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05. August 2016, 13:43 Uhr

Gewalt gegen Frauen in Italien

Will sie nicht lieben, muss sie sterben

Von , Rom

Vania V. wurde von ihrem Ex-Freund verbrannt, Rosaria L. von ihrem Partner erstochen. In Italien häufen sich Morde von Männern an Frauen. Das Land diskutiert: Was steckt dahinter?

"Das war Pasquale, Pasquale R.", schrie die brennende Frau auf dem verlassenen Hinterhof eines einstigen Krankenhauses in Lucca, in dem jetzt nur noch medizinische Analysen erstellt werden. Angestellte hatten Schmerzensschreie gehört, versuchten, mit Wasser aus Flaschen und Eimern die Flammen zu löschen. Das dauerte.

Als der Rettungshubschrauber kam, schrie die Frau erneut "Pasquale R. war es". Im Krankenhaus von Pisa konstatierten die Ärzte Verbrennungen zweiten und dritten Grades auf 90 Prozent der Körperfläche des Opfers. Vania V., 46, Krankenschwester, war nicht zu retten. Sie starb am frühen Morgen des 3. August.

Pasquale R., 46, war noch am Vorabend von der Polizei festgenommen worden. Er reinigte gerade seinen Overall, roch nach Benzin, hatte eine Brandwunde am Arm und leugnete alles. Einen Tag später gestand er dann doch, die Frau mit Benzin übergossen zu haben. Aber angesteckt habe er sie nicht. Sein Verteidiger sprach von Unzurechnungsfähigkeit, sein Mandant nehme enorme Mengen an Psychopharmaka.

Pasquale R., verheiratet, drei Kinder, hatte lange Zeit eine Liebesbeziehung mit Vania V. Dann machte sie Schluss, er drohte, bettelte, schickte SMS, bombardierte sie mit Telefonaten, beschimpfte sie und bat um ein letztes Treffen. Das überlebte sie nicht.

Mord - das Ende einer Beziehung

Nahezu zeitgleich, weiter südlich, bei Caserta, wurde Rosaria L., 59, gefunden. Sie lag ein paar Meter neben ihrem Wohnmobil, im Schlafsack, mit zwölf Messerstichen im Rücken. Ihr Partner, Nicola P., fand sich mit dem blutigen Messer in der Hand bei den Carabinieri ein: Man habe sich gestritten.

Das Drehbuch ist immer ähnlich. Wenn sie ihn nicht mehr lieben will, dreht er durch. Sie gehört ihm, ist sein Besitz, hat sich zu fügen, hat zu gehorchen - und wenn sie "nein" sagt, setzt es Prügel. Und nicht eben selten wird die Frau verbrannt, erschlagen, erwürgt oder erstochen. "Femminicidio" nennt man in Italien diese Form der Tötung, eine Kombination von "Femmina", Frau, und "Omicidio", Mord.

Dabei ist es doch ein männlicher Defekt: Ausdruck eines verbreiteten Dominanzproblems vieler Männer. Der Frauenmord als Endstufe des Männlichkeitswahns ist in Italien allzu alltäglich. Fälle der vergangenen Wochen:

Insgesamt sind seit Anfang des Jahres in Italien 76 Frauen von ihren Partnern oder Ex-Partnern ermordet worden. In den vergangenen zehn Jahren sollen fast 1800 Ehefrauen, Verlobte, Freundinnen umgebracht worden sein, weil sie eine Beziehung beenden wollten oder sich in der Beziehung dem männlichen Partner nicht unterwarfen. Dazu kommt eine hohe Dunkelziffer, vermuten Experten.

Nicht nur in Italien, überall werden Frauen Opfer von familiären Gewaltverbrechen. In ganz Europa sind es laut Schätzungen des Europarats jeden Tag zwölf. Genaue und aktuelle Zahlen gibt es allerdings nicht.

Doch während es nördlich der Alpen eine breite Motivpalette für die Taten gibt, ist in Italien der Mord wegen einer gescheiterten Beziehung ein besonders ausgeprägtes Motiv. Der Anteil der Beziehungsdelikte an allen Tötungsfällen, so das Sozial- und Wirtschaftsforschungsinstitut Eures, steige sogar weiter an, seit 1999 habe er sich verdreifacht.

Die Debatte in Italien ist deshalb intensiver als anderswo - immer dann, wenn die Medien von besonders eklatanten Fällen berichten.

"Schluss mit den Tränen, handeln"

So auch in diesen Tagen, nach dem Doppelmord in Lucca und Caserta. Einig wie selten fordern Politikerinnen aus Regierung und Opposition: "Schluss mit den Tränen, handeln!" Die Ministerin Maria Elena Boschi, zuständig für Reformen, versprach umgehend ein Sofortprogramm gegen die tödliche Entfaltung eines enthemmten Männlichkeitswahns.

Am 8. September soll es ein Gipfeltreffen geben, auf dem Maßnahmen im "Kampf gegen sexuelle Gewalt" diskutiert und beschlossen werden. Die Polizei appelliert an "Frauen, die verfolgt, misshandelt oder belästigt werden", sich an Ermittler zu wenden. Es gebe eigens dafür geschultes Personal, das Zeit habe zuzuhören.

Wissenschaftlerinnen wie Irene Biemmi von der Universität Florenz raten, den Kampf gegen Sexismus schon in der Grundschule und in den Elternhäusern zu beginnen. Und alle sind sich einig, dass auch die Zentren, an die sich Frauen in Not wenden können, ausgebaut und finanziell besser ausgestattet werden müssen.

In der Praxis sieht das dann so aus: Nach einer breiten, empörten Debatte über den "Femminicidio" wurden im Juli 2014 den Regionen 16,5 Millionen Euro als Soforthilfe für die Finanzierung der Frauenhäuser zugeteilt. Viel angekommen sei davon nicht, sagt Titti Carrano vom Netzwerk der Frauenhilfszentren. Manche Regionen hätten das Geld einfach anderweitig verbraucht. Und für die Jahre 2015 und 2016 habe Rom nur noch ein paar Werbespots finanziert.

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