Eine IS-Geisel berichtet Im grausamen Universum von "Jihadi John"

Ein spanischer Journalist hat erstmals über seine IS-Gefangenschaft gesprochen. Er berichtet von Scheinhinrichtungen, Hunger und Wahnsinn. Und von "Jihadi John", der großen Spaß an grausigem Theater hatte.

Spanischer Reporter Espinosa: "Ein Universum, das von der Paranoia einer Gruppe Maskierter regiert wurde"
AP

Spanischer Reporter Espinosa: "Ein Universum, das von der Paranoia einer Gruppe Maskierter regiert wurde"


London/Madrid - Er war der Gefangene Nummer 43: Genau 194 Tage verbrachte der spanische Reporter Javier Espinosa in der Gewalt des "Islamischen Staates" (IS). Er überlebte Folter, durchlitt Scheinhinrichtungen. Jetzt hat der Korrespondent der spanischen Zeitung "El Mundo" erstmals über seine Zeit in den Gefangenenlagern der Islamisten gesprochen.

Zusammen mit dem Fotografen Ricardo García Vilanova wurde Espinosa im September 2013 von Dschihadisten in Syrien entführt und im März 2014 freigelassen. Er habe nicht früher über seine Erfahrungen reden können, da die Islamisten ihm gedroht hätten, Geiseln zu töten, sagte er nun der "Sunday Times".

Insgesamt wurden laut Espinosa sechs Menschen exekutiert, die US-Amerikanerin Kayla Mueller wurde angeblich bei einem Luftangriff getötet. Der Brite John Cantlie soll noch immer in der Gewalt des IS sein, 15 Geiseln wurden befreit.

Was Espinosa berichtet, ist eine Bestätigung dessen, was man bereits durch die grausige mediale Inszenierung von Hinrichtungen durch den IS selbst weiß: dass die islamistischen Kämpfer skrupellos foltern und töten. Und dass sie die Gefangenen mit Psychoterror malträtieren.

Espinosa berichtet, der als "Jihadi John" berüchtigte IS-Henker Mohammed Emwazi habe mit einer Klinge seinen Nacken gestreichelt und dabei gesagt: "Spürst du das? Kalt, oder? Kannst du dir den Schmerz vorstellen, wenn die Klinge schneidet? Ein unvorstellbarer Schmerz."

Dann habe Emwazi seine Halsschlagader mit der Klinge berührt: "Der erste Schnitt wird deine Venen durchtrennen. Das Blut wird sich mit deinem Speichel vermischen." Der zweite Schnitt öffne den Hals. "An diesem Punkt kannst du nicht mehr durch die Nase atmen, nur über die Kehle. Du wirst lustige, kehlige Laute von dir geben." Mit dem dritten Schlag werde er den Kopf abtrennen und ihn ihm auf den Rücken legen.

Pistole an die Schläfe

Danach habe "Jihadi John" eine ungeladene Pistole an seine Schläfe gehalten und dreimal abgedrückt. Seine Bewacher hätten diese Form des Theaters geliebt. Für seine Drohung habe Emwazi ein altes Schwert benutzt, die Klinge etwa einen Meter lang. "Jihadi John wollte das maximale Drama", so die Ex-Geisel bitter.

"Jihadi John": "Das Blut wird sich mit deinem Speichel vermischen"
AP

"Jihadi John": "Das Blut wird sich mit deinem Speichel vermischen"

Emwazi hatte vor laufender Kamera den Journalisten James Foley enthauptet. Der 26-Jährige habe viele Scheinhinrichtungen durchgeführt, berichtete Espinosa, der mit 23 weiteren Gefangenen aus den USA, Lateinamerika und Europa festgehalten wurde.

Während seiner Gefangenschaft lernte er den britischen Entwicklungshelfer Alan Henning, den US-Journalisten James Foley sowie den US-Katastrophenhelfer und Ex-Soldaten Peter Kassig kennen. Sie alle überlebten die Gefangenschaft nicht.

Zunächst waren die Gefangenen in der Nähe von Aleppo in einem Möbellager untergebracht, das zu einem Dschihadisten-Zentrum umgebaut worden war. So berichtet es Espinosa in "El Mundo". Dutzende von IS-Aktivisten von überall her hätten sich dort eingefunden, Afrikaner, Briten, Libyer. "Später tauchte ein Typ auf, der perfektes Katalanisch sprach, mit andalusischem Akzent."

Lange hätten sie während ihrer Gefangenschaft mit verbundenen Augen und ohne Wasser vor sich hinvegetiert. Man habe ihnen nicht erlaubt, zur Toilette zu gehen. Als die Temperaturen sanken, hätten sie ohne Decken und entsprechende Kleidung bitterlich gefroren.

Vor der Hinrichtung den Verstand verloren

Die Verzweiflung sei so groß gewesen, dass sie beschlossen hätten mit einem Feuerzeug alles anzuzünden und dann aus dem Fenster ihres Gefängnisses zu springen. Doch dann hätten die Schergen sie nach "Guantanamo" gebracht. "Wir waren auf dem Weg in das wahnsinnige Universum der 'Beatles'", berichtet Espinosa. So hatten die Geiseln das Terror-Quartett genannt, dem sie ausgeliefert waren - den IS-Schergen John, Ringo, Paul und George. Der Amerikaner James Foley und der Brite John Cantlie hätten zweimal versucht zu fliehen - erfolglos. James Foley sei das bevorzugte Opfer der "Beatles" gewesen, so Espinosa.

In "Guantanamo" seien sie entkleidet worden. Dann habe man sie in eine orangefarbene Uniform gesteckt und jedem eine Nummer zugeteilt. "Ab jetzt identifiziert sich jeder nur noch mit seiner Nummer!", habe der Befehl gelautet.

Viele Gefangene dort seien in einem sehr schlechten Zustand gewesen. Einer habe mehr als 30 Kilogramm abgenommen, weil man ihm nur einige Oliven am Tag zu essen gegeben habe. Der russische Ingenieur Sergej Gorbunow sei so schlimm gefoltert worden, dass er vor seiner Hinrichtung den Verstand verlor, berichtet Espinosa.

Ihr "Guantanamo" sei - wie sein US-Vorbild - ein Ort des Wahnsinns gewesen, "ein Universum, das von der Paranoia einer Gruppe Maskierter regiert wurde, die erklärten, dass sie die Welt mit dem islamischem Recht beherrschen wollten - die sich aber trotzdem um so unbedeutende Belange wie Geruchsbelästigung kümmerten". Die Gefangenen hätten auf Grund der systematischen Verwahrlosung übel gerochen. Die Bewacher hätten dies als Provokation empfunden - nur ein weiterer Pseudo-Grund, um mit der Folter und dem Morden fortzufahren.

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