Inzestfall in Polen "Ich hoffe, er verrottet im Knast"

Ein dramatischer Inzestfall erschüttert Polen. Ein 45-Jähriger soll seine Tochter sechs Jahre lang missbraucht und zeitweilig eingesperrt haben - die heute 21-Jährige bekam zwei Kinder von ihm. In einem Zeitungsinterview schildern sie und die Mutter jetzt ihre Geschichte.


Warschau - Das Verbrechen, das dem 45-Jährigen aus der ostpolnischen Stadt Siemiatycze zur Last gelegt wird, erinnert an den Inzestfall im österreichischen Amstetten. Wie der Österreicher Josef Fritzl, 73, soll auch der Mann aus Polen die eigene Tochter, Alicja B., 21, eingesperrt, wiederholt missbraucht und Kinder mit ihr gezeugt haben.

Der Fall aus Siemiatycze wurde bekannt, nachdem das Opfer und die Mutter Teresa B. gemeinsam beschlossen, zur Polizei zu gehen und dort gegen Vater und Ehemann auszusagen. Der Missbrauch von Alicja B. durch den Vater soll begonnen haben, als sie 15 war.

In der Zeitung "Gazeta Wyborcza" sprechen Mutter und Tochter B. über das Verbrechen und erheben schwerste Vorwürfe gegen den Verdächtigen. Mutter Teresa B. gibt zu, von dem Missbrauch seit Jahren gewusst zu haben. Seit ihre Tochter sich zum Teenager entwickelt habe, habe sie bemerkt, "dass etwas nicht in Ordnung war": "Er hat sie berührt an Stellen, wo er sie nicht hätte anfassen sollen." Als ihr Ehemann begann, der Tochter "teure Geschenke" zu machen, habe sie "es begriffen", sagte Teresa B. der Zeitung.

Sie habe aber nichts unternommen, weil sie die Familie um des elfjährigen Sohnes Willen habe "zusammenhalten" wollen. Später sei sie auf die Tochter, die vom Vater "wie eine Ehefrau" behandelt wurde, eifersüchtig gewesen.

Wenn sie ihren Mann auf die Situation angesprochen habe, habe er mit Drohungen reagiert, sagte Teresa B.: "Er sagte, wenn das ans Licht kommt, werden wir beide sterben. Er hat auch gelacht und gesagt, dass wir zu dumm sind, um ihm etwas zu beweisen." Nach außen hin habe ihr Mann "den Schein gewahrt".

Frühere Nachbarn aus der Stadt Grodzisk, wohin die B.s 2006 zogen, schilderten den Mann und seine Familie in der Zeitung "Rzeczpospolita" als kontaktscheu. Ein Sozialarbeiter habe bei einem Besuch den "Verdacht gehabt, dass da etwas Schlimmes vor sich geht", und Teresa B. gebeten, sich bei der Polizei zu melden, sagte Bürgermeister Antoni Tyminski. Zu welchem Zeitpunkt dies geschehen sein soll, blieb unklar.

Tochter Alicja B. sprach mit der "Gazeta Wyborcza" auch über ihre Schwangerschaften. Ihr Vater habe sie zu den Entbindungen der beiden Kinder 2005 und 2007 jeweils ins Krankenhaus begleitet - und sie dann gezwungen, die kleinen Jungen zur Adoption freizugeben.

Zuletzt habe ihr Vater, der in Belgien gearbeitet habe, sie zweimal unter Gewaltanwendung entführt - einmal, als sie sich zuvor zu ihrem Verlobten geflüchtet hatte.

"Ich überlege: Wie fühlt er sich jetzt im Gefängnis?", sagte Alicja B. zur "Gazeta Wyborcza". "Ich hoffe, er verrottet im Knast."

Auf die Frage, ob ihr Mann getrunken habe, antwortete Teresa B.: "Nein, nur an den Feiertagen."

Marta Solarz



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