Inzestverbrechen in Amstetten "Die Rosemarie Fritzl ist am ärmsten dran"

Im Horrorfall von Amstetten stellen sich immer drängender beklemmende Fragen: Konnte Josef Fritzl seine Tochter 24 Jahre als Sexsklavin in seinen Keller einsperren, ohne dass Familie, Bekannte oder Nachbarn irgendetwas davon bemerkten? Hatte der 73-Jährige Helfer? Welche Rolle spielte seine Frau Rosemarie?

Aus Amstetten berichtet


Amstetten - Die schwere Eisentür zum Verlies, die geheime Versorgung für eine vierköpfige Familie und der systematische Missbrauch seines eigenen Kindes samt sieben Hausgeburten: In Österreich wächst der schreckliche Verdacht, dass Josef Fritzl sein Doppelleben nicht ohne Komplizen inszenieren konnte.

Ich habe ihn nie mit Einkaufstüten gesehen", sagt Lina Angermeier*, die von 1996 bis 1997 im Haus von Fritzl in der Ybbsstraße lebte, SPIEGEL ONLINE. Die 32-jährige Verkäuferin ist selbst Mutter, weiß, was eine Familie zum Leben braucht. Sich vorzustellen, dass Josef Fritzl mehr als 24 Jahre lang dieses Doppelleben aufrechterhalten konnte, ohne aufzufallen, fällt ihr schwer. "Es sei denn, er hat die Lebensmittel und anderen Einkäufe über die Garage am Ende des Grundstücks ins Haus geschmuggelt. In diesen Teil des Grundstückes hat man schlechte Einsicht."

Angermeiers damaliger Freund und heutiger Ehemann ist Bäcker. Auch er hat Josef Fritzl nie auffällig erlebt, obwohl er zu sehr unterschiedlichen Zeiten in seine Wohnung ging oder sie verließ. Tausende Male sei man ins Haus hinein und wieder hinausgelaufen, sei sich begegnet, habe sich gegrüßt oder Smalltalk gehalten. "Und keine zehn Meter Luftlinie entfernt lebte eine Familie in einem Kerker gefangen. Man fühlt sich einfach schlecht, jetzt, wo man das weiß", sagt die Frau mit dem schwarzen Kurzhaarschnitt.

Wie viele Amstettener glaubte auch Lina Angermeier all die Jahre die Lügengeschichte, dass Elisabeth Fritzl in die Fänge einer Sekte oder in die Prostitution abgerutscht sei und ihren Eltern drei Findelkinder vor die Tür legte, weil sie die nicht behalten durfte oder aufziehen konnte. "Das war kein Geheimnis. Keiner der Mieter hat an der Version gezweifelt. Im Gegenteil: Man hat die Fritzls für dieses Schicksal sogar bedauert."

Zudem habe nicht nur ein Bruder Elisabeths, sondern auch kurzzeitig eine ihrer Schwestern mit im Haus in der Ybbsstraße 40 gelebt. "Es schien, als verstünden sich alle gut. Die anderen Kinder kamen regelmäßig zu Besuch. Josef und Rosemarie Fritzl kümmerten sich total lieb um ihre Enkelkinder. Elisabeth wurde als schwarzes Schaf der Familie abgestempelt."

Lina Angermeier bewohnte damals ein 25-Quadratmeter-Apartment im ersten Stock mit Blick in den Innenhof. Den Keller hat sie nie betreten. "Schon bei der Wohnungsbesichtigung sagte mir Frau Fritzl, zu der Wohnung gäbe es kein Kellerabteil. War mir auch recht." Umso schockierender sei es, jetzt zu wissen, was sich dort abgespielt haben soll.

Rosemarie Fritzl befindet sich in äußerst desolatem Zustand

"Für Frau Fritzl tut es mir besonders leid. Sie hat sich für ihre Enkelkinder sehr aufgeopfert. Sie hätte sicher etwas unternommen, wenn sie etwas gewusst hätte", sagt die junge Österreicherin. "Oder aber der Herr Fritzl hat sie so arg in der Hand gehabt, dass sie sich nicht getraut hat. Egal wie: Sie ist am ärmsten dran. Für sie ist die Scham am größten, mit so einem Menschen das Leben geteilt zu haben."

Nach Angaben des Bezirkshauptmanns von Amstetten, Hans-Heinz Lenze, befindet sich Rosemarie Fritzl in äußerst schlechter Verfassung.

Wen könnte Josef Fritzl außer ihr eingeweiht haben? Wer könnte sein Komplize sein, um sein perfides Doppelleben Jahrzehnte lang zu unterstützen? "Also der Sohn war's bestimmt nicht", sagt Christian B., der Anfang 2000 in dem Mehrfamilienhaus wohnte, SPIEGEL ONLINE. "Der tat so, als sei er Hausmeister, hat aber nie groß was gemacht. Wenn der einen Kellerschlüssel hatte, heißt es noch lange nicht, dass er auch von dem Geheimversteck wusste." Das Landeskriminalamt Niederösterreich wollte sich zu diesem Thema vorerst nicht äußern.

Spezialisten des Bundeskriminalamtes prüfen derzeit, inwieweit die aufwendige Türkonstruktion mit elektronischem Schließmechanismus und Zahlencode fachkundig eingebaut wurde. Es gelte zu klären, ob und wie ein Einzelner die schwere Stahltüre anbringen konnte.

Ein weiteres Versteck oder neue Horrornachrichten schließen die Ermittler jedoch aus. Chefermittler Franz Polzer verwies darauf, dass man weitere Häuser durchsucht habe, die Josef Fritzl gehörten. Insgesamt handele es sich um fünf Liegenschaften, die der 73-Jährige teilweise in Niederösterreich besitzt. Darunter ein Campingplatz samt Gasthof.

"Wir sind nicht die Stadt der Verbrecher"

Mehr als 200 Personen kamen am Dienstagabend zum Amstettener Hauptplatz und zündeten Kerzen für die Opfer der Familientragödie an. Veranstalter war die spontan gegründete Initiative "Gemeinschaft menschlich berührt". Damit folgten die Einwohner der Stadt dem Aufruf des Bürgermeisters: "Wir wollen zeigen, dass der Ort nicht Stadt der Verbrecher ist und dem entstandenen Eindruck über Amstetten entgegenwirken."

"Betroffenheit, Trauer, Wut, vielleicht auch Hass hat uns in den vergangenen Tagen begleitet. Wir mussten zur Kenntnis nehmen, dass es in unserer Stadt etwas gibt, das wir nicht fassen können", sagte Pfarrer Peter Bösendorfer. Die Bevölkerung sei nun gefordert, "zu helfen und solidarisch zu sein, dass für die Kinder und Frauen ein Leben möglich wird."

Das wird nicht einfach werden, denn in einem 23.000-Einwohner großen Städtchen wie Amstetten "läuft man sich ständig über den Weg", sagt Lina Angermeier. "Keiner der Familie Fritzl kann eigentlich je wieder hier leben - wenn er frei von Ängsten, aber auch von Vorwürfen sein will."

*Name von der Redaktion geändert

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