Deso Doggs Witwe vor Gericht "Uns fehlte es an nichts"

Die Witwe des IS-Kämpfers Denis Cuspert will raus aus der Untersuchungshaft. Im Prozess verlas der Richter nun ein Geständnis der mutmaßlichen Terroristin. Sie bereue ihre Reise nach Syrien. Aber: Sie fand nicht alles schlecht im "Islamischen Staat".
Angeklagte Omaima A. neben ihrem Verteidiger: "Von der Kosmetikerin zur IS-Witwe"

Angeklagte Omaima A. neben ihrem Verteidiger: "Von der Kosmetikerin zur IS-Witwe"

Foto: Pool/ Getty Images

Der Entschluss, ihr Kopftuch abzulegen, scheint für Omaima A. ein einschneidender gewesen zu sein. Im August 2018 hörte sie auf, es zu tragen. Zwei Jahre zuvor war sie aus Syrien in ihre Geburtsstadt Hamburg zurückgekehrt. Dort hatte sie sich voll verschleiert, nur ihre Augen konnte man sehen. Aber erst in diesem Moment, als sie das Kopftuch für immer ablegte, scheint sie die Dimension ihres Fehlers realisiert zu haben.

So klingen zumindest ihre Worte, die der Vorsitzende des Staatsschutzsenats Norbert Sakuth an diesem zweiten Verhandlungssaal im Landgericht Hamburg vorträgt. Sie wurden am 20. April protokolliert, als Omaima A. bei einer Haftprüfung darum bat, nach fast acht Monaten aus der Untersuchungshaft entlassen zu werden.

Der Generalbundesanwalt hat Omaima A. angeklagt wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, sie soll sich in Syrien dem "Islamischen Staat" (IS) angeschlossen, für ihn Propaganda gemacht und eine 13 Jahre alte Jesidin als Sklavin gehalten haben.

"Gucken wir uns den 'Islamischen Staat' mal an"

Nichts davon sei wahr, beteuerte Omaima A. bei jenem Haftprüfungstermin vor knapp drei Wochen. Sie schilderte damals, wie sie am 13. Januar 2015 mit ihren drei Kindern über die Türkei nach Syrien reiste, zu ihrem zweiten Ehemann Nadir Hadra, der dort für den IS kämpfen wollte. Nach der Scheidung von einem Jugendfreund wollte sie diese Ehe retten. Gleichzeitig behauptet sie, Hadra sei in Hamburg gewalttätig gewesen, kurzzeitig habe man sich getrennt, er habe nach islamischem Ritus eine andere Frau geheiratet.

Ihre Worte klingen auch naiv. Sie habe damals gedacht: "Gucken wir uns den 'Islamischen Staat' mal an, von dem alle schwärmen", zitiert Sakuth die Angeklagte. In Rakka habe sie sich nur vollverschleiert auf die Straße getraut, weil sie sonst schikaniert und bedroht worden sei. Das habe sie - "obwohl ich eine starke Persönlichkeit bin" – nicht ausgehalten.

Nach dem frühen Tod ihres Ehemannes in Gefechten um Kobane, sechs Wochen nach ihrer Ankunft, habe sie vom IS 1000 US-Dollar erhalten und weitere 310 US-Dollar für die Kinder. Zuvor habe sie mit ihrer Familie nur von Erspartem gelebt.

In Hamburg wollte sie ein neues Leben beginnen

"Es gab viele schöne Dinge, die der IS auf die Beine gestellt hat", sagte Omaima A. dem Richter. Die Erneuerung von Straßen, das Pflanzen von Bäumen, die Innenstadt Rakkas. Die IS-Kämpfer hätten die Frauen der getöteten Kameraden unterstützt, für sie eingekauft.

Sie berichtet, wie sie im August 2015 Denis Cuspert, dessen Karriere als Gangsta-Rapper Deso Dogg eher floppte, heiratete. Er sei einer von zwei besten Freunden ihres verstorbenen Mannes gewesen; dieser habe sich gewünscht, dass sie nach seinem Tod einen der beiden heiratet. Cuspert habe sie bereits 2012 in Deutschland heiraten wollen. "Ich kam gut mit ihm klar. Uns fehlte es an nichts. Die Kinder kannten ihn bereits als Onkel."

Es bleibt offen, warum sie, zum vierten Mal schwanger, ein Jahr nach der Heirat über die Türkei zurück in ihre Geburtsstadt reist. In Hamburg habe sie mit ihren vier Kindern im Reihenhaus ihrer Eltern, die hauptsächlich in Tunesien leben, gewohnt. Im August 2018 habe sie sich dann entschieden, ihr Kopftuch abzulegen, weil sie nicht länger darauf reduziert werden wollte. Ohne Kopftuch habe sie auch als ehrenamtliche Übersetzerin für Geflüchtete mehr erreichen können, sagt Omaima A.

"Von der angehenden Kosmetikerin zur IS-Witwe"

Das alles klingt nach einem neuen Lebensabschnitt: Nun zeigte A. ihre langen, schwarzen Haare; hörte auf, Moscheen zu besuchen; brach den Kontakt zu "konservativen Schwestern" ab und genoss angeblich besonders ein Gefühl: "Ich muss es keinem Mann mehr recht machen."

Neben ihrer Arbeit für einen Verein, der arabische Frauen bei Behördengängen und Deutschkursen unterstützt, feilte Omaima A. an ihren Plänen, sich als Kosmetikerin mit einem eigenen Studio selbstständig zu machen. Endlich, so beschrieb sie es dem Senatsvorsitzenden, habe sie "das Glück auf meiner Seite" erlebt. Doch dann habe die libanesische Reporterin Jenan Moussa sie geoutet: "Von der angehenden Kosmetikerin zur IS-Witwe."

Die Vorwürfe des Generalbundesanwalts streitet Omaima A. bis heute ab: Sie will keine Kalaschnikow besessen, kein 13-jähriges Mädchen als Sklavin gehalten haben. "Ich bin kein Staatsfeind, denn ich sehe Deutschland als meinen Staat an."

Die Untersuchungshaft setze ihr zu, sagt sie: Eine Stunde Freigang am Tag, den Rest muss sie in ihrer Zelle oder einem abgeschlossenen Raum verbringen. Seit Ausbruch der Corona-Pandemie sind Telefon- und Besuchstermine in der Haft gestrichen. Die Sehnsucht nach ihren Kindern, die Angst um ihre Eltern, die zur Covid-19-Risikogruppe zählen, seien enorm.

Ihre Reise nach Syrien sei ein Fehler gewesen, beteuert Omaima A., sie bereue "die größte Dummheit meines Lebens": "Ich habe mich hinreißen lassen."

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