Zum Tode verurteilte Iranerin "Sie wollen aus ihr eine unbarmherzige Hure machen"

Die 26-jährige Reyhaneh Jabbari wartet auf ihren Tod. Sie hat einen Ex-Agenten umgebracht. Notwehr, sagt sie, er wollte sie vergewaltigen. Mord, urteilte die iranische Justiz. Nur die Familie des Getöteten könnte sie noch retten.
Von Gesa Mayr
Reyhaneh Jabbari am 15. Dezember 2008 vor Gericht in Teheran: "Sie kämpft wie eine Löwin."

Reyhaneh Jabbari am 15. Dezember 2008 vor Gericht in Teheran: "Sie kämpft wie eine Löwin."

Foto: GOLARA SAJADIAN/ AFP

Hamburg/Teheran - An einem Tag im Juli 2007 bekam Reyhaneh Jabbari einen neuen Auftrag. 19 Jahre war sie alt, studierte Informatik und arbeitete neben der Uni als Innenausstatterin. Sie saß in einem Eiscafé, als sie von einem Mann angesprochen wurde. Er gab sich als Arzt aus und bot ihr einen Job an: Sein Büro müsse eingerichtet werden.

Jabbari sagte zu, einige Tage später saß sie im Auto ihres Auftraggebers. Doch statt zu seiner Praxis brachte der Mann sie in eine Wohnung. Eine Wohnung, die offensichtlich schon länger unbewohnt war. Als die junge Frau misstrauisch wurde, griff er sie an und versuchte, sie zu vergewaltigen. Die junge Frau wehrte sich, schließlich stach sie ihm mit einem Messer in den Rücken und flüchtete. Sie rief noch einen Krankenwagen. Zu spät, der Mann starb später im Krankenhaus.

So schilderte die Studentin den Hergang, so schilderten es die Beobachter der Vereinten Nationen und der Menschenrechtsorganisation Amnesty International. Und so schildert es ihr Onkel Fariborz Jabbari SPIEGEL ONLINE. Er gibt an, seit 35 Jahren in Berlin zu leben, mehrfach täglich telefoniere er mit seinem Bruder, dem Vater von Reyhaneh.

"Der Mann hat Kondome aus einer Tüte genommen und sie gefragt, ob sie weiß, was das ist", sagt Fariborz Jabbari. Dann habe der Mann versucht, seine Nichte zu küssen, zu umarmen, sie bedrängt. Als sie sich wehrte, sei er böse geworden und auf sie losgegangen.

"Auf dem Revier waren nicht nur Polizisten"

Mitten in der Nacht holte die Polizei Reyhaneh Jabbari aus dem Bett. Mitkommen, Mordverdacht. Ihrem Onkel zufolge hatten die Polizisten auf dem Handy des Opfers ihre Telefonnummer gefunden. "Auf dem Revier waren nicht nur Polizisten", sagt Jabbari. Da seien wichtige Männer in Anzügen herumgeschlichen.

Bei dem angeblichen Arzt handelt es sich um ein ehemaliges Mitglied des iranischen Geheimdienstes. Morteza Abdolali Sarbandi, 47 Jahre alt, verheiratet, Vater.

Zwei Jahre später verurteilte die iranische Justiz Reyhaneh Jabbari wegen Mordes, nicht wegen Notwehr. Das oberste Gericht bestätigte den Schuldspruch. Die Strafe: Tod durch Strang.

26 Jahre ist Reyhaneh Jabbari heute alt. Ende September sollte sie hingerichtet werden. Nachdem ihr Schicksal seit Monaten international für Proteste sorgte, wurde ihr offenbar Aufschub gewährt. Zehn Tage, vielleicht mehr, vielleicht weniger, vielleicht schon am heutigen Mittwoch. Die Nachrichtenagentur Mehr meldete am Abend, die Hinrichtung habe nicht stattgefunden. Es blieb aber unklar, ob das Todesurteil ganz revidiert oder die Vollstreckung nur verschoben wurde.

Im Radschaei-Schahr-Gefängnis im Westen des Landes wartet Jabbari auf eine Entscheidung. Ihre persönlichen Gegenstände musste sie ihrer Mutter zufolge bereits abgeben. "Von diesem Termin haben wir aus den Medien erfahren, offiziell hat uns niemand darüber informiert", sagte  Shole Pakravan der Deutschen Welle. Sie habe noch am Dienstag mit ihrer Tochter telefoniert. Sie sei verwirrt gewesen. Und müde.

Uno: Große Zweifel an einem rechtsstaatlichen Verfahren

In den vergangenen Monaten war immer wieder an die iranische Regierung appelliert worden, den Fall Jabbari zu überprüfen. Eine Online-Petition  fand mehr als 200.000 Unterzeichner, auf Facebook  forderten Unterstützer: "Save Reyhaneh." Die EU sei zutiefst besorgt über die bevorstehende Exekution von Jabbari. Es gebe Hinweise, die die Integrität des Verfahrens infrage stellten, hieß es in einer Mitteilung . Das US-Außenministerium äußerte  ähnlich schwere Vorbehalte.

Der Sonderbotschafter der Vereinten Nationen, Ahmed Shaheed, sagte , der Fall werfe große Zweifel an einem rechtsstaatlichen Verfahren auf. "Vor allem mit Blick auf ihre Befragung und die Weigerung des Gerichts, alle relevanten Umstände bei dem Urteil zu berücksichtigen."

Demnach habe die Studentin die Tat zwar gestanden, allerdings in Abwesenheit eines Rechtsbeistands und eventuell sogar unter Folter. Nach ihrer Verhaftung sei sie zwei Monate in Einzelhaft gesteckt worden, ohne Kontakt zu einem Anwalt, ohne Kontakt zu ihrer Familie.

Beweise seien bei der Urteilsfindung unterschlagen worden. So sei am Tatort ein Glas Saft mit einem Betäubungsmittel gefunden worden.

Die Schilderungen der Uno und von Amnesty decken sich mit den Informationen des Onkels. Die Kondome, das Betäubungsmittel - das alles stehe auch in der Akte. "Sie wurde bedroht, sie wurde gequält und schikaniert, damit sie die Tat gesteht", sagt Fariborz Jabbari. "Sie haben ihr gesagt, ihre Eltern wollen nichts mehr mit ihr zu tun haben." Schließlich wollten sie, dass Reyhaneh Jabbari den Vergewaltigungsvorwurf widerruft. "Um die Ehre des Geheimdiensts und des Mannes wiederherzustellen", sagt ihr Onkel. Aber sie will nicht. "Sie kämpft wie eine Löwin."

Unbekannter Dritter

Immer wieder wird in dem Fall Jabbari ein zweiter Mann erwähnt. Ihr Onkel sagt, die Männer seien meist zu zweit aufgetreten. Sie hätten Reyhaneh Jabbari auch zu zweit abgeholt. Der andere Mann sei nicht mit in die Wohnung hinauf gekommen, später aber zurückgekehrt. Laut Amnesty International forcierte Jabbaris Anwalt Ermittlungen gegen einen weiteren Beteiligten. Doch Mitte September sei die Gefangene unter Druck gesetzt worden, ihren Verteidiger zu wechseln.

Die Staatsanwaltschaft argumentiert, Reyhaneh Jabbari sei aus privaten, nicht aus geschäftlichen Gründen in die Wohnung gegangen. Außerdem habe die Gerichtsmedizin keine Anzeichen einer Vergewaltigung festgestellt. Allerdings konnten die Strafermittler nicht überzeugend erklären, aus welchem Grund Jabbari den Mann erstochen haben soll.

Es seien viele Lügen verbreitet worden, sagt Fariborz Jabbari. Dass ihr Vater ein Trinker und ihre Mutter eine Prostituierte sei, dass sie als Kind geschlagen wurde. Sie habe Sarbandi beim Beten erstochen. "Sie wollen aus ihm einen Märtyrer und aus ihr eine unbarmherzige Hure machen", sagt Fariborz Jabbari. Er vermutet, dass seine Nichte nicht nur Opfer ihres Peinigers wurde, sondern auch Opfer rivalisierender Gewalten - der eher moderaten Rohani-Regierung und der konservativen Justiz.

Keine Gnade

Das Schicksal der 26-Jährigen liegt nun in den Händen der Familie des Toten. Nach iranischem Recht der "Qesas", dem Vergeltungsgesetz nach dem Prinzip Auge um Auge, Zahn um Zahn, kann sie die Verurteilte begnadigen. Iranische Persönlichkeiten wie der Oscar-Preisträger Asghar Farhadi forderten die Familie auf, die Todesstrafe auszusetzen. Bislang zeigte die Familie Sarbandi jedoch keine Anzeichen, Jabbari vergeben zu wollen.

Auch Reyhanehs Onkel hat mit der Familie gesprochen. Sarbandis Sohn Jalal flehte er an, auf die Vollstreckung der Todesstrafe zu verzichten. Doch der antwortete ihm nur, was er bereits im April erklärte . Reyhaneh Jabbari werde nur Gnade erfahren, wenn sie endlich die Wahrheit sage. "Aber die Wahrheit", sagt Fariborz Jabbari, "ist was sie sagen wollen."

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