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31. Juli 2011, 09:21 Uhr

Iran

Säureopfer verzichtet auf Racheakt

Der Fall hatte weltweit für Aufsehen gesorgt: Ein iranisches Scharia-Gericht sprach dem Säureopfer Amene Bahrami das Recht zu, ihren Peiniger blenden zu dürfen. Nun hat sie auf die Vergeltung verzichtet - in letzter Minute.

Teheran - Es war im November 2004, als Madschid Mowahedi der Studentin Amene Bahrami Schwefelsäure ins Gesicht schüttete. Bahrami hatte seinen Heiratswunsch abgewiesen. Sie verlor ihr Augenlicht, ihr Gesicht wurde entstellt - aber sie lebte. Später sagte Bahrami, Mowahedi habe "höhnisch gelacht", als ihre Augen verbrannten.

Mowahedi wurde 2009 von einem Scharia-Gericht verurteilt. Die Richter befanden, der Mann habe vorsätzlich gehandelt. Für das sogenannte Qisas-Delikt wurde er nach dem Talionsprinzip bestraft: Dem Opfer wurde das Recht zugesprochen, dem Angeklagten das Augenlicht zu nehmen. Und Bahrami wollte Rache nehmen.

Am Sonntag sollte das Urteil in Teheran vollstreckt werden. Fünf Säuretropfen ins linke Auge, fünf ins rechte. In Interviews zeigte sich Bahrami entschlossen, von ihrem Recht Gebrauch zu machen.

"Niemand kann auch nur erahnen, was ich durchgemacht habe", sagte sie im Mai im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Für den Moment der Rache habe sie lange gekämpft. "Unser islamisches Recht steht auf meiner Seite. Wer mir mein Augenlicht nimmt, dem darf ich auch sein Augenlicht nehmen."

"Ich habe dies aus diversen Gründen getan"

Doch nun hat sie sich anders entschieden: Der staatliche iranische Sender Irib meldete am Sonntag, Bahrami verzichte auf die Vergeltung. Sie habe dem Mann kurz vor der Vollstreckung vergeben.

Der Teheraner Staatsanwalt Dschafar Dolatabadi bestätigte der Nachrichtenagentur Isna zufolge, dass Bahrami von der für Sonntag geplanten Blendung ihres Angreifers absehen wolle. Die junge Frau verlange nun eine finanzielle Entschädigung mit "Blutgeld".

In einem ersten Urteil hatten die Richter eine zwölfjährige Haftstrafe für Mohawedi verhängt. Sie standen Bahrami auch das Recht auf Rache zu. Allerdings gestattete man ihr lediglich, ein Auge des Attentäters mit Säure zu verätzen. Die Begründung: "Nach iranischem Recht und laut dem heiligen Buch des Koran ist eine Frau halb so viel wert wie ein Mann. Folglich zählen zwei Augen einer Frau so viel wie ein Auge eines Mannes." Sollte sie den Wunsch verspüren, auch das zweite Auge zu zerstören, müsse sie umgerechnet 14.000 Euro dafür berappen, so der Richter damals.

Nicht nur zahlreiche Menschenrechtsaktivisten und Exil-Iraner, auch der mächtige Chef der iranischen Justiz, Ayatollah Mahmoud Hashemi Shahroudi, baten Bahrami, auf den grausigen Akt der Vergeltung zu verzichten. Doch sie blieb hart und erreichte schließlich ihr Ziel: Die Richter gestatteten Bahrami, Mohawedi beidseitig zu blenden - weil ihre schweren Gesichts- und Handverletzungen gegen das zweite Auge "aufgerechnet" wurden.

Bahrami sagte nun der Nachrichtenagentur Isna, dass sie ihrem Peiniger verziehen habe. "Ich habe dies aus diversen Gründen getan: wegen Gott, für mein Land und für mich selbst." Außerdem habe ihre Familie diese Rache nicht gewollt. "Ich habe sieben Jahre dafür gekämpft, dass diese 'Auge-um-Auge'-Bestrafung ausgeführt wird, aber ich fühle mich jetzt befreit, dass es nicht geschehen ist", sagte sie. Nun sollte der Staat sie bei der medizinischen Behandlung unterstützen.

bim/AFP/dpa

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