Interview mit Hollywood-Gerichtszeichnerin "Michael Jackson sieht aus wie eine Karikatur"

O.J. Simpson, Michael Jackson, Arnold Schwarzenegger - in 25 Jahren hatte Mona Shafer Edwards sie fast alle. Mit scharfem Auge und spitzem Stift hat die Zeichnerin Hollywoodgrößen in ihren schwächsten Momenten beobachtet - vor Gericht.


SPIEGEL ONLINE: Wie viel Zeit haben Sie beim letzten Michael-Jackson-Prozess im Gerichtssaal verbracht?

Shafer Edwards: Insgesamt etwa 16 Tage. Das war ein sehr seltsamer Prozess um eine sehr seltsame Person. Ich hatte eine Zeugenliste und habe mir die interessanten Zeugen herausgesucht. Leider geben die Fernsehstationen nicht mehr so viel Geld aus und schicken mich nur noch zu Prozessen, die wirklich spektakulär, sexy und "echt Hollywood" sind.

SPIEGEL ONLINE: Kaufen die Ihre Zeichnungen auch, wenn Fotografen und Kamerateams im Saal sind?

Shafer Edwards: Im Prozess um O.J. Simpson zum Beispiel waren Kameras erlaubt. Dann bilde ich wichtige Kleinigkeiten im Gerichtssaal ab, die die Kamera nicht erfasst. Ich zeichne Zuhörer, weinende Familienmitglieder, was abseits des Zeugenstandes vorgeht, gehört auch dazu. Wenn keine Kameras dabei sind, konzentriere ich mich auf Zeugen, Angeklagte und Verteidiger.

SPIEGEL ONLINE: Was passiert mit Ihren Zeichnungen?

Shafer Edwards: Sender und Zeitungen dürfen sie gegen Honorar zeigen. Aber ich behalte die Originale, jedes einzelne ist ein kleines Stück Geschichte. Ich habe Tausende davon in Kisten, leider nicht besonders gut geordnet. Wenn ich mal 90 bin, werde ich sie vielleicht alle richtig ablegen. Manche verkaufe ich auch an Anwälte, die sich ihre spektakulärsten Prozesse an die Wand hängen wollen.

SPIEGEL ONLINE: Was macht eine gute Zeichnung aus?

Shafer Edwards: Ich mache immer mehrere Zeichnungen und hoffe auf eine dramatische Situation, dass jemand schreit, heult oder zusammenbricht. Im Schnitt brauche ich zehn Minuten für eine Zeichnung, die schnellsten sind die besten. Der erste Eindruck zählt.

SPIEGEL ONLINE: Was macht den Unterschied zwischen einem Foto und einer Zeichnung aus?

Shafer Edwards: Zeichnungen sind persönlicher, emotionaler, man sieht mehr. Manche Richter und Anwälte erinnern sich genau, was sie in dem Moment meiner Zeichnung gesagt haben. Fotos sind anonymer und kälter. Obwohl ich so objektiv bin wie eine Kamera, vermitteln meine Zeichnungen mehr Menschlichkeit.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind objektiv?

Shafer Edwards: Selbstverständlich. Im Gerichtssaal schalte ich meine Meinung aus, löse mich vom Prozess und mache meine Arbeit. Manchmal komme ich sehr traurig nach Hause, aber bei Gericht erfährt niemand, was ich fühle.

SPIEGEL ONLINE: Wie schnell können Sie denn zu Hause abschalten?

Shafer Edwards: Das ist verschieden. Ich erinnere mich an den Fall eines Cheerleader-Mädchens, das Model werden wollte. Ein Fotograf lockte sie in die Wüste, fotografierte, quälte und tötete sie. Er hat schreckliche Bilder von ihr gemacht, die ich sechs Monate nicht aus dem Kopf bekam.

SPIEGEL ONLINE: Wie reagieren Angeklagte und Zeugen, die Sie ja in sehr persönlichen Situationen zeichnen?

Shafer Edwards: Ich bin relativ unsichtbar. Eine Kamera ist viel unangenehmer. Als Zeichnerin bin ich weniger eine Bedrohung. Generell lassen sich Menschen gerne zeichnen. Anwälte bitten mich oft, sie mit mehr Haaren oder weniger Bauch zu zeichnen. Aber ich zeichne immer genau das, was ich sehe.

SPIEGEL ONLINE: Ist es besonders schwierig, Prominente zu zeichnen?

Shafer Edwards: Es ist deshalb sehr schwer, weil jeder ein Bild von ihnen im Kopf hat. Ich darf aber weder eine Karikatur zeichnen, noch den Menschen von der Leinwand. Aber die Grenzen zwischen Skizze und Karikatur sind fließend; Michael Jackson sieht aus wie eine Karikatur. Farrah Fawcett ist unglaublich hübsch, aber im Verfahren gegen ihren Ex-Freund, der sie geschlagen hatte, war sie sehr dünn und sah schrecklich aus. Auch sie musste ich zeichnen, wie ich sie an diesem Tag gesehen habe.

SPIEGEL ONLINE: Benehmen sich Hollywoodstars vor Gericht anders als "normale" Menschen?

Shafer Edwards: Nein. Mel Gibson zum Beispiel, der gegen einen fanatischen Fan prozessierte, verhielt sich nicht außergewöhnlich, aber alle anderen drehten durch, als der Star in den Gerichtssaal trat. Die jungen Frauen im Gebäude drängten in den Raum, nur um ihn zu sehen. Ebenso als Arnold Schwarzenegger vor ein paar Jahren vor dem Gericht von Santa Monica zu Belästigungsvorwürfen befragt wurde. Da standen die Leute dicht gedrängt wie Sardinen. Arnold trug Make-up und als er den Zeugenstand verließ, sind auch alle Besucher verschwunden.

SPIEGEL ONLINE: Schauspielern Schauspieler denn auch vor dem Richter?

Shafer Edwards:

Schauspielern würde ich nicht sagen, aber Catherine Zeta-Jones, die gegen eine Stalkerin aussagte, oder die Country-Sängerin Dolly Parton, die beiden waren schon sehr theatralische Zeuginnen. Steven Spielberg dagegen hatte große Angst vor einem angeklagten Stalker, der nur drei Meter von ihm entfernt saß.

SPIEGEL ONLINE: Welchen Prozess fanden Sie am interessantesten?

Shafer Edwards: Die Ladendiebstahl-Geschichte von Winona Ryder war spannend. Die Reporter haben nur auf ihr Aussehen geschaut: Make-up, Frisur, Prada oder Chanel, welche Schuhe. Der eigentliche Fall war unwichtig. Am Jackson-Prozess hat mich einiges geärgert: Die Presse aus der ganzen Welt in dieser kleinen Stadt, die Jurymitglieder waren sehr von Jackson beeindruckt, seine Familie kam jeden Tag in dicken schwarzen Limousinen. Das ganze Theater hat die traurige Geschichte völlig überschattet. Alle haben sich nur Sorgen um diesen armen talentierten Sänger, den hübschen Jungen Michael Jackson, gemacht. Aber all das ist er schon viele Jahre nicht mehr.

Die Fragen stellte Florian Sailer



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