Ipswich-Morde Fünf Tote, zwei Verdächtige, ein Prozess

Fünf tote Prostituierte, alle nackt aufgefunden - und das binnen weniger Tage: Im englischen Ipswich ging im Herbst 2006 ein mysteriöser Frauenmörder um. Die Polizei präsentierte gleich zwei vermeintliche Mörder. Ab heute steht einer der beiden vor Gericht.

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London - Der Gerichtssaal Nummer eins am Crown Court von Ipswich platzt aus allen Nähten. Das Interesse ist so groß wie das Entsetzen, das im November 2006 um sich griff, als binnen weniger Tage immer neue Frauenleichen in der Umgebung der ostenglischen Stadt gefunden wurden. Im Vorfeld des heute beginnenden Prozesses haben sich nun so viele Journalisten aus aller Welt akkreditiert, dass die von Richter Gross geführte Verhandlung per Videoschaltung in einen zweiten Gerichtssaal übertragen wird. Und das, obwohl am heutigen ersten Prozesstag vor allem Formalitäten abgearbeitet und die zwölf Jurymitglieder vereidigt werden mussten.

In Ipswich ging man vor dem Prozess davon aus, dass auch die Zuschauerränge voll besetzt sind: mit Angehörigen der fünf jungen Frauen, deren Leichen die Ermittler innerhalb von nur zehn Tagen im Umkreis von weniger als 20 Kilometern gefunden haben. Gemma Adams, 25, Tania Nicol, 19, Anneli Alderton, 24, Paula Clennell, 24 und Annette Nichols, 29 wurden zwischen dem 30. Oktober und dem 12. Dezember 2006 in der Umgebung der Kleinstadt gefunden. Alle Frauen waren nackt, alle hatten im Rotlichtviertel von Ipswich ihr Geld verdient, alle wurden an den Fundstellen in der Nähe der vielbefahrenen A 14 nicht umgebracht, sondern nur abgelegt. Keiner der Frauen war sexuelle Gewalt zugefügt worden.

"Ich brauche das Geld"

Die jungen Frauen wussten um die Gefahr des Straßenstrichs rund um die London Road. Zwei Tage vor ihrer Ermordung sagte Paula Clennell einem Reporter des Fernsehsenders ITV, es sei ihr schon ein bisschen unbehaglich, in Autos einzusteigen, nachdem drei Prostituierte umgebracht worden seien. "Aber ich brauche das Geld." Auch sie habe schon schlimme Erfahrungen mit Freiern gemacht. Am 12. Dezember, einem Mittwoch, wird sie tot aufgefunden.

40 Minuten nachdem ein Spaziergänger Clennell unbekleidet in einem Feld unweit von Ipswich findet, wird 150 Meter weiter eine zweite Frauenleiche entdeckt. Annette Nichols, von ihren Kolleginnen "Netty" genannt, hat früher als Kosmetikerin gearbeitet. Die Drogen zwangen sie in die Knie und dann auf den Strich. Sie hat einen achtjährigen Sohn, ist im dritten Monat schwanger.

Für den lokalen Polizeichef Stewart Gull beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Er muss den Mörder finden, bevor weitere Frauen sterben. Sobald es dunkel wird, ist der Straßenstrich an der London Road menschenleer, die Frauen haben Angst. Es beginnt die größte Fahndung in der britischen Kriminalgeschichte. Rund 500 Beamte suchen nach dem Mörder der Frauen, dem britische Zeitungen den Namen "Ipswich Ripper" geben. Unter den Ermittlern sind Experten von Scotland Yard und Interpol. Aus der Bevölkerung gehen innerhalb kürzester Zeit mehr als 10.000 Hinweise ein.

Zwei mutmaßliche Täter innerhalb von zwei Tagen

Am 18. Dezember atmet Großbritannien auf. Sichtlich bewegt verkündet Polizeichef Gull in einer Pressekonferenz, dass die Fahnder einen Mann festgenommen haben, der in dringendem Verdacht stehe, alle fünf Frauen ermordet zu haben. Der 37-jährige Supermarkzangestellte Tom S. hat am Wochenende vor seiner Festnahme ein Interview gegeben, in dem er freimütig von seinem engen Kontakt zu den fünf toten Frauen spricht. Er sieht sich als ihr Beschützer, bestreitet die Vorwürfe, die gegen ihn erhoben werden.

Dem "Sunday Mirror" sagte er: "Laut dem Profil, dass die Ermittler erstellt haben, könnte ich es sein. Ein weißer Mann zwischen 25 und 40 Jahren, der die Gegend kennt und zu außergewöhnlichen Zeiten arbeitet." Bereits unmittelbar nach dem Verschwinden der ersten Frau, der 19-jährigen Tania Nichol, war S. zum ersten Mal von den Polizisten befragt worden.

Nur einen Tag später haben die Journalisten in Ipswich scheinbar ein Déjà-vu-Erlebnis. Gull tritt erneut vor die Presse und seine Worte gleichen denen des Vortages. Man habe einen Mann festgenommen, der im Verdacht stehe, im Raum Ipswich fünf Prostituierte ermordet zu haben.

Innerhalb von zwei Tagen hat die Polizei zwei mutmaßliche "Würger von Ipswich" inhaftiert.

Alles ein böser Traum

Am 21. Dezember erhebt die Staatsanwaltschaft Anklage gegen Steve W., der gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin am Rande des Rotlichtviertels von Ipswich lebt. Tom S. wird gegen die Zahlung einer Kaution frei gelassen.

In den folgenden Tagen gelangen immer mehr Details aus W.'s Privatleben an die Öffentlichkeit. Der Gabelstaplerfahrer und frühere Steward des Luxusschiffes "Queen Elizabeth 2" soll vor allem in Frauenkleidern auf die Suche nach Prostituierten gegangen sein. Der dreifache Vater ist einer der Stammkunden im Rotlichtviertel von Ipswich.

W. bestreitet die Vorwürfe. In der Untersuchungshaft hat er seine Unschuld in einem dreiseitigen Brief beteuert. Er bete, dass er eines Tages aufwache und erkenne, dass die Vorwürfe gegen ihn und das Verfahren "nur ein böser Traum sind", heißt es darin.

Die Staatsanwaltschaft strebt im Verfahren eine lebenslange Haftstrafe W.s an. Über mögliche Motive des 49-Jährigen wurde bislang nichts bekannt. Über Schuld oder Unschuld müssen am Ende des Prozesses Geschworene entscheiden.

Die Prostituierten-Verbände in Großbritannien hatten unmittelbar nach den Morden gehofft, die britische Regierung unterstütze die Frauen künftig bei der Überwindung von Drogenproblemen und der Suche nach einer legalen Beschäftigung. Immer lauter wurde die Forderung, Bordelle zu legalisieren, um die Frauen von der Straße und somit aus dem rechtsfreien Raum zu holen. Ein vom Innenministerium ins Leben gerufenes Pilotprojekt versuchte in Ipswich, Frauen Perspektiven jenseits der Prostitution zu eröffnen.

Inzwischen, so sagen die Prostituierten aus Ipswich, sei von der Hilfe aber nicht mehr viel übrig. "Unmittelbar nach den Morden hat man uns wirklich unterstützt", zitiert der "Guardian" eine Frau namens Jill. "Sie haben uns eine Nummer gegeben, an die wir SMS schicken können, um zu schreiben, wohin wir mit einem Freier gehen. Aber die Nummer funktioniert nicht mehr. Einige Wochen später hat die Polizei wieder damit begonnen, uns wegen Kontaktanbahnung und Herumlungern auf der Straße festzunehmen und zu beschimpfen."



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