Inzest in Amstetten Josef F. - Sklavenhalter im Kleinbürgeridyll
Die Stimmung ist aufgeregt, beinahe hysterisch: Kameraleute und Fotografen laufen hin und her, nehmen jede Bewegung vor die Linse, ein Dutzend Übertragungswagen tummelt sich in der kleinen Anwohnerstraße hinter dem momentan wohl berühmtesten Haus Österreichs: Vertreten sind unter anderen der österreichische Rundfunk (ORF), deutsche und niederländische Fernsehsender, die BBC aus London, die ersten Fernsehkanäle des russischen Staatsfernsehens.
Es ist das Unerklärliche, das die mediale Welt hier ins beschauliche Amstetten in Niederösterreich lockt, das Unfassbare.
Ein Familienvater führt hinter der Fassade des Hauses in der Ybbsstraße mehr als zwei Jahrzehnte ein Doppelleben: ein offizielles mit seiner Ehefrau und den Pflege- und Adoptivkindern - dass er sie mit seiner Tochter gezeugt hat, weiß niemand. Ein heimliches hinter einer Stahlbetonwand, hinter der er seine Tochter Elisabeth jahrelang missbrauchte. Zusammen mit ihr lebten hier noch drei weitere Kinder, die bis zur vergangenen Woche niemals das Tageslicht erblickten.
Es ist eine Schauergeschichte, die sämtliche Dimensionen sprengt. Sie sei, sagt die Polizei, "einzigartig in der Geschichte des Landes".
Das Martyrium in der Kleinbürgeridylle
Die Gegend: kleinbürgerlich und friedlich, bescheidene Häuschen mit grünen Vorgärten, da und dort summt ein Rasenmäher in der frühsommerlichen Provinzidylle. Und mittendrin: die Ybbsstraße 40.
Die Adresse ist momentan so etwas wie ein Symbol für das Martyrium der Elisabeth F., für ihre Gefangenschaft und Isolation, für den von ihr ertragenen jahrelangen sexuellen Missbrauch. Eingebunkert erlebte sie die Geburt von sieben Kindern, eines, ein Zwillingskind, starb 1996 unmittelbar nach der Geburt. Den kleinen Leichnam, so die Polizei, habe Josef F. im Heizofen seines Hauses "entsorgt". In all den Jahren gab es keine medizinische Versorgung. Das Haar der Frau soll weiß sein wie das einer alten Frau.
Wie kann das sein, dass nichts von all dem ans Licht kam, über all die Jahre?
Diese Frage treibt die Menschen in Amstetten um. Ein ganzer Ort sucht nach Erklärungen. Erinnerungen werden wach an den Entführungsfall Natascha Kampusch. Damals hatten die Behörden detaillierte Hinweise auf den Täter missachtet. Und diesmal? Haben die Behörden auch in diesem Fall versagt? Immerhin wurde ein im Inzest gezeugtes Kind von Josef F. adoptiert, zwei waren Pflegekinder, eine Sozialarbeiterin hielt engen Kontakt zur Familie. Man habe geprüft, heißt es dazu seitens der Behörden. Gefunden wurde - nichts.
Unverständlich, dass niemand etwas merkte
Amstetten - das ist ein überschaubares, 25.000 Einwohner zählendes Örtchen mit einem kleinen Einkaufszentrum und einer adretten Fußgängerzone, die Häuschen sind farbenfroh getüncht, alles wirkt sehr gepflegt. Wer hierhin fährt, reist durch grüne Landschaften, auf den Wiesen Butterblumen, die Felder sind voll mit gelbem Raps.
Nur wenige Gehminuten vom Zentrum entfernt steht das Haus der Familie F. Von vorne sieht es aus wie ein normales, wenn auch nicht gerade einladendes Wohnhaus, von hinten wie eine Festung, grau und uneinnehmbar. Im ersten Stock ist ein Fenster mit einem schmutzig-grauen Leinentuch verhüllt.
Jedes Mal, wenn sie hier vorbeigegangen sei, habe sie das Fenster gesehen und sich gegruselt, sagt eine 38-jährige Anwohnerin, die mit ihrem Kinderwagen vor dem Haus hält. Sie hat pechschwarzes Haar, eine Strähne schimmert leuchtend-blau. "Unverständlich, dass die Nachbarn nichts gemerkt haben wollen."
Eine etwa drei Meter hohe Hecke schützt den Garten vor neugierigen Blicken, im hinteren Teil des Hauses schließt sich eine Doppelgarage an, sie ist mit Holz vertäfelt. Hier, irgendwo, befindet sich das unterirdische Verlies, indem Elisabeth F. gefangen gehalten wurde. 60 Quadratmeter für vier Menschen. Ohne Licht, ohne frische Luft. Versteckt hinter einem Regal in einem Arbeitsraum, nicht leicht zu finden, gesichert mit einem elektrischen Code. Nur Josef F. kannte ihn.
Grüßen und mehr nicht
Spezialisten in weißen Plastikanzügen und Handschuhen kommen dann und wann aus der Garage des Hauses und holen aus ihrem Transporter Spezialgerät, dann verschwinden sie wieder. Insgesamt sind 14 Kriminalisten noch dabei, das Kellergefängnis zu untersuchen. Das, was man findet, will man eigentlich nicht sehen, sagt einer der Ermittler. Die Auswertung werde noch Tage dauern.
Immer wieder kommen Nachbarn vorbei und schauen voller Abscheu hinüber zu dem Ort, der Amstetten nun weltweit berühmt macht. Heinrich Guttmann wohnt mit seiner Frau Elfriede genau gegenüber. "Die Oma", also Rosemarie F., die Ehefrau des Täters, sei mit den drei Kindern in die Schule gegangen, oder habe sie zum Ballett und zur Feuerwehr gebracht. Aufgefallen? Nein, die Guttmanns schütteln den Kopf, die 69-Jährige sei immer "sehr nett und offen" gewesen. Ihren Mann, den Täter, habe man auch gesehen, man habe sich gegrüßt, mehr aber auch nicht.
Nur zögerliches Reden
Josef F. legte inzwischen ein volles Geständnis ab. Die Vorwürfe wegen Inzests gab er zu, so der Sprecher der Staatsanwaltschaft St. Pölten, Gerhard Sedlacek, bei einer Pressekonferenz.
Anfänglich habe er nichts gesagt, sagte Franz Polzer, Ermittlungsleiter des Landeskriminalamtes Niederösterreich. Dann habe er aber angefangen zu reden. Reue habe der Mann nicht gezeigt, er habe sich mit den "Sachthemen" befasst - damit, dass er seine Tochter geschlagen, dass er sie mehrfach missbraucht habe. In diesem Moment hält Polzer ein Foto von dem Familienvater in die Kameras: Es zeigt den 73-Jährigen mit einem dunklen Hemd bekleidet, eine stattliche Erscheinung, körperlich fit und vital. Josef F. habe jahrelang "alle getäuscht", sagt Polzer. Die Exekutive, die Justiz, seine Familie.
Nach außen hin wahrte Josef F. raffiniert den Schein, im Restaurant, einige Hundert Meter vom Haus der Familie entfernt, war das Ehepaar erst vor wenigen Tagen gesehen worden. Auch in der kleinen "Backstube" gleich neben dem Haus hat niemand etwas bemerkt. "Der ist hier manchmal morgens hereingekommen", sagt Inhaber Günther Pramreiter. Ein ganz normaler Kunde.
Um mit seinem Doppelleben nicht aufzufliegen, versorgte Josef F. das Verlies nur nachts. Die notwendigen Einkäufe machte er grundsätzlich außerhalb von Amstetten.
"Trotz der Umstände glücklich und zufrieden"
Die erstgeborene Tochter Elisabeth F.s., die 19-jährige Kerstin, liegt nach wie vor auf der Intensivstation, ihr Zustand sei "lebensbedrohlich", so der behandelnde Arzt. Sie sei bewusstlos und mit Krämpfen in die Klinik gekommen. Durch ihre Krankheit wurde das Schicksal der Familie im Verlies ans Tageslicht gebracht.
Den anderen beiden "Kellerkindern" gehe es dagegen "den Umständen entsprechend gut", sagt Bezirkshauptmann Heinz Lenze. Das jüngste Kind Elisabeth F.s., der fünfjährige Josef, sei "heiter", "quietschvergnügt", das Kind habe sich am Freitag gefreut, in einem Auto fahren zu können, erstmals in seinem Leben.
Rosemarie, die 69-jährige Ehefrau des Täters, so bestätigen es Psychologen, habe sich um die drei bei dem Ehepaar F. lebenden, vermeintlichen Findelkinder "äußerst liebevoll" gekümmert. Sie habe bis zum Schluss nichts vom Doppelleben ihres Mannes gewusst, davon ist Bezirkshauptmann Lenze überzeugt.
Die Familie, Tochter Elisabeth, die Ehefrau F. sowie die fünf Kinder befinden sich nun, abgeschottet von der Außenwelt, in einer psychiatrischen Abteilung des Landeskrankenhauses. "Ich höre", so Lenze, "dass sie trotz der Umstände glücklich und zufrieden sind."