Prozess gegen mutmaßliche IS-Frau "Wie Prostituierte haben sie uns da behandelt"

Warum reist eine erwachsene deutsche Frau in das IS-Kriegsgebiet? "Gehirnwäsche", sagt die 50-jährige Syrien-Rückkehrerin Annette L. als Zeugin vor Gericht. "Die haben das echt drauf."

Angeklagte Jennifer W. (Archiv): Sie war halt sehr verliebt
Peter Kneffel/dpa

Angeklagte Jennifer W. (Archiv): Sie war halt sehr verliebt

Von Wiebke Ramm, München


Für die Mutter von Jennifer W. ist es ein schwerer Gang. Ihre Tochter auf der Anklagebank zu sehen, nimmt die Frau sichtlich mit. Ilona W. ist blass und wirkt abgemagert.

Vor dem Oberlandesgericht München sagt die Mutter nur ein paar Worte. Sie nennt ihr Alter, 53, sagt, dass sie Hausfrau ist und im niedersächsischen Lohne wohnt. Über die Radikalisierung ihrer Tochter, deren Reise zum "Islamischen Staat" (IS) nach Syrien im Jahr 2014 und ihren eigenen Kampf, die Tochter zurück nach Deutschland zu holen, sagt Ilona W. nichts. Sie muss es nicht tun. Als Mutter darf sie das Zeugnis verweigern.

Jennifer W. war schwanger, als sie im Januar 2016 nach Lohne zurückkehrte. Ihr dreijähriges Mädchen wächst bei Ilona W. auf. Die Pläne von Jennifer W. waren andere. Die 27-Jährige wollte 2018 mit ihrem Kind zurück ins Herrschaftsgebiet des IS. Sie kam nur bis Bayern, wo sie verhaftet wurde. Wegen IS-Mitgliedschaft, Sklavenhandels, Folter und Mordes durch Unterlassen droht Jennifer W. nun eine lebenslange Freiheitsstrafe.

Ihr Mutter schweigt vor Gericht, eine Bekannte von Jennifer W. tut es am selben Tag nicht. Und wenn es stimmt, was diese Zeugin sagt, dann ist die Antwort auf die Frage, was Jennifer W. motiviert hat, sich dem IS anzuschließen, erschreckend profan. "Sie ist für einen Mann dorthin gekommen", sagt die Zeugin: "Sie war halt sehr verliebt." Den Mann, ein IS-Mitglied, kannte Jennifer W. über Facebook.

"Das ist die Hölle"

Auch die Zeugin, Annette L., war beim IS. In der syrischen Stadt Rakka traf sie 2014 auf Jennifer W. "Ich glaube, wir beide haben fast die gleiche Geschichte", sagt die Zeugin. Beide hätten beim IS die Liebe gesucht. Doch während Jennifer W. dem IS laut Anklage nicht abgeschworen hat, lässt Annette L. keinen Zweifel daran, dass sie selbst nichts mehr mit der Terrororganisation verbinde. "Das ist die Hölle", sagt sie. Und: "Wie Prostituierte haben sie uns da behandelt."

Annette L. wirkt selbstbewusst. Sie ist 50 Jahre alt, lebt in Berlin und ist gelernte Bauzeichnerin. Seit 15 Jahren sei sie Muslimin. Vor Gericht erscheint sie in heller weiter Kleidung, ihre Haare hat sie mit einer hellblauen Mütze bedeckt.

"Dann erzählen Sie mal", bittet der Vorsitzende Richter Reinhold Baier - und mehr braucht es nicht, damit aus Annette L. die Sätze nur so hervorsprudeln. Von 2011 an geriet ihr Leben demnach aus den Fugen. "Wohnung verloren, Kind weggenommen, erste Ehe gescheitert, zweite Ehe gescheitert - und dann ist man das perfekte Opfer für den IS: ,Komm hierher, hier wirst du wegen deiner Religion nicht verfolgt, hier musst du keine Miete zahlen.' Und dann bin ich weg." Im Dezember 2014 reiste sie nach Syrien.

Auch Annette L. hat den Weg zum IS über Facebook gefunden. Dort im Internet habe sie sich verstanden gefühlt. "Die kommen dann immer mit Koranversen und sagen, wenn man unterdrückt wird, dann solle man dahin gehen, wo man frei leben kann." So habe sie Kontakt zu einer IS-Anhängerin bekommen.

Annette L. scheint ihr eigenes Handeln mittlerweile fremd zu sein. Sie sagt: "Das ist doch Wahnsinn. Man geht doch nicht als Frau in ein Kriegsgebiet." Dass sie genau das tat, erklärt sie mit einer "Gehirnwäsche" durch den IS. "Die haben das echt drauf", sagt sie, "und dann kommt noch die Liebesschiene hinzu". Wie Jennifer W. sei auch sie wegen einer Facebook-Liebe zum IS gereist.

"Wenn ich das so sagen darf", hakt der Richter nach: "Sie sind heute 50 Jahre alt, vor fünf Jahren waren Sie ja auch kein Kind, keine Jugendliche mehr." Aber Annette L. kann ihm ihre Naivität auch nicht erklären.

"Jedes Gefängnis in Deutschland ist tausendmal besser"

Sie berichtet, dass sie in Syrien von einem sogenannten Frauenhaus ins nächste gekommen sei. Die Zustände seien furchtbar gewesen. "Jedes Gefängnis in Deutschland ist tausendmal besser." Sie hätten wenig Nahrung bekommen und das Haus nicht verlassen dürfen. Auch ihre Handys und Pässe hätten die Frauen abgeben müssen. Angeblich habe sie mit bis zu 100 Frauen in einem Haus in Rakka gelebt. Dort sei sie auf Jennifer W. getroffen.

Jennifer W. habe das Haus im Januar 2015 wieder verlassen, als sie einen IS-Anhänger geheiratet habe. Doch schon Ende April sei die Angeklagte ins Frauenhaus zurückgekehrt. "Sie war völlig traumatisiert, dadurch wie ihr Mann sie behandelt hatte." Der Richter fragt nach, was genau der Mann Jennifer W. angetan habe. Annette L. kann es nicht sagen.

Es bleibt alles im Vagen, was Annette L. wortreich und doch wenig detailliert berichtet. Und auch das Bild, das sie von Jennifer W. zeichnet, bleibt widersprüchlich. Jennifer W. sei "hoch intelligent", sagt die Zeugin: "Sie ist sehr selbstbewusst und lässt sich nicht unterdrücken."

Nach der ersten gescheiterten Ehe habe Jennifer W. schon wenige Monate später den nächsten Mann geheiratet. Dieser sei eine Art Arzt gewesen und habe "Geisteraustreibungen" im Frauenhaus in Rakka vorgenommen. Jennifer W. habe ihm gesagt, dass sie sich nicht um den Haushalt kümmern wolle. Er habe versprochen, eine Haushaltshilfe zu besorgen. Die beiden hätten Rakka verlassen und seien in den Irak gezogen.

Nach Überzeugung der Bundesanwaltschaft haben Jennifer W. und ihr Mann dort in Falludscha eine Frau und ihre Tochter als Sklaven im Haus gehalten. Das Kind soll die Qualen nicht überlebt haben. Es soll zur Strafe bei 45 Grad in der Sonne an ein Fenstergitter gekettet worden und verdurstet sein. Jennifer W. muss sich deswegen auch wegen Mordes vor Gericht verantworten.

Anfang 2016 kam Jennifer W. zurück nach Niedersachsen. Zwei Jahre später wollte sie zurück zum IS. Das Leben dort sei besser als in Deutschland, soll sie nach Erkenntnis der Ermittler geäußert haben. Annette L. sagt über Jennifer W. hingegen: "Sie hat den IS gehasst."

Es ist die Aufgabe des Gerichts herauszufinden, wie das alles zusammenpasst.



TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.