Inhaftierter Schüler "Marco wird zerstört"

Seit zehn Wochen sitzt Marco Weiss, 17, nach einem Urlaubstechtelmechtel in einem türkischen Gefängnis. Es gehe ihm "sehr, sehr schlecht", sagt ein Freund. Während Politiker und Anwälte um die Freilassung des Teenagers ringen, sorgen sich andere um dessen Gesundheit.


Uelzen - Wenn morgen die Zehntklässler der Uelzener Sternschule in die mündlichen Prüfungen gehen, wird einer fehlen: der 17-jährige Marco Weiss. Er sitzt seit dem 11. April im türkischen Antalya in Untersuchungshaft. Vorgeworfen wird ihm, Charlotte M., 13, aus Manchester sexuell missbraucht zu haben. "Unvorstellbar", findet das Schulleiterin Elke Schießer, die Marco als "netten, freundlichen und guten Schüler" beschreibt.

Marco war während des Osterurlaubs mit seinen Eltern im Touristenort Side verhaftet worden, nachdem es in der Nacht zum 11. April in einem Hotelzimmer zwischen ihm und dem Mädchen, das sich dem Deutschen gegenüber als 15-Jährige ausgegeben haben soll, offenbar zu einvernehmlichen sexuellen Kontakten gekommen ist. Die Mutter des Mädchens hatte Anzeige gegen ihn erstattet.

Nach Informationen des SPIEGEL beteuert der 17-Jährige, mit dem Mädchen nicht geschlafen zu haben. Auch gibt es keine Hinweise darauf, dass er die junge Britin unter Druck gesetzt oder bedrängt hat. Die türkische Kriminalpolizei nahm den Schüler dennoch in Haft. Ihm drohen bei einer Verurteilung bis zu acht Jahre Gefängnis. Deutschland hat die türkische Regierung inzwischen aufgefordert, den Jugendlichen bis zum Verhandlungsauftakt am 6. Juli auf freien Fuß zu setzen.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) kündigte an, morgen bei einem Treffen in Brüssel von seinem türkischen Amtskollegen "mit Nachdruck" die Freilassung des 17-Jährigen zu fordern. Er sprach von einem "harten, bedauerlichen Schicksal, das uns nicht kalt lässt".

Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) will sich mit einem Brief an den türkischen Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan wenden. Darin wolle sich Wulff für die Freilassung des Jugendlichen einsetzen, sagte ein Sprecher der Staatskanzlei.

"Marco wird momentan zerstört", sagte Kay Steinmann, Jugendbetreuer bei der Uelzener Ortsgruppe des Technischen Hilfswerks (THW), in der sich der Jugendliche engagiert. "Er wird nicht mehr das Kind sein, das ich kennen gelernt habe." Der Schüler teilt sich im Gefängnis eine Zelle mit 30 Gefangenen - darunter Betrüger und Schläger aus Turkmenistan, Usbekistan und dem Kosovo - und darf seine Eltern nur einmal pro Woche für zehn Minuten durch eine Glasscheibe sprechen.

In seiner niedersächsischen Heimat formiert sich inzwischen öffentliche Unterstützung für Marco. Das THW Uelzen richtete ein Spendenkonto ein, auf das bis zum Wochenende 1300 Euro eingingen.

Auch die Mitschüler "sammeln und spenden" für Marco, sagte Schulleiterin Schießer. Zudem schicken sie Fax-Nachrichten in die Türkei. Marco gehe es momentan "sehr, sehr schlecht", sagte THW-Kamerad Patrick Friede. Marco habe aber mitbekommen, "dass wir hier in Uelzen etwas für ihn organisieren". Vielleicht gebe ihm das etwas Hoffnung.

Die verpasste Prüfung dürfte dabei die kleinere Sorge sein. Das Kultusministerium habe bereits signalisiert, dass Marco diese nachholen könne, sagte Steinmann. Marco wolle nach seinem Realschulabschluss die Fachoberschule besuchen und habe bereits eine Praktikumsstelle.

jdl/ddp



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