Inzest "Er hat immer so getan, als würde er mich nicht hören"

Jahrelang wurde Silke aus Neuruppin von ihrem Großvater missbraucht. Als sie sich ihrer Mutter anvertraut, erfährt sie: Der Opa ist ihr Vater - der Mann hat schon ihre Mutter vergewaltigt. Das Jugendamt soll tatenlos geblieben sein. Erst jetzt, mit 21 Jahren, wehrt sich Silke. Bisher vergebens.

Hamburg - Er hat ihr die Kindheit geraubt, ihr Leben zerstört: Silke wurde jahrelang von ihrem Großvater missbraucht, mit dem sie unter einem Dach lebte. Heute ist Silke* 21 Jahre alt. Zehn Jahre brauchte sie, um den Mut zu finden, ihren Peiniger anzuzeigen. Der sexuelle Missbrauch ist seit diesen zehn Jahren aktenkundig bei Jugendamt und im Krankenhaus - doch Anzeige erstattete niemand.

Silke wollte die schmerzhaften Erfahrungen alleine bewältigen, den trügerischen Familienfrieden ruhen lassen. Doch auf einer Familienfeier im vergangenen Jahr sah Silke ihre vierjährige Nichte herumsausen. Das Mädchen turnte wegen der sommerlichen Hitze nur mit einem T-Shirt bekleidet durch die Gegend und alberte mit ihren Verwandten herum.

"Ihr fiel auf, wie Rainer P. das Kind beobachtete", sagt Silkes Anwalt Peter Supranowitz SPIEGEL ONLINE. "Sie erfuhr von Familienangehörigen, dass das Mädchen auch schon mit seinem Uropa im Keller gespielt habe." Alle verdrängten Erinnerungen seien schlagartig präsent gewesen, sagt Supranowitz. Es ist der Schlüsselmoment, in dem sich Silke entscheidet, endlich zur Polizei zu gehen.

In ihrer Vernehmung schildert sie jedes Detail des jahrelangen Missbrauchs. Wie sie mit Rainer P. in den Keller gehen musste, in dem der leidenschaftliche Angler bunte Gummifische aufbewahrte, mit denen er Fische köderte. "Ich habe mich nicht gewehrt, nicht geschrien. Ich habe es niemandem erzählt, weil ich Angst hatte."

"Der Opa ist Dein Papa"

Bis zu ihrem elften Lebensjahr missbrauchte Rainer P. Silke mehrmals in der Woche. Meist im Keller, aber auch in einem Waldstück, nachdem sie gemeinsam im Supermarkt einkaufen waren, oder in einem Zelt während des Urlaubs. Silke hat nicht vergessen, wie sich das anfühlt, wie sie ihn anflehte, damit aufzuhören. Ihr Bitten "Hör auf damit!" ignorierte er eiskalt. "Er hat immer so getan, als würde er mich nicht hören", sagt Silke heute.

Es dauert Jahre, bis sie sich ihrer Mutter anvertraut. Deren Reaktion erschüttert sie zusätzlich: "Der Opa ist Dein Papa." Rainer P. hatte auch seine Stieftochter, Silkes Mutter, jahrelang vergewaltigt, bis sie mit 19 Jahren schwanger wurde. Dass der Mann Silkes leiblicher Vater ist, belegt ein Vaterschaftstest.

Silke verkraftet die Nachricht nur schwer. Sie kommt in die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie der Ruppiner Kliniken. Von November 1997 bis März 1998 wird sie dort behandelt und betreut. Der damals behandelnde Art stellt in der Akte fest: "Sexueller Missbrauch durch den Großvater bzw. den leiblichen Vater." Handschriftlich schreibt er daneben: "Keine Anzeige! Großmutter und Mutter sehr aggressiv."

Beim Jugendamt soll der Fall längst aktenkundig sein

In der Tat lassen Großmutter und Mutter Rainer P. gewähren, weil dieser ein hartes Regiment zu Hause führte, sagt Anwalt Supranowitz. "Wenn es nicht nach seinem Willen ging, saß seine Hand locker", sagt Silke.

Doch nach Angaben ihres Anwalts war das Jugendamt Ostprignitz-Ruppin damals ebenfalls über den Kindesmissbrauch informiert. Bei den Gesprächen, die in den Ruppiner Kliniken geführt wurden, soll auch eine Mitarbeiterin des Jugendamtes anwesend gewesen sein. Das belegen Unterlagen, die ihm vorliegen. "Es wussten also alle Bescheid", erhebt Anwalt Supranowitz schwere Vorwürfe gegen die Behörde.

Zudem soll das Amt Einsicht in das damalige Gutachten gehabt habe. Darin steht über Silke: "Wir halten sie für ein schwer traumatisiertes Mädchen, deren Mutter selbst schwer traumatisiert und ebenfalls jahrelang missbraucht wurde." Silke sei deshalb in einem Klima aufgewachsen, "in dem unglaublich viel Angst und Misstrauen herrschte".

"Wir sagen zu diesem Fall nichts", sagte eine Sprecherin des Jugendamtes Ostprignitz-Ruppin SPIEGEL ONLINE. "Es handelt sich um ein laufendes Verfahren."

"Das ist gelogen. Ich habe nie etwas mit ihr gehabt"

Fakt ist, dass die Behörde den damals 57-Jährigen nicht anzeigt. Für Silke ändert sich nach ihrem Klinikaufenthalt folglich nichts. Nach vier Monaten schicken sie die Ärzte und das Jugendamt wieder zurück in die Familie. Mutter und Tochter ziehen zwar in ein anderes Haus, bleiben jedoch in Neuruppin. Der Großvater beziehungsweise Vater nähert sich Silke zwar nicht mehr, doch zur Polizei traut sie sich nicht. Bis zu jenem Familienfest im Sommer 2007.

Rainer P. wird daraufhin vorläufig festgenommen, er bestreitet alles. "Das ist gelogen. Ich habe nie etwas mit ihr gehabt", sagt er laut Protokoll. Lediglich den Missbrauch an seiner Stieftochter gibt er zu und dass Silke seine Tochter ist. Er sagt laut Vernehmung: "Ja, mit ihr hatte ich was." Er habe sie jedoch nur ein einziges Mal vergewaltigt.

Silkes Mutter sagt heute, er habe sie jahrelang malträtiert. "Sie hat noch gut in Erinnerung, wie sie sich an ihrem ersten Schultag, die Schultüte in der Hand, fragte, ob alle anderen Mädchen in ihrer Klasse auch das mit ihrem Vater machen müssen, was sie machen muss", sagt Supranowitz.

"Dieser Missbrauchsfall ist verjährt", sagt Oberstaatsanwalt Jürgen Schiermeyer SPIEGEL ONLINE. "Das Verfahren wurde eingestellt."

Das Verfahren im Fall Silke dagegen läuft. "Die Ermittlungen dauern an. Das sind Verfahren, die von der Beweisführung her schwierig sind", sagt Schiermeyer. Solange ist Rainer P. auf freiem Fuß.

Anwalt Supranowitz wundert sich über die schleppenden Ermittlungen. "Warum ist die Beweisführung schwierig? Ich habe dezidierte Angaben meiner Mandantin - und mehr als ihre Aussagen wird es als Beweis nicht geben." Das sei üblich bei solchen Fällen, sagt Supranowitz, der seit fast 20 Jahren Missbrauchsfälle vertritt.

Seine Mandantin sei niedergeschlagen, die Hoffnung, dass Rainer P. endlich zur Verantwortung gezogen werde, gering. "Alle, denen sie sich bisher anvertraute, haben nicht gehandelt."

* Namen geändert

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