Italien Anti-Mafia-Kampf vor dem Zusammenbruch

Zwölf Tote in zehn Tagen - die Bilanz des jüngsten Clan-Kriegs in Neapel ist schockierend. Gleichzeitig hat im sizilianischen Catania eine ganze Anti-Mafia-Einheit hingeworfen, nachdem ihr selbst Benzin und Papier ausgegangen sind. Die Politik reagiert hilflos.

Von Philipp Kreisselmeier, Rom


Rom - "Dass in Neapel die Mafia anderthalb Jahrzehnte lang kein Thema war, das ist in etwa so, als wäre in Berlin 1989/90 nicht über die Wiedervereinigung gesprochen worden", sagt Marco De Marco. "Ein Paradoxon." De Marco ist Chefredakteur des "Corriere del Mezzogiorno", der süditalienischen Regionalausgabe des "Corriere della Sera".

Ein Polizist neben einem der drei jüngsten Mordopfer in Neapel
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Ein Polizist neben einem der drei jüngsten Mordopfer in Neapel

Jetzt wird allenthalben vom organisierten Verbrechen gesprochen; dafür sorgt schon seit einigen Wochen das Buch "Gomorra" von Roberto Saviano. Es folgten Todesdrohungen gegen den Autor, von Innenminister Amato verfügter Polizeischutz, Tausende von Solidaritätsbekundungen im Internet, Appelle von Intellektuellen wie Umberto Eco, gegen die "ehrenwerte Gesellschaft" einzuschreiten.

Man konnte an die Aufbruchsstimmung Anfang der neunziger Jahre denken, als die Anti-Mafia-Bewegung "Rete" (Netz) den Sprung ins Parlament schaffte und einige Rathäuser in Süditalien eroberte; oder an die gesellschaftliche Entschlossenheit und Geschlossenheit, mit der Italien in den siebziger Jahren den blutigen Polit-Terror ablehnte. Diese Atmosphäre wird nun gleichermaßen aufgeheizt und durcheinander gebracht durch einen Ausbruch exzessiver Gewalt: Gestern Abend hatten sich in der Stadt innerhalb von zwei Stunden drei Morde ereignet, bei denen es sich um "Abrechnungen der Camorra" handeln soll. Zwei Männer, die erst kürzlich aus der Haft kamen, wurden in der Nähe einer Polizeikaserne erschossen. Kurz darauf wurde der Besitzer eines Videoladens in seinem Geschäft umgebracht. "Zwölf Tote in zehn Tagen - eine tragische Auflistung", bilanziert die "Repubblica".

Mit Klopapier ins Büro

Schlechte Nachrichten kamen auch aus Catania, der zweitgrößten Stadt Siziliens: Die komplette, elfköpfige Anti-Mafia-Abteilung der Staatsanwaltschaft streikt wegen finanzieller Nöte. Die Klagen der italienischen Justiz sind nichts Neues - nicht nur, aber vor allem im Süden - fehlten die Mittel zur Anschaffung von Papier und Toner für Drucker und Kopierer, von neuen Computern ganz zu schweigen; da und dort mussten die Angestellten sogar das Klopapier ins Büro mitbringen.

Die elf Justiz-Fahnder aus Catania waren jahrelang auf eigene Rechnung mit den Dienstwagen (die aus Geldmangel nicht mehr ordentlich gewartet werden) zum Tanken gefahren; jetzt haben sie die Nase voll und zahlen das Benzin nicht mehr aus der eigenen Tasche. Dass ihr Protest unmittelbaren Erfolg hat, ist durch die Morde in Neapel und Umgebung weniger wahrscheinlich geworden.

"Die schlimmsten Tage seit langem"

Alle Mittel, die Justiz- und Innenministerium auf die Schnelle aufbringen können, fließen dieser Tage wohl in die Festlandsregion Kampanien: Tausend Polizisten zusätzlich hat Innenminister Giuliano Amato angekündigt. Auch die Entsendung von Militär wird - wieder einmal - erwogen; eine Überlegung, die in Italien weniger die Rechtsstaatsbedenken auslöst, die in Deutschland beim Stichwort "Bundeswehreinsätze im Inneren" laut werden. Vielmehr ist sie hierzulande ein Anzeichen für Ratlosigkeit.

Doch egal ob zusätzliche Polizisten, Carabinieri oder Heeressoldaten - es gilt, eine Fehde zu beenden, die offenbar um den lukrativen Rauschgiftmarkt im Schatten des Vesuvs ausgebrochen ist. Wie reibungslos der eigentlich funktioniert, lässt sich in Savianos Buch "Gomorra" nachlesen; und auch, wie der Streit zwischen den Clans üblicherweise ausgetragen wird: mit Mord an den Unbotmäßigen, die ihren Anteil am Geschäft zu Lasten der alteingesessenen Mächtigen ausbauen wollen.

Der aktuelle Kleinkrieg geht allerdings - zumindest quantitativ - über jene Gewalt hinaus, an die sich Süditalien gewöhnt hat. Auch Italiens Präsident Giorgio Napolitano, der nicht nur so heißt, sondern tatsächlich von dort stammt, spricht in einer Pressemitteilung vom 31.Oktober von "den schlimmsten Tagen, die Neapel seit langem erlebt". Es zeige sich hier eine Notlage, die weit über das Kriminelle hinausweise; es sei auch ein sozialer und kultureller Ausnahmezustand zu beklagen, so das Staatsoberhaupt.

Forderungen an Politik und Wirtschaft

Man hört dergleichen jedes Mal, wenn das Morden zunimmt, wenn das langjährige Mittel, von dem Saviano schreibt - zehn Tote im Monat - deutlich überschritten wird. Entsprechend lesen sich auch die Zeitungskommentare in den Allerheiligen-Ausgaben. Der "Messaggero" etwa fordert, abgesehen von der unmittelbar erforderlichen Antwort auf das Sicherheitsproblem im Süden sei mittelfristig auch die Wirtschafts-, Finanz- und Bildungspolitik gefragt. Steuerliche Anreize müssten Investitionen in die Region locken.

Und ähnlich wie das römische Blatt argumentiert die in Turin erscheinende "Stampa": Neapel sei wieder einmal das Zentrum einer "Nationalen Frage". Von aktuellen Problemen abgesehen seien dort weiterhin zwei Knoten aufzulösen; es gelte einerseits, den Einfluss der Camorra einzudämmen, und andererseits die Rolle der Lokalpolitik neu zu definieren.

Die Camorra - "eine Gesellschaft ohne und gegen den Staat" - habe aufgrund ihrer diffusen Strukturen unter roten Lokalregierungen und ihre Macht verfestigen können, so die "Stampa", wohingegen auf Sizilien zwischen der Mafia und der regierenden Democrazia Cristiana ein Pakt zweier quasi symmetrischer Mächte bestanden habe. Anders als auf der Insel liege in Neapel der Zunahme der Gewaltkriminalität also nicht das Zusammenspiel von Verbrecherorganisation und Politik zugrunde; vielmehr habe letztere sich nicht ausreichend gegen eine derartige Entwicklung gewehrt.

Oder, um noch einmal den neapolitanischen Chefredakteur Marco De Marco zu paraphrasieren: Kommunal- und Regionalpolitiker haben das Problem anderthalb Jahrzehnte lang einfach kaum zur Kenntnis genommen. Diese Zeiten könnten jetzt vorbei sein; nicht so sehr wegen des derzeitigen Blutvergießens - ähnliches hat es, ohne große Folgen, auch schon 2005 gegeben - sondern eher wegen des Bestsellers von Roberto Saviano. Er soll demnächst auf Deutsch erscheinen.



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