Inzestfall Amstetten "Ich bin zum Vergewaltigen geboren"

Im Keller sperrte er seine Tochter 24 Jahre lang ein, zeugte sieben Kinder mit ihr. Warum wurde Josef F. zum Inzesttäter? Die Psychiaterin Kastner hat in ihrem Gutachten für das Gericht die verhängnisvolle Entwicklung beschrieben: Seine Gier nach Macht überstieg jede moralische und gesetzliche Norm.

St. Pölten - Eine Sensation? Eine Überraschung? Josef F.s Entschluss, am Mittwoch sein bisheriges Beschönigen und Kleinreden zu beenden, löste Erleichterung bei allen Verfahrensbeteiligten aus. Auf die Frage der Vorsitzenden Richterin, was er zu den am Vortag auf Video abgespielten Aussagen seiner Tochter Elisabeth zu sagen habe, antwortete er unverzüglich: "Ich bekenne mich schuldig im Sinn der Anklage." In allen Punkten.

"Warum?" fragte erstaunt die Richterin. Woher dieser Sinneswandel?

"Die gestrigen Aussagen über mein krankhaftes Verhalten, Macht und Gewalt auszuüben, waren es", antwortete F. stoisch. Er meinte die Aussagen seiner Tochter.

Am Montag, zu Prozessbeginn vor dem Landesgericht in St. Pölten, das über den "Inzestfall Amstetten" zu verhandeln hat, klang es noch anders. Harmloser, taktisch ausweichend. Die schweren Anklagepunkte wie Mord und "Sklavenhaltung", die mit Lebenslang beziehungsweise bis zu 20 Jahren Freiheitsentzug bedroht sind, stritt der 73-Jährige da noch ab. Vorwürfe wie etwa Vergewaltigung, worauf bis zu 15 Jahren Freiheitsstrafe stehen, gab er nur "teilweise" zu.

Am Dienstag war unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelt worden. Die Vernehmung von F.s Opfer, seiner leiblichen Tochter Elisabeth, war dem Angeklagten vorgeführt worden; nicht alle Aussagen waren ihm bekannt.

Sind ihm nun die Augen aufgegangen? Oder haben ihn die eindeutigen Ausführungen eines Neonatologen zum Sterben des kleinen Michael im hermetisch verschlossenen Kellerverlies überzeugt, wozu er seine Tochter und deren durch Inzest - oder Blutschande, wie es in Österreich noch heißt - gezeugten Kinder verdammt hatte?

"Hat das Kind noch 66 Stunden nach der Geburt gelebt?" fragte die Vorsitzende. "Ja", antwortete F. Er sei dabei gewesen, habe gesehen, wie der Säugling immer schwächer geatmet habe und blau anlief.

"Sie hätten Zeit gehabt, Hilfe zu holen", hielt die Richterin dem Angeklagten vor. Natürlich hätte er Hilfe holen können, 1996, als Michael zusammen mit einem Zwillingsbruder geboren wurde. Doch dann wäre vermutlich F.s schändliches Treiben im Keller des ehelichen Wohnhauses in Amstetten aufgeflogen. Seit 1984 hielt er dort seine Tochter offenbar wie eine Sklavin, die ihm jederzeit zu Willen zu sein hatte und der er sieben Schwangerschaften aufzwang. Die erste Schwangerschaft endete mit einer Fehlgeburt, sieben Kinder kamen lebend zur Welt, der Zwillingsjunge Michael starb kurz nach der Geburt.

"Ich weiß nicht, warum ich es getan habe", sagt F.

"Ich weiß nicht, warum ich es getan habe", sagt F. heute. "Ich habe gehofft, dass das Kind durchhält. Die anderen Kinder" - Michael hatte schon fünf von F. gezeugte Geschwister - "haben es doch auch geschafft. Ich habe gehofft, die Atemnot geht vorüber." Dann bekennt er: "Ich habe versagt. Ich hätte etwas tun müssen."

Warum Elisabeth? Warum hat er ausgerechnet sie aus seiner ehelichen Kinderschar ausgewählt zum Vergewaltigen, zum Dahinvegetieren in der ausweglosen feuchten Düsternis? Es gab 1984, als er sein Opfer in den Keller lockte, noch vier weitere F.-Mädchen aus der Ehe mit Mutter Rosemarie, heute 69. "Sie war mir am ähnlichsten", sagt F. "Stark und stur" wie er selbst sei sie gewesen. Elisabeth zu brechen, habe ihm Spaß gemacht. Eine schwache Person wäre keine Herausforderung für ihn gewesen.

Die Linzer Psychiaterin Adelheid Kastner legte am Mittag in einem beeindruckenden Gutachten dar, wie der Mensch F. zum Angeklagten F. wurde. Sie sprach langsam und eindringlich in klar verständlichen, von jedem Laien nachvollziehbaren Worten, so dass die Geschworenen, die F. am Donnerstag "schuldig" oder "unschuldig" zu sprechen haben, hochkonzentriert zuhörten. Ihr Vortrag war eine einzige Mahnung, mit Kindern achtsam umzugehen. F. saß während ihrer Ausführungen mit überschlagenen Beinen da und hörte zu. Doch ob ihn die Analyse seiner Biographie und seiner Charakterstruktur auch erreichte - wer weiß?

Kastner rollte die Familiengeschichte weit nach hinten auf: Die harte Mutter, ihr hatte das Leben schon böse mitgespielt, benutzte den Sohn als ein "Alibikind", wie F. sich selbst nennt. Seine Existenz verdankt er offenbar allein dem Wunsch der Mutter, ihrem Ex-Mann zu beweisen, dass sie sehr wohl Kinder gebären konnte. Denn ihre erste Ehe war kinderlos geblieben.

Mehr empfand sie anscheinend nicht für den Sohn. F. blieb Einzelkind. Er war einer zu Aggressionsausbrüchen neigenden und kaltherzigen, in ihrem Verhalten unkalkulierbaren Mutter hilflos ausgeliefert. Sie war gleichwohl der einzige Mensch, zu dem er in einer Beziehung stand. Großeltern, Verwandte, später vielleicht Freunde - Fehlanzeige.

Es war Krieg. F. erinnert sich, wie er sich als Kind allein im Luftschutzkeller ängstigte, den seine Mutter mied. Nie habe er gewusst, ob die Mutter den Angriff überlebt hatte oder ob er nun ganz allein auf der Welt stünde, erzählte er der Gutachterin.

Wer so aufwächst, kann kaum Mitgefühl für andere entwickeln. Wie soll ein Mensch, der nie mütterliche Liebe und Fürsorge erlebt hat, jedoch Erniedrigung, Willkür und Wehrlosigkeit, wie soll der Empfindsamkeit lernen? F. kennt von klein auf nur Angstgefühle und Ohnmacht. Und die lernte er wegzuschieben von sich, zu vergraben, bis sie nicht mehr wehtaten. Erst im Alter von elf, zwölf Jahren, als er merkte, dass ihm seine Intelligenz helfen würde, sich aus dem Elend zu befreien, wagte er Widerspruch gegen die Mutter.

Er heiratete jung eine Siebzehneinhalbjährige, zeugte mit ihr sieben Kinder, fiel als Exhibitionist auf, verfolgte fremde Frauen, wurde wegen Vergewaltigung verurteilt, herrschte Zuhause offenbar wie ein Despot. "Ich bin zum Vergewaltigen geboren", so seine eigene Einschätzung. Das lässt sich einmal als fortschreitende perverse Entwicklung deuten, mit der innere Konflikte und nicht zu bewältigende Emotionen kompensiert wurden.

Bei Inzestdelikten aber sind derlei Übergriffe immer eingebettet in ein strukturelles Gewalt- und Abhängigkeitsverhältnis, dem sich das Opfer nicht entziehen kann. An Elisabeth tobte der Angeklagte wohl seinen mit normalen Mitteln nicht zu befriedigenden Machtwillen aus. F. will Macht ausüben über andere. Er will deren Willen brechen. Er will sie besitzen. Elisabeth war dafür das ideale Opfer.

Es gibt Gründe, dass F. so geworden ist, wie er ist. Das ändert aber nichts daran, dass er rücksichtslos und gefährlich ist und nicht davor zurückschreckt, andere Menschen zu zerstören. Die Verantwortung dafür, wie er geworden ist, kann ihm nicht abgenommen werden, da seine eigenen Entscheidungen diese Entwicklung wesentlich mitbestimmt haben.

F. hat jederzeit gewusst, dass er Unrecht tut. Gutachterin Kastner ließ daran nicht den geringsten Zweifel. Das Gericht versicherte sich im Anschluss an das psychiatrische Gutachten nochmals: "War Herr F. in der Lage zu erkennen, dass er schuldhaft gehandelt und aus freiem Willen gegen die Regeln menschlichen Verhaltens verstoßen hat?"

Natürlich war er dazu stets in der Lage. Er ist nicht schwachsinnig, nicht geisteskrank, er hat nicht im Affekt gehandelt und er ist auch nicht so schwer gestört, dass er das Unrecht seines Tuns nicht mehr hätte erkennen können. Doch seine Gier nach Macht überstieg jede moralische und gesetzliche Norm.

Einfach die Tür zugemacht

"Wie hat er es geschafft, in einer Welt 'oben' und einer zweiten 'unten' zu leben?" fragte das Gericht. "Ich habe ihm diese Frage auch gestellt", antwortete die Gutachterin. F. habe darauf gesagt: Ganz einfach! Er habe die Tür zugemacht - nicht nur im tatsächlichen Sinn, sondern auch im übertragenen. "Oben" habe er das "Unten" ausgeblendet. Dass er im Keller seine Tochter schlimmer als ein Vieh gehalten hat - es hat ihn anscheinend nicht belastet.

F.s Prognose ist denkbar schlecht, da nicht die Sexualdelikte dafür heranzuziehen sind, sondern die dahinter stehende innerpsychische Täterdynamik. Hätte sich F. allein wegen Sexualtaten zu verantworten, könnte man bei einem Mann von 73 Jahren auf eine biologische Lösung des Problems hoffen. Aber Machtgelüste schwinden in höherem Alter nicht zwangsläufig. Hätte er nur anlässlich einer psychischen Krise strafbar gehandelt, sähe die Prognose ebenfalls günstiger aus. Doch 24 Jahre Kellerverlies und sieben Inzest-Kinder sprechen nicht für ein kurzes Unwohlsein.

"Ist er therapierbar?" fragte das Gericht. "Was wäre in seinem Fall ein Therapieerfolg?", fragte die Gutachterin zurück. Er müsste eigentlich lernen, mit sich selbst anders umzugehen. "Doch er sieht die Welt noch immer nach seinen Wunschvorstellungen. Alles andere blendet er aus", konstatierte Kastner. Gerade für Familienmitglieder, wenn diese sich von ihm abwenden sollten, bliebe F. weiterhin gefährlich.

Das Urteil wird für Donnerstagnachmittag erwartet.

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