Streit mit Anwälten "Viele Mandanten sind zu optimistisch"

Wer Streit mit seinem Anwalt hat, kann sich an Renate Jaeger wenden: Sie kümmert sich als Ombudsfrau um Ärger zwischen Mandant und Verteidiger. Im Interview erklärt sie, warum die Mandanten oft im Unrecht sind.
Ombudsfrau Renate Jaeger: "Vorwürfe lassen sich oft nicht belegen"

Ombudsfrau Renate Jaeger: "Vorwürfe lassen sich oft nicht belegen"

Foto: dapd

SPIEGEL ONLINE: Frau Jaeger, sie waren einst als Verfassungsrichterin für anwaltliches Berufsrecht zuständig, seit gut einem Jahr haben Sie den neugeschaffenen Posten der Ombudsfrau für Anwaltsstreitigkeiten inne. Knapp 700 Fälle haben Sie bislang abgearbeitet. Welche typischen Anwaltsfehler sind Ihnen denn untergekommen?

Jaeger: Bei den Kostenrechnungen gibt es die ganze Bandbreite von unzulässigen Honorarvereinbarungen, falschen oder zumindest überhöhten Gebührenabrechnungen oder dem Tätigwerden des Anwaltes, ohne dass der Auftrag klar umrissen ist. Wesentlich seltener sind Fehler in der Beratung. Obwohl die Hälfte der Mandanten auch das rügt, konnten wir das nur in etwa einem Prozent der Fälle bestätigten. Und was wir noch gar nicht hatten ist ein eindeutiger Fall, wo der Mandant wegen eines Anwaltsfehlers seinen Prozess verloren hätte.

SPIEGEL ONLINE: Warum sind die Mandanten so oft im Unrecht?

Jaeger: Natürlich haben Mandanten, die sich an uns wenden, aus ihrer Sicht schlechte Erfahrungen gemacht. Das sind schon immer wieder Fälle, wo auch wir uns deutlich mehr anwaltliches Engagement gewünscht hätten. Der sehr nüchterne und rudimentäre Anwaltsschriftsatz ist keine Seltenheit. Vielfach könnten die Anwälte den Mandanten auch besser vermitteln, warum sie etwas tun oder lassen. Der Vorwurf der schlechten Beratung, ungenügenden Vertretung vor Gericht oder auch fehlerhaften Abrechnung lässt sich bei genauer Betrachtung aber oft einfach nicht belegen.

SPIEGEL ONLINE: Sie stützen sich aber nur auf den schriftlichen Vortrag beider Seiten, machen selbst keine Beweisaufnahme.

Jaeger: Nein, das können wir gar nicht leisten. Wir prüfen nach Aktenlage, und wenn wir meinen, dass danach ein Anwaltsfehler naheliegt, machen wir einen entsprechenden Schlichtungsvorschlag. Wenn eine Seite damit nicht einverstanden ist, kann sie die Sache gerichtlich klären lassen.

SPIEGEL ONLINE: Wie ließe sich das Verhältnis von Anwälten und Mandanten verbessern?

Jaeger: Ursache vieler Konflikte ist einfach, dass Anwalt und Mandant nicht zueinander passen. Den richtigen Anwalt zu finden, ist daher das A und O. Natürlich ist es gut, wenn man einen Spezialisten hat, es ist aber fast noch wichtiger, dass er auch persönlich auf den Mandanten eingeht. Die sogenannte Erstberatung sollten die Mandanten daher vor allem dazu nutzen, zu prüfen, ob sie mit dem Anwalt "können". Wenn nicht, ist es besser, gleich einen anderen zu suchen, bevor noch mehr Kosten aufgelaufen sind.

SPIEGEL ONLINE: Sind manche Anwälte auch zu klagewütig?

Jaeger: Oft sind es sogar eher die Mandanten, die vor allem mit der Höhe der Ansprüche, die sie geltend machen, zu optimistisch sind. Denn das ist nachher der Betrag, nach dem sich – bei einer Abrechnung nach Gebühr – auch das Anwaltshonorar bestimmt. Wenn man etwa eine Klage erst mal auf eine Teilsumme beschränkt, fällt die Anwaltsrechnung niedriger aus, und man kann dann im Erfolgsfall immer noch nachlegen.

Das Interview führte Dietmar Hipp
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