Interview mit der Cousine von Morsal O. "Vielleicht hat er es aus Liebe getan"

Morsal O. war erst 16, als sie in der vergangenen Woche auf offener Straße von ihrem Bruder Ahmad mit Dutzenden Messerstichen getötet wurde. Mit SPIEGEL-TV-Reporter Malte Schindler hat die Cousine des Mädchens über die Tat gesprochen - und über mögliche Motive ihres Cousins.


Morsal O. wurde in der Nacht zu Freitag mit 20 Messerstichen von ihrem Bruder Ahmad getötet. Ein Notarzt versuchte, die 16-Jährige wiederzubeleben, doch das Mädchen starb auf dem Weg ins Krankenhaus. Ahmad O. sitzt unter Mordverdacht in Untersuchungshaft. In ersten Vernehmungen hat er gestanden, seine Schwester getötet zu haben. Morsals Cousine Mujda O. sprach mit SPIEGEL TV über die Hintergründe der Tat. Auszüge des Interviews sind im SPIEGEL TV Magazin ausgestrahlt worden.


SPIEGEL TV: Wie können Sie sich erklären, was passiert ist?

Mujda O.: Das muss ein sehr langer Prozess gewesen, und es muss sehr viel vorgefallen sein. Irgendwann muss die Sicherung durchgebrannt sein bei meinem Cousin.

SPIEGEL TV: Was für ein Prozess war das?

Mujda O.: Morsal wollte einfach mehr Freiheiten. Es ist nicht so, dass - wie oft berichtet wird - sie einen Freund hatte und deshalb umgebracht wurde. Es haben mehrere Punkte eine Rolle gespielt, die gegen die Ehre der Familie waren.

SPIEGEL TV: Was kann denn die Familienehre verletzen?

Mujda O.: Das fängt klein an: Respekt vor den Eltern verlieren, nach Hause kommen, wann man will und nicht, wie es vorher abgemacht worden ist. Es sind Freiheiten gewesen, die man ihr einfach nicht mehr bieten konnte, als Afghanin. Es ging um Kleidung, Schminke, Freunde. Sie hatte die falschen Freundinnen. Sie war mit Freunden unterwegs, die in Heimen gelebt haben, die sich selbst von ihren Eltern abgewandt hatten. Das waren Mädchen, die keine gute Schulbildung hatten.

SPIEGEL TV: Was bedeutet es, wenn man sich von der Familie abwendet?

Mujda O.: Das heißt: Ich will jetzt mein eigenes Leben führen. Ich möchte nicht mehr nach den Sitten und Gebräuchen anderer leben. Ich möchte nicht mehr für die Gesellschaft leben, sondern für mich. Morsal hat lange so gelebt, wie alle das wollten. Und irgendwann, ich weiß auch nicht, wie das passieren konnte, hat sie auf einmal gesagt: jetzt nicht mehr.

SPIEGEL TV: Wie war das denn: zu leben, wie alle anderen das wollten?

Mujda O.: Morsal hat eigentlich sehr viel Freiheit bekommen, meiner Meinung nach. Sie hat sich Piercings machen lassen, beispielsweise. Die Eltern haben dazu nichts gesagt. Sie konnte anziehen, was sie wollte - aber eben nicht mit einem Minirock zur Schule gehen. Das würde eine deutsche Mutter aber genauso wenig sehen wollen, glaube ich, wenn ihre Tochter geschminkt ist, als ob sie zu einer Party gehen will. Man wollte von ihr, dass sie zu der vorgeschriebenen Zeit nach Hause kommt. Wenn es hieß: "Du musst mehr für die Schule tun, uns ist Deine Bildung sehr wichtig", dann sollte das so sein. Die Eltern haben Unmengen an Geld ausgegeben für ihre Bildung. Und die Eltern haben ihr gesagt: "Du hast noch viel Zeit."

SPIEGEL TV: War Ahmad strenger als die anderen?

Mujda O.: Ja, leider. Ahmad war sehr viel strenger. Er ist einer der wenigen in der Familie, der so gedacht hat. Er hat immer das Gefühl gehabt: Sie ist ja meine kleine Schwester.

SPIEGEL TV: Wie weit ging die Strenge? Hat er sie auch kontrolliert und beobachtet?

Mujda O.: Ja, weil er sich Sorgen gemacht hat. Aber Morsal hat sich natürlich gewehrt. Er durfte kaum noch in ihre Nähe. Es gab Gerüchte, Ahmad hätte sie geschlagen, dann wurden sie wieder dementiert. Sie selbst hat Anzeigen wieder zurückgenommen.

SPIEGEL TV: Hat Morsal mit Ihnen darüber gesprochen, was sie störte?

Mujda O.: Ja. Sie fühlte sich eingeengt. Aber sie hat trotzdem das gemacht, was sie wollte. Ich habe dann häufig gesagt: "Komm Mädel, du bist noch jung, du hast noch Zeit. Du bist erst 16, du wirst das alles noch bekommen." Auch nach ihrer Rückkehr aus Afghanistan haben wir geredet.

SPIEGEL TV: Was hatte es mit der Reise nach Afghanistan auf sich?

Mujda O.: Morsal sollte die afghanische Kultur kennenlernen. Sie sollte ihre Freiheiten, die sie hier hatte, schätzen lernen. Die waren in Afghanistan natürlich sehr viel eingeschränkter. Sie sollte den Respekt vor Älteren kennenlernen, der in Afghanistan einen sehr viel höheren Stellenwert hat. Die Eltern haben gedacht, all das sei ihnen gelungen. Sie haben gedacht, dass Morsal sich verändert hat, und haben sie wieder zurückgebracht.

SPIEGEL TV: Wie war sie, als sie zurückkam aus Afghanistan?

Mujda O.: Genauso wie vorher. Ich habe keine Veränderung feststellen können.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.