Inhaftierter Schüler "So etwas vergisst man nicht"

Die wochenlange Haft in einem türkischen Gefängnis wird den 17-jährigen Marco Weiss ein Leben lang begleiten. Eine solche Erfahrung bleibe prägend für die weitere Entwicklung, warnt der Psychotherapeut Werner W. Wilk.


Bielefeld - Schon ein "normaler" Freiheitsentzug habe prägenden Einfluss auf die Erinnerung und sei psychisch nicht so einfach zu verkraften, so Wilk. Kämen verschärfte Haftbedingungen, die Beobachtung von Gewalt oder gar die persönliche Erfahrung von Gewalt hinzu, könne es psychische Probleme bis hin zu Erkrankungen geben. "Jeder Freiheitsentzug mit Gewaltaspekten führt zu Bedrohlichkeiten", sagte der Arzt, der seit 25 Jahren praktiziert.

Eine weitere Belastung für den Jugendlichen könne das Gefühl sein, zu Unrecht inhaftiert zu sein. Der Eindruck, einem nicht verlässlichen Rechtssystem und damit Willkür ausgesetzt zu sein, könne eine große Rolle für die Verunsicherung des jungen Mannes spielen.

Welchen Einfluss Marcos Erfahrungen im Gefängnis haben werden, hänge stark von seiner persönlichen inneren Stabilität ab. "Die einen verkraften das, die anderen haben Probleme." Von großer Bedeutung ist nach den Worten von Wilk in einer derartigen Situation der Kontakt nach außen. "Diese Brücke ist ganz wichtig, der Eindruck, da kümmert sich jemand um mich", sagte der Psychotherapeut. So seien die zehn Minuten, die Marco nach Angaben der Familie jede Woche seine Mutter hinter einer Glasscheibe sehen dürfe, zwar nur ein ganz geringer Kontakt. "Aber es ist einer." Die Mutter werde ihn aufmuntern und ermutigen. "Das hilft."

Soweit das in der Öffentlichkeit erkennbar sei, verhalte sich Marcos direkte Umgebung richtig. "Niemand macht ihm einen Vorwurf. Die Aufnahme in der Familie wird sicherlich nicht behindert." Sobald der Jugendliche wieder in Freiheit sei, sollte er aber schnellstmöglich fachlichen Rat bei einem Psychotherapeuten suchen, riet Wilk. "So wie jemand nach einer schweren körperlichen Belastung zur Abklärung zum Arzt geht, so sollte man das auch nach psychischen Belastungen tun."

Die türkische Regierung hatte am Mittag eine Haftverschonung des 17-Jährigen mit dem Verweis auf die Unabhängigkeit der Justiz abgelehnt. "Wir können und wollen uns nicht in das Rechtsverfahren einmischen", sagte der türkische EU-Chefunterhändler Ali Babacan nach einem Gespräch mit Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier in Brüssel. Seine Regierung werde aber "alles Notwendige tun, damit er ein faires Verfahren bekommt".

jdl/AP

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.