Inhaftierter Millionenerpresser Wolf Anwalt wirft JVA-Leitung schlimme Versäumnisse vor

Thomas Wolf war der meistgesuchte Verbrecher Deutschlands, bis man ihn auf der Hamburger Reeperbahn schnappte. Im Knast erkrankte er dann an einer gefährlichen Borreliose. Sein Anwalt erhebt nun schwere Vorwürfe gegen das Gefängnis: Es verweigere dem Patienten dringend nötige Spezialnahrung.

Justizvollzugsanstalt Weiterstadt bei Darmstadt: "Mehrbedarf gewährleistet"
dpa

Justizvollzugsanstalt Weiterstadt bei Darmstadt: "Mehrbedarf gewährleistet"


Hamburg - Eine 80 Mann starke Sonderkommission machte zwei Monate lang Jagd auf ihn: Thomas Wolf, den meistgesuchten Verbrecher Deutschlands, eingestuft als gefährlich. Am 27. März 2009 hatte er die Frau eines Wiesbadener Bankdirektors entführt und 1,8 Millionen Euro Lösegeld erpresst. Die Frau blieb unverletzt, einen Teil der Beute vergrub Wolf.

Es war seine letzte spektakuläre Tat.

Denn im Juni 2009 endete seine kriminelle Karriere. Wolf wurde in der Kultkneipe Lehmitz auf der Hamburger Reeperbahn festgenommen und in der Justizvollzugsanstalt Weiterstadt inhaftiert.

In der Haft entwickelte sich bei ihm schon in den ersten zwei Wochen das volle Symptombild einer Borreliose, eine sogenannte multisystemische Erkrankung, die sowohl die Organe als auch das zentrale Nervensystem schädigt und zu schweren Krankheitszuständen führt. Sie ist latent letal, das heißt, sie kann zum Tod führen, wenn sich eine Hirnhaut- oder eine Herzbeutelentzündung entwickelt.

Wolfs Verteidiger, der Frankfurter Anwalt Joachim Bremer, erhebt nun schwere Vorwürfe gegen die JVA Weiterstadt: Der Inhaftierte soll zunächst nicht behandelt worden sein - und nun werde ihm dringend nötige Spezialnahrung verweigert.

Borreliose wird durch Bakterien übertragen, oft bei einem Zeckenbiss. Kam es zur Infektion, als Wolf die Polizei zu dem Waldstück in der Nord-Heide führte, in dem sie dann einen Großteil der Beute fand? Die Staatsanwaltschaft Wiesbaden weist dies zurück. Nach ihren Angaben soll sich Wolf schon zuvor während seiner Flucht infiziert haben.

Klar ist hingegen, dass das gesamte Verfahren gegen Wolf durcheinander gerät. Eigentlich hätte im Dezember der Prozess wegen der Wiesbadener Geiselnahme beginnen sollen. Derzeit jedoch ist nicht einmal sicher, ob Wolf je wieder verhandlungsfähig sein wird. Denn der vom Gericht beauftragte externe Arzt, der Wolf inzwischen behandelt, kann dem Häftling seinem Anwalt zufolge die erforderlichen Medikamente nicht verabreichen. Wolf soll dafür wegen des Krankheitsverlaufs zu geschwächt sein.

Verteidiger will Ärzte belangen

Für Wolf-Anwalt Bremer ist dies ein Skandal. Denn nach seinen Angaben hätte sein Mandant sehr wohl rechtzeitig behandelt werden können - schließlich sei die Anstaltsleitung seit Anfang Juli 2009 über sämtliche Beschwerden und Symptome informiert gewesen. Doch erst auf richterliche Anordnung hin wurde Wolf in das Justizvollzugskrankenhaus Kassel verlegt, wo Ärzte die Erkrankung sofort erkannten.

Mittlerweile aber war aus der Borreliose offenbar eine akute Neuroborreliose geworden, die als unheilbar gilt. Wolfs Verteidiger Bremer brachte ein Strafverfahren gegen die verantwortlichen Ärzte in Gang.

Neuroborreliose richtet im Gehirn immer schwerere Schäden an, je länger sie unbehandelt bleibt. Dem Anwalt zufolge hat sich inzwischen eine Essstörung entwickelt, so dass Wolf seit einem halben Jahr kein warmes Essen, kein Fleisch, keine Wurst, also kein Anstaltsessen zu sich nehmen kann. Innerhalb weniger Monate nahm er 30 Kilo ab.

Vorübergehend fand sich ein Weg, zumindest die Mangelernährung zu kompensieren: Als Untersuchungshäftling durfte Wolf beim wöchentlichen Hauseinkauf einige Dinge erwerben, die er verträgt, wie etwa Thunfisch in Dosen. Dazu steuerte die Küche der JVA als Wochenration Milchprodukte und Obst bei: von Montag bis Freitag zwei Äpfel, drei kleine Birnen, drei Becher Joghurt, zwei Becher Quark. Wolf durfte auch Mineralwasser auf eigene Rechnung kaufen, da er wegen der Medikamente sehr viel trinken muss.

Keine Sonderregelungen mehr bei Lebensmitteln

Nun aber teilte die Anstaltsleitung laut Bremer mit, dass Wolf nicht länger den Status eines Untersuchungsgefangenen habe, sondern wie ein normaler Strafgefangener eingestuft werde. Konkret heiße dies, dass Wolf Lebensmittel nicht mehr wie bisher wöchentlich für 70 Euro kaufen darf - das Geld stellt ihm seine Lebensgefährtin zur Verfügung -, sondern er kann nur noch einmal im Monat für einen geringeren Betrag einkaufen.

Die letzte Vereinbarung von voriger Woche zwischen dem behandelnden Arzt und dem ärztlichen Dienst des Gefängnisses, wonach Wolf aus einem Geschäft am Ort auf Kosten seiner Lebensgefährtin Nahrungsergänzungsmittel geschickt werden, schlug nach Angaben des Anwalts fehl. Als das Lebensmittelpaket angeliefert und ohne Beanstandung durchleuchtet worden war, soll der Leiter des Sicherheitsdienstes die Annahme verweigert haben. Die Lebensmittel sollen im Müll gelandet sein.

Summa summarum: Die Haftanstalt, die sich laut Wolfs Verteidiger zunächst nicht um die Krankheit des Mannes gekümmert hatte und ihn für einen Simulanten hielt, soll ihm nun auch noch die medizinisch nötige Ernährung auf eigene Kosten verweigern.

Wolf ist kein unbeschriebenes Blatt. Schon als Jugendlicher beging er Diebstähle, saß eine erste Gefängnisstrafe ab. Danach stahl er wieder, beging Raub- und Körperverletzungsdelikte. Er kam erneut in Haft - und brach aus. Wieder ein Banküberfall, wieder Gefängnis. Zum Jahreswechsel 1999/2000 kehrte er von einem Hafturlaub nicht zurück. Wenige Monate später, am 20. April 2000, soll er eine Commerzbank-Filiale in Hamburg überfallen und mittels einer Bombenattrappe eine halbe Million Mark erbeutet haben.

Acht Jahre lebte er als "David van Dijk" unerkannt in einem Mehrfamilienhaus im Frankfurter Westend. In der Zwischenzeit, 2003, überfiel er eine holländische Bank in Eindhoven und erbeutete dort 90.000 Euro. Obwohl Fahndungsfotos von ihm in ganz Deutschland kursierten, fiel auch seiner Lebensgefährtin nicht auf, mit wem sie sich da angefreundet hatte. "Er legte nie viel Wert darauf," hieß es bei der Polizei, "unerkannt zu bleiben." Mit seiner falschen Identität sei er gut zurechtgekommen.

Ein bedauerlicher Einzelfall?

Gemessen an der Fülle von Zuschriften, die den SPIEGEL wöchentlich von Strafgefangenen erreichen, scheint der Fall Thomas Wolf nur einer von vielen zu sein. Dutzende Inhaftierte berichten über eine unzureichende - oder unterbleibende - ärztliche Versorgung und schikanöse Behandlung in den Vollzugsanstalten. Nicht jedes Einzelschicksal kann veröffentlicht werden. Auch macht nicht jeder Anwalt Missstände in Gefängnissen so nachdrücklich publik wie Bremer.

Aber darf es das Ziel von U-Haft oder Strafvollzug sein, Menschen zu schikanieren? Ihre Gesundheit zu beschädigen oder zugrunde zu richten? Selbst wenn es nur um ein paar Äpfel mehr oder weniger geht?

Die JVA Weiterstadt wollte zu den Vorwürfen keine Stellung nehmen und verwies an das Hessische Justizministerium. Dort teilte eine Sprecherin mit, der Zustand Wolfs sei "unbedenklich". Ob Wolf überhaupt an Borreliose leide, sei "aus hiesiger Sicht ungeklärt". Der "Mehrbedarf an Lebensmitteln" sei jedenfalls gewährleistet.

Dem widerspricht Anwalt Bremer entschieden. Schon im August vorigen Jahres hätten die Ärzte des JVA-Krankenhauses Kassel die Krankheit bei Wolf diagnostiziert, der schriftliche Diagnosebericht liegt vor. Auch Wolfs behandelnder Arzt aus Darmstadt bestätige die Erkrankung. Momentan müssten drei aggressive Co-Infektionen behandelt werden.



insgesamt 50 Beiträge
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own_brain_user 24.11.2010
1. Wenn einer was ausgefressen hat, ...
... werden ihm diverse Rechte entzogen. Beim Freiheitsentzug kommt er in Haft und befindet sich damit in staatlicher *Obhut*. Und diese hat auch eine solche zu sein, egal, was er ausgefressen hat. Die Reste meines Glaubens an den Rechtsstaat schwinden immer mehr...
dzire187 24.11.2010
2. Justizministerium bezweifelt Diagnose?
Wieso bildet sich das Justizministerium ein die Diagnose in Frage stellen zu dürfen? Das stellt für sich genommen schon einen Skandal dar. Naja, die CDU mal wieder. Dr Partei ist längst jeder Sinn für Menschlichkeit und rechtsstaatliches Handeln abhanden gekommen.
Sapientia 24.11.2010
3. Moment mal, was soll hier diskutiert werden?
Zitat von sysopThomas Wolf war der meistgesuchte Verbrecher Deutschlands, bis man ihn auf der Hamburger Reeperbahn schnappte. Im Knast erkrankte er dann an einer gefährlichen Borreliose. Sein Anwalt erhebt nun schwere Vorwürfe gegen das Gefängnis: Es verweigere dem Patienten dringend nötige Spezialnahrung. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,730518,00.html
Gibt es irgendwo in unserer bestehenden Rechtsordnung irgendeine Norm, die beinhaltet, dass Strafgefangenen keine ärztliche Versorgung zusteht? Will sysop auch dies hier indirekt in Frage stellen? Ist es nicht eher umgekehrt so, dass nach geltendem Strafvollzugsrecht die JVA alles zu tun hat, um sofort eine Diagnose zu erhalten (um ggf die Mitgefangenen zu schützen) und - egal wie und wo und wann infiziert - sie, die JVA, alles SOFORT zu veranlassen hat, dass eine erkannte Krankheit schnellstmöglich geheilt wird, soweit medizinisch möglich - dies allein - aus der ihr obliegenden Obhutspflicht. Ich würde hier schpn längst beim zuständigen LKA eine Strafanzeige wegen des Verdachts der unterlassenen Hilfeleistung deponiert, haben - und zwar gg jeden, der daran erkennbat mitwirkte oder mitwirkt, dass dem Knackie nicht oder mutwillig sehr verspätet geholfen wird. Am meisten aber verwundert mich, dass swo etwas Klares und auf der Hand liegendes wie etwas zur Diskussion gestellt wird, als sei es genauso gut denkbar, dass man ggü dem Inhaftierten nichts macht.
Carla, 24.11.2010
4.
Mich stört der parteiische Stil in diesem Artikel. Das geht schon damit los, dass die Autorin darüber spekuliert, wann sich Wolf infiziert haben könnte (auf den Tag genau). Dabei liegen zwischen Infektion und Ausbruch des Vollbildes Wochen, nicht selten Monate. Und selbst wenn: was ändert das? Ist jetzt etwa der Staat/die Polizei daran schuld, weil EVENTUELL eine Infektion bei einer Besichtigung entstand? Es spielt überhaupt keine Rolle, wann und wo sich Wolf infiziert hat und davon abgesehen sind die Spekulationen der Autorin über Ort und Zeit reine Phantasie. Darüber hinaus verursacht Neuroborreliose keine Essstörungen, sondern Empfindungsstörungen, Lähmungen, u. a. Blindheit usw. Bei der Borreliose braucht man keine Spezialnahrung, sondern Antibiotika, oft starke Schmerzmittel und ähnliches. Es spricht in der Tat einiges dafür, dass Wolf die Borreliose eher vorschiebt und instrumentalisert, um sich bestimmte Vorteile zu verschaffen. Leider hat sich die Autorin da aber frühzeitig auf eine Sichtweise festgelegt und diese Möglichkeit nicht weiter verfolgt.
augu 24.11.2010
5. ....
Zitat von dzire187Wieso bildet sich das Justizministerium ein die Diagnose in Frage stellen zu dürfen? Das stellt für sich genommen schon einen Skandal dar. Naja, die CDU mal wieder. Dr Partei ist längst jeder Sinn für Menschlichkeit und rechtsstaatliches Handeln abhanden gekommen.
Die Diagnose einer Borreliose ist nicht so eindeutig zu erbringen : Die Lyme-Borreliose ist eine durch Borrelien-Bakterien ausgelöste Erkrankung, die meist mit Hautveränderungen (Wanderröte) beginnt und später verschiedene Organe befallen kann (Nervensystem, Gelenke, Herz, selten Augen). Sie wird durch Zecken auf den Menschen übertragen. Bei der Diagnose müssen Zeichen und Beschwerden beim Patienten sowie Laborergebnisse berücksichtigt werden. Zeigen sämtliche Laboruntersuchungen keine Hinweise eine Lyme Borreliose, ist eine Erkrankung sehr unwahrscheinlich, wenn auch nicht vollständig ausgeschlossen. Findet man unter den Laborwerten Hinweise auf eine Erkrankung, muss abgeschätzt werden,*ob eine aktive oder eine überstandene Erkrankung vorliegt, die mit den aktuellen Beschwerden vielleicht gar nichts zu tun hat. Laborzeichen für die Erkrankung bleiben auch bei überstandener Erkrankung meist jahrzehntelang bestehen. Die nicht selten schwierige Diagnose * stützt sich auf: * Erscheinung und Verlauf der Erkrankung Besonders das erste Stadium der Lyme-Borreliose, in der die Wanderröte (das Erythema migrans) auftritt, ist oft ohne Laborbefunde zu erkennen. In den späteren Stadien der Borreliose sind die Beschwerden und Zeichen oft unklarer und vieldeutiger. * Borrelien-Antikörpernachweis im Blut Negativer Befund: Werden bei korrekter Durchführung und Verwendung moderner Testverfahren keine Borrelien-Antikörper gefunden, ist eine länger bestehende Lyme-Borreliose sehr unwahrscheinlich, wenn auch nicht 100%ig ausgeschlossen. Positiver Befund: Wenn Antikörper gegen Borrelien im Blut gefunden werden, kann dies wegen einer aktiven Infektion aber auch wegen einer ausgeheilten Infektion sein. Es heißt also keinesfalls, dass eine Lyme-Borreliose vorliegen muss. * Nachweis der Borrelien Wird heute meistens mit Hilfe der PCR-Technik durchgeführt. Derzeit noch auf spezielle Anwendungen beschränkt: z.B. für den Nachweis von Borreliose-bedingten Gelenksentzündungen (Erregernachweis in Gelenksflüssigkeit) oder Verdacht auf Borreliose des Nervensystems (Erregernachweis in der Gehirn-Rückenmark-Flüssigkeit). * Untersuchung des Liquors (=Gehirn-Rückenmark-Flüssigkeit) Die Untersuchung des Liquors auf Zellen (Leukozyten) und Borrelienantikörper, sowie der Nachweis von Borrelien im Liquor kann helfen, einen Borreliose-Befall des Nervensystems zu erkennen.
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