Inzestfall Amstetten Des "Monsters" Advokat

Er ist einer der berühmtesten Strafverteidiger Österreichs, sein aktueller Fall weltbekannt: Rudolf Mayer verteidigt Josef F. vor Gericht - und erhält deswegen Morddrohungen. Dabei, beteuert der Anwalt, sei sein Mandant ein "Familienmensch" - und treusorgender Vater.

Aus Wien berichtet


Wien - Am 27. April vergangenen Jahres tat Rudolf Mayer das, was er seit fast 30 Jahren tut: Er schnappte sich das Mandat in einem spektakulären Justizfall und versuchte sogleich, die vorgefertigte Meinung der Öffentlichkeit über seinen Schützling zu neutralisieren, Mitgefühl für den Beschuldigten zu erzeugen.

Im Fall Josef F. jedoch waren Mayers Bemühungen vergeblich. Diesmal hat der renommierte Strafverteidiger die ganze Welt gegen sich: Reporter aus Europa, Japan, sogar aus Kolumbien verurteilten Mayers Mandanten F., den Angeklagten im Prozess um die Inzesttat von Amstetten, als "Bestie", bezeichnen F. als "Mörder", als "Sex-Tyrann".

"Ich hatte schon Fälle, da hat meine Taktik gegriffen. Aber im Fall F. hat es nicht funktioniert, es war ausweglos. Josef F. war für alle das 'Monster'." Was bei Mayer resigniert klingen mag, ist Routine. Mayer, erfahrener und abgeklärter Jurist, kann mit Niederlagen umgehen. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. "Ich hoffe, dass sich die Geschworenen nicht von der öffentlichen Meinung lenken lassen, sondern sich ihre eigene bilden werden."

Josef F. muss sich wegen Freiheitsberaubung, Sklaverei, Vergewaltigung und Inzest verantworten, daran gibt es nichts zu rütteln. Das einzige, was Mayer für seinen Mandanten rausholen kann, ist, den Mordvorwurf zu negieren. Das wird nicht einfach, aber Mayer, ein gewiefter Taktiker, will es dennoch wagen. Auch weil der 73-jährige Angeklagte "im großen Umfang auspacken" will vor Gericht.

Mayer ist einer der berühmtesten Strafverteidiger Österreichs: Er vertrat Auftragskiller, Polizistenmörder, mutmaßliche Neonazis und Eltern, die ihre Tochter wie einen Wellensittich in einem Holzkäfig gefangen hielten. Selbst erfahrene Ermittler sagen: "Wenn ich mal einen g'scheiten Anwalt bräucht, tät' ich den Rudi nehmen."

"Ich muss Menschen überzeugen, dass ich Recht habe"

Eloquent und klug soll Mayer vor Gericht agieren. Wiener Juristen bescheinigen ihm psychologisches Gespür und ungeheure Überzeugungskraft. "Der Mayer weiß, wie er den Blick eines Laienrichters zu führen hat, um ihn auf seine Seite zu kriegen."

Spricht man Mayer auf diese Lobeshymnen seiner Standesgenossen an, kann der 61-Jährige nur schwer seinen Stolz verhehlen. "Die Überzeugungskraft, die man als Strafverteidiger leisten muss, ist mit der von Politikern zu vergleichen: Ich muss Menschen davon überzeugen, dass ich Recht habe." Begabung und das ideale Bauchgefühl seien dafür unerlässlich, aber das alleine mache noch keinen erfolgreichen Strafverteidiger aus: "Fleiß und akribische Aktenkenntnis bringen erst den Erfolg."

In der Wiener Schickeria sucht man Mayer vergebens. Der Vater dreier Töchter gehört nicht zu den "Staranwälten", die sich in den angesagten "Beisln" der Stadt vergnügen oder für die lokalen Klatschspalten posieren; vielmehr schmückt Mayer die Titelseite der "Kronenzeitung", der auflagenstärksten Boulevardzeitung Österreichs, nur dann, wenn er beispielsweise für einen Vierfachmörder, dem eine lebenslange Haft drohte, 20 Jahre Gefängnis herausholt. Ein Objekt der Gazetten war er auch, als er die Serienmörderin Elfriede B., genannt die "Schwarze Witwe", verteidigte. Die 72-Jährige soll insgesamt fünf wohlhabende Liebhaber getötet haben, um ihrer Spielsucht frönen zu können.

Der Fall Josef F. sei nämlich gar nicht der größte in seiner Karriere, betont Mayer, "Weiß Gott nicht!".

"Küss die Hand, Herr Kerkermeister"

Mayer, gebürtiger Wiener und leidenschaftlicher Mercedes-Coupé-Fahrer, ist ein zierlicher Mann, der im Umgang einen "Küss die Hand"-Charme und reichlich Wiener Schmäh kultiviert, jedoch auch als arbeitswütig und pedantisch gilt. Dass er öffentlichen Applaus liebt, mag auch daran liegen, dass der Sohn eines Opernsängers und einer Schreibkraft lieber noch Schauspieler als Anwalt geworden wäre.

Das Entrée seiner mondänen Kanzlei im 9. Wiener Bezirk, nahe der berühmten neugotischen Votivkirche, hat Mayer mit Zeitungsartikeln über sich und seine berühmt-berüchtigten Mandanten tapeziert. Dazwischen prangt der Kommentar eines Gefangenen an seinen Wächter, Mayers Leitspruch: "Küss die Hand, Herr Kerkermeister. I geh no heuer z'haus! Des glaubn S' man et? Na, S' werdn schaun! Der Mayer holt mi raus!"

Im Inzestfall von Amstetten hält der promovierte Jurist unerschütterlich an seiner "Pater Familias"-Theorie fest: Demnach sei Josef F. ein Patriarch "mit guten und schlechten Seiten", der von einer "Zweitfamilie" geträumt habe.

"Der Aufwand, den er betrieben hat, zeigt, wie emotional er beteiligt ist. Er spricht immer von der Zweitfamilie", wird Mayer nicht müde zu beteuern. "Josef F. ist ein ausgesprochener Familienmensch, der unter Verlustängsten litt, deshalb kam es überhaupt so weit." Mehr als 15 Mal habe er lange und ausführlich mit dem 73-Jährigen im Vorfeld des Prozesses über Details seiner Verteidigungsstrategie gesprochen.

Keine Behörde habe Schuld daran, dass F. 24 Jahre lang sein Umfeld narrte und ungehindert ein Doppelleben führen konnte, sagt Mayer. "Der F. war ein Vorzeigebürger", sagt er und bemüht erneut die Geschichte des Lebensretters, als F. einst Menschen bei einem Brand in Sicherheit brachte.

Wie hätte sich sein Mandant verhalten, wenn sein Verbrechen durch die Erkrankung eines der Kinder im Verlies nicht zufällig aufgeflogen wäre? Wie lange hätte F. so weiter gemacht? "Er sagt, er hätte sie eines Tages alle freigelassen", sagt Mayer, zieht die Schultern hoch und reißt die Augen auf. Man spürt, dass er sich diese These kaum selber abkauft. Aber so ist das mit Mayer: Vor Jahren wollte er als Vorsitzender der "Partei der Hundefreunde Österreichs" für den Wiener Landtag kandidieren - trotz Hundeallergie.



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