Inzestfall Amstetten Josef F. legt nur ein Teilgeständnis ab

Inzest, Nötigung und Freiheitsberaubung ja, Mord nein: Josef F. hat im Prozess um das Drama von Amstetten nur ein Teilgeständnis abgelegt. Vor den Kameras versteckte der 73-Jährige sein Gesicht hinter einer Aktenmappe. Die Staatsanwältin beschrieb das "unvorstellbare Martyrium" seiner Opfer.


Hamburg - Mit einem klaren "nicht schuldig" hat Josef F. zum Auftakt des Inzest-Prozesses in Österreich am Montag den Vorwurf des Mordes an einem seiner Kinder zurückgewiesen. Auch zum Vorwurf der Sklaverei bezeichnete sich der 73-Jährige als "nicht schuldig".

Dagegen akzeptierte F. die übrigen Vorwürfe der Staatsanwaltschaft mit einem Teilgeständnis: Auf die Frage nach den fortdauernden Vergewaltigungen, der Blutschande, der fortdauernden Freiheitsberaubung seiner Tochter und dreier Kinder antwortete er mit "schuldig" oder "teilschuldig".

Das Verfahren wurde unter riesigem Medienandrang und strengstem Polizeischutz eröffnet. Rund 200 Journalisten aus aller Welt sind nach St. Pölten gereist. Die Verhandlung wird von einem Großaufgebot der Polizei begleitet. Zum Schutz der Opfer findet der größte Teil des auf fünf Tage angesetzten Prozesses jedoch unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

F. betrat ohne ein Wort zu sagen den Gerichtssaal. Sein Gesicht versteckte der 73-Jährige hinter einer blauen Aktenmappe, die er mit zitternden Händen hielt. Von der Seite war sein Kopf mit schütterem Haar zu sehen. Er wurde von mehreren Polizeibeamten begleitet. Auf die Fragen von Journalisten antwortete er nicht.

F. wird beschuldigt, seine Tochter 24 Jahre lang im Keller seines Hauses gefangen gehalten und sie dort mehrere tausendmal vergewaltigt zu haben. Er soll sie 1984 im Alter von 18 Jahren verschleppt haben. Die inzwischen 42-Jährige brachte in dem fensterlosen Verlies sieben Kinder zur Welt, von denen sechs überlebten.

"Unvorstellbares Martyrium"

Die Anklage wirft ihm Mord, Vergewaltigung, Sklaverei, Freiheitsentziehung und Blutschande vor. Die wichtigste Zeugin ist seine Tochter, die 24 Jahre lang in einem schalldichten Verlies unter ihrem Elternhaus in Amstetten eingesperrt war. Die 42-Jährige brachte in dem Keller sieben Kinder zur Welt. Drei von ihnen mussten von Geburt an mit ihr in den engen Räumen ohne Tageslicht ausharren.

Die ersten drei Jahre nach ihrer Entführung sei die Tochter in einer nur elf Quadratmeter großen Zelle im Keller gefangen gewesen, sagte Staatsanwältin Christiane Burkheiser bei der Verlesung der Anklageschrift. Es habe keine Heizung, keine Dusche und kein Warmwasser gegeben. Burkheiser sprach von einem "unvorstellbaren Martyrium" der Opfer. Die Tochter habe lediglich wegen der undichten Mauern Luft zum Atmen gehabt. In den ersten neun Jahren habe es dort nichts außer einem Waschbecken, einem Schlafplatz und einer Kochplatte gegeben. "Keiner kann sich wirklich vorstellen, was sich da unten abgespielt hat."

Die Staatsanwältin hatte die Tür zum Schwurgerichtssaal in einer Höhe von 1,74 Metern markieren lassen, um den Geschworenen die Höhe des Kellerverlieses mit einem Laserpointer vor Augen zu führen. Zweimal habe sie den Keller besichtigt, sagte Burkheiser laut der österreichischen Nachrichtenagentur APA.

"Dort herrscht eine morbide Atmosphäre. Sie müssen auf den Knien kriechen, um ins Verlies zu gelangen. Die Schleusentür ist nur 83 Zentimeter hoch. Es ist feucht, schimmelig, modrig. Die Feuchtigkeit kriecht ihnen in den Rücken und in die Knochen. Bereits am zweiten Tag ihrer Gefangenschaft habe F. die damals 18-Jährige "im Kellerverlies vergewaltigt".

Die Staatsanwältin überreichte den Geschworenen eine Box mit Gegenständen aus dem Keller. Sie selbst sprach von "Duftproben" und forderte die Laienrichter auf: "Riechen Sie an den Gegenständen!" Über den Angeklagten sagte sie, er habe "keine Anzeichen von Reue und Unrechtsbewusstsein gezeigt".

F. wirke "wie ein netter alter Herr von nebenan". Sie bescheinigte ihm "ein gut gepflegtes Äußeres und höfliches Auftreten". Der 73-Jährige habe sich kooperativ gezeigt: "Er hat alle meine Fragen beantwortet." F. habe seine Tochter vor den Augen ihrer Kinder vergewaltigt, sagte Burkheiser.

"Dies ist nicht das Verfahren einer gesamten Nation"

"Das ist nicht das Verfahren eines Ortes oder einer gesamten Nation", sagte die Vorsitzende Richterin zum Auftakt des Prozesses. Anschließend wies die Staatsanwältin die Geschworenen auf die besondere Grausamkeit des Falles hin. Verteidiger Rudolf Mayer wandte sich in seiner Erwiderung gegen die Beschreibung seines Mandanten als "Monster". F. habe nicht aus sexueller Lust gehandelt, sondern weil er eine Zweitfamilie haben wollte.

Sein Mandant bereue seine Taten, erklärte Mayer kurz vor Beginn der Verhandlung. "Er zeigt Reue darüber, was er aufgrund seiner Persönlichkeit den Opfern angetan hat", sagte Mayer.

Laut einem ärztlichen Gutachten liegt bei F. eine schwere psychische Störung vor. Er wurde jedoch für zurechnungsfähig erklärt. Es sei damit zu rechnen, dass F. auch nach dem Verbüßen einer Strafe in einer geschlossenen Anstalt für abnorme Rechtsbrecher bleiben müsse, sagte Mayer. Im Fall einer Verurteilung wegen Mordes droht F. eine lebenslange Freiheitsstrafe.

han/reuters/dpa/AP



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