, habe Marco sie zusammen mit einem Freund aufgesucht, um sich zu entschuldigen.

Sie hätten eine Weile auf dem Bett gesessen. Später seien ihre Schwester und Marcos Freund auf den Balkon gegangen. Ihre Freundin sei eingeschlafen. "Ich legte mich auch schlafen, obwohl der Beschuldigte neben mir war", heißt es weiter. "Als ich plötzlich zu mir kam, also erwachte, da fühlte ich den Beschuldigten auf mir. Ich schubste ihn weg. Dabei bemerkte ich aber eine Feuchtigkeit auf meinem Körper. Danach sind wir zum Arzt gegangen." Der von Marcos Eltern beauftragte Rechtsanwalt Jürgen Schmidt sagte heute im "RTL"-Magazin "Punkt 12": "Meines Wissens ist diese Aussage längst widerrufen."

Der luxemburgische Regierungschef Jean-Claude Juncker kritisierte die Türkei. "Ich finde mich nicht einfach damit ab, dass ein junger Deutscher unter unmöglichen Umständen und in unmöglichen Zuständen in einem türkischen Gefängnis festgesetzt wird", sagte Juncker dem "Rheinischen Merkur". Die Türkei müsse wissen, "dass sie immer wieder abgebremst werden wird, wenn sie sich nicht schneller auf europäische Normalverhältnisse zu entwickelt".

Der brandenburgische Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) sagte, Juncker habe Recht, wenn er angesichts des Falls darauf hinweise, dass die Türkei nicht reif sei für die EU. In der N24-Talksendung "Links-Rechts" warf er den türkischen Behörden vor, mit der langen Inhaftierung des 17-Jährigen den "Grundsatz der Verhältnismäßigkeit" zu verletzen. Schönbohm meinte, die Politik müsse "unterhalb der öffentlichen Wahrnehmungsschwelle" etwas für die Freilassung des Schülers tun. "Jeder öffentliche Druck schadet", sagte er. Trotzdem erklärte er, "mit Jugendgruppen" würde er aber "nicht mehr in die Türkei fahren."

jdl/AP/AFP



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